Die Räder drehen sich

Region  Der zurzeit größte Windpark Baden-Württembergs im Harthäuser Wald ist am Wochenende in Betrieb gegangen. Die Feierlichkeiten wurden von Protesten begleitet. Ministerpräsident Kretschmann lobte das Projekt und zeigte Verständnis für die Gegner.

Von unserer Redakteurin Julia Neuert

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Für einen Moment schwillt der Lärmpegel an: Trillerpfeifen, Buh-Rufe, Parolen. Als der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Umweltminister Franz Untersteller am Seehaus in Widdern ankommen, gehen sie direkt auf die Demonstranten zu, die sich am Rande des Festgeländes zu einer Kundgebung versammelt haben. Für fünf Minuten stehen sich Politiker und Gegner gegenüber. "Haut ab", brüllen ihnen viele der 250 Teilnehmer ins Gesicht. Bis sich der Tross um die Politiker auf den Weg in Richtung Zelt macht. Mit einem Bürgerfest ist der Windpark Harthäuser Wald am Samstag in Widdern eingeweiht worden.

Die Räder drehen sich
Laut Polizei demonstrieren rund 250 Teilnehmer gegen den Windpark Harthäuser Wald. Sie kritisieren den Eingriff in die Natur und nicht gehört worden zu sein.
Gemeinsam drücken die Landespolitiker, die Bürgermeister der beteiligten Kommunen Widdern, Jagsthausen, Hardthausen, Möckmühl und Forchtenberg sowie Vertreter von Zeag Erneuerbare Energien und Enercon den symbolische Startknopf des 70-Millionen-Euro-Projekts. Damit drehen sich seit Samstag offiziell die Rotorblätter der elf Windräder, die nach dem Baustart im Januar jetzt fertig gestellt sind. Bis Ende des Jahres sollen die letzten drei Anlagen laufen.

Den Festakt im Zelt, das den ganzen Tag über gut besucht ist, stören die Demonstranten nicht. Zahlreiche Landes- und Kommunalpolitiker ebenso wie Projektbeteiligte und Bürger wohnen der Einweihung von Baden-Württembergs derzeit größtem Windpark bei. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, noch ganz unter dem Eindruck seiner gerade beendeten China-Reise, äußert Verständnis. "Wir sind von einem Proteststurm empfangen worden. Da spürt man, dass man wieder zuhause ist", meint der Grünen-Politiker. "Das hat eine angenehme Note."

Die Räder drehen sich
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (rechts) und Umweltminister Franz Untersteller (daneben) gehen auf die Demonstranten zu. Fotos: Ralf Seidel

Demokratisch

Den Protest nennt Kretschmann ein legitimes Mittel in einer Demokratie. Die Landesregierung wolle Bürgerbeteiligung, umso wichtiger seien Rechtsstaat und Klarheit. Denn: "Dann weiß man, wann man gewonnen oder verloren hat." Dem Ausbau der Windkraft in Baden-Württemberg sei harte Vorarbeit vorausgegangen. Endlich sei der Knoten geplatzt. "Umso mehr freue ich mich, heute den Windpark Harthäuser Wald einweihen zu dürfen. Er ist ein sichtbares Zeichen für die Energiewende im Land." Wohlstand und Umweltschutz ließen sich verbinden, das zeige der Windpark.

Gleichzeitig lobte der Landeschef die Projektpartner, sich "der Mühe eines Bürgerdialogs" unterzogen zu haben. "Charmant" nennt der Ministerpräsident den Harthäuser Wald wegen der Beteiligung der Bürgerenergiegesellschaften der vier Kommunen aus dem Landkreis Heilbronn sowie Forchtenberg aus dem Hohenlohekreis. "Wenn wir nichts gegen den Klimawandel tun, wird sich unsere Landschaft nachhaltig verändern." Gerade weil Baden-Württemberg alleine nichts ausrichten könne, sei der Vorzeigecharakter von Projekten wie diesem für andere Länder umso wichtiger.

Die Räder drehen sich
Zufriedene Gesichter bei Betreiber, Projektpartnern, Landes- und Kommunalpolitikern, die gemeinsam die Rotorblätter der Windräder in Gang setzen.

Ziele

"Wir alle wissen, dass der Wind hier kräftig bläst", betont Umweltminister Franz Untersteller. Dem Ziel, bis 2020 zehn Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu gewinnen, sei das Land wieder ein Stück näher gekommen. "Es war ein langer und schwieriger Weg, den wir und Sie zu gehen hatten", sagt Untersteller. Das Harthäuser Modell sei ein gelungenes Beispiel, die Umsetzung in zweieinhalb Jahren wegen der Komplexität des Verfahrens kein schlechter Wert.

"Die Art und Weise, wie dieser Windpark entstand, hat Vorbildcharakter", meint auch Zeag-Vorstand Eckard Veil. Die größte Umweltwirkung habe der Windpark selbst.

Hardthausens Bürgermeister Harry Brunnet bekräftigt im Namen seiner Kollegen, dass die Kommunen sich in Sachen Bürgerbeteiligung nichts vorzuwerfen hätten. Trotz des Protestes spricht er von einem freudigen Tag. "Unser Ziel war es, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten." Er sei überzeugt, sagt Brunnet auch im Blick auf die Gegener, dass es gelungen sei, "die Natur zu unserem Freund zu machen".

  

 

 

 

 


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