Die Nachtzüge rollen noch

Reise  Die Deutsche Bahn hat Ende 2016 ihren Nachtzug-Service eingestellt. Doch die Österreichischen Bundesbahnen betreiben jetzt einige der Strecken - und bieten nicht nur Nostalgie für Eisenbahnfans. Eine Initiative kämpft für den Erhalt der Übernacht-Verbindungen.

Von Alexander Hettich

Retter der Nacht

Im Schlaf ans Ziel, schlummern im Rhythmus der Eisenbahn: Reisen im Nachtzug ist Nostalgie pur, zudem praktisch und umweltfreundlicher als Fliegen. Nachdem die Deutsche Bahn das angeblich unrentable Geschäft Ende 2016 aufgegeben hat, läuft der Verkehr auf einigen Strecken unter Regie der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) weiter. Doch in ganz Europa drohen Nachtzüge aufs Abstellgleis zu geraten, dagegen regt sich Protest.

Eine Nachtfahrt von Berlin über Karlsruhe nach Heilbronn bietet Muse, über ein gefährdetes Kulturgut nachzugrübeln.

Der Nachtzug: Stoff für Schriftsteller

Schon mal "Cats" gesehen? Vielleicht ist es die perfekte Vorbereitung auf eine Nachtzugfahrt, mal wieder in das angestaubte Musical reinzuhören. Ein Liedchen im Takt eines fahrenden Zuges handelt von Skimbleshanks, "the railway cat". Der smarte Vierbeiner gibt im noch viel smarteren Nachtexpress zwischen London und Schottland acht darauf, dass an Bord alles glatt geht. "Nightmail" heißt der Zug, "Stationmaster" der Stationsvorsteher, und Katze Skimbleshanks kümmert sich darum, dass jeder Passagier seinen Morgentee in der rechten Stärke serviert bekommt. Schon das ist Musik in den Ohren der Eisenbahn-Romantiker. Gallowgate − noch so ein klangvoller Name. Der Glasgower Endbahnhof der historischen Musicalreise ist längst Geschichte.

Dasselbe gilt für legendäre Züge wie den Orient-Express, der Bilder von Plüschabteilen und feinen Abendgesellschaften im Salonwagen hervorruft. Nachtzüge waren immer mehr als ein Verkehrsmittel. Ein Sehnsuchtsort, Inspiration für Schriftsteller. "Nachtzug nach Lissabon", "Mord im Orientexpress" oder "Grand Tour" setzen den rollenden Hotels ein literarisches Denkmal. Kaum vorstellbar, dass ein Roman im Billigflieger von Tegel nach Echterdingen spielt.

Nach dem Gepäckverladen kommt der Schlummertrunk

Retter der Nacht

Aber zurück in die Gegenwart. Sie ist ungleich profaner, aber es gibt sie noch, die Nachtzüge. EN 471 fährt pünktlich ein, die Strecke Berlin-Zürich über Karlsruhe ist offenbar gefragt. Zahlreiche Fahrgäste warten mit schwerem Gepäck am Gleis, darunter einige Familien mit Kindern. Der MP3-Player mit den "Cats"-Melodien verschwindet erst mal im Reisegepäck. Keine Katzen zu sehen.

Die Helfer im real existierenden Schlafwagen sind menschlich, sehr menschlich. Ein höflicher Herr in Uniform hilft beim Einladen des Gepäcks. "Mi verreißt's", scherzt die Schaffnerin in schönstem Wiener Schmäh. Soll heißen: Sie ist im Stress. Kaum ist der Zug aus dem Bahnhof, verlangt es offenbar jeden nach dem Schlummertrunk. Rotwein, etwas mehr als drei Euro das Fläschchen. Fair ist das. Den Kollegen, der mit einer Ladung Rosé ankommt, schickt die Wagenchefin resolut fort. "Bist narrisch." Rot wird gewünscht, dann ab in die Koje.

Eigene Dusche oder Sechserabteil

"Ganz schön winzig", sagt eine Schweizer Passagierin und blickt skeptisch die wenigen Stufen hinab, die zum "Economy Single" und den anderen Kajüten führen. Es gibt auch "Deluxe"-Abteile mit eigener Dusche − am anderen Ende der Skala Liegewagen mit sechs Pritschen, wie sie mancher aus seinen Interrail-Jahren in leidvoller Erinnerung haben mag. Im "Economy Single" misst die große Reisefreiheit vier, vielleicht fünf Quadratmeter, ausgestattet mit dem rührenden ÖBB-Willkommenspaket. Saft, Puschen. Passt. Wecken in Karlsruhe kurz vor fünf. Das ist der Haken der gewählten Route mit Umsteigen nach Heilbronn. "I sog Bscheid", meint die Schaffnerin.

In Nachtzügen auf deutschen Gleisen ist die Amtssprache Wienerisch, seit die Deutsche Bahn den Nachtzugverkehr im Dezember 2016 eingestellt hat und die Österreicher in die Bresche sprangen. Nachts geht es nun etwa von Hamburg oder Berlin nach Zürich, von Düsseldorf nach Österreich oder von München auf drei Routen nach Italien. Viele der alten City-Night-Line-Angebote der DB fielen weg, Stuttgart etwa ist vom Nachtzugnetz abgekoppelt.

Für die Deutsche Bahn waren Nachtzüge ein Verlustgeschäft

Retter der Nacht

Das "Nischengeschäft" sei stark defizitär, bekräftigten DB-Vertreter erst im Februar dieses Jahres vor dem Verkehrsausschuss des Bundestags. Die Linken-Fraktion hatte die Anhörung erwirkt. Sie fordert, notfalls mit Subvention die Nachtzüge zu retten. Diese haben laut Bahn 2015 einen Verlust von 30 Millionen Euro eingefahren, nur ein Prozent der Reisenden nutze Nachtzüge.

"Eine ziemliche Bankrotterklärung" nennt das Bernhard Knierim von der Initiative "Bahn für alle". Er hat eine Petition mit angestoßen. Rund 37.000 Unterschriften sammelten die Initiatoren. "Die Österreicher", betont der Berliner Bahnaktivist, "zeigen doch, dass es lukrativ geht." Die Auslastung sei sogar besser als geplant, berichtet ÖBB-Sprecher Bernhard Rieder auf Nachfrage unserer Zeitung. Das Unternehmen will die Nachtzugwagen für 20 Millionen Euro modernisieren, ab 2020 für fast eine Viertelmilliarde Euro neue Züge anschaffen. Das klingt nicht gerade so, als sei die Nachtschicht ein unternehmerisches Himmelfahrtskommando. "Besonders die Strecken in Deutschland", so der Sprecher, "laufen sehr gut."

Den Eindruck hat man auch an Bord von EN471. Der Zug ist gut gebucht. Geschäftig klappert die Schaffnerin die Abteile ab. Tickets kontrollieren, Frühstück organisieren. "Frühstück ist im Preis mit drin", informiert sie. Angesichts der Umstiegszeit morgens gegen 5 erscheint der Gedanke nicht so verlockend. Ein Kaffee wird?"s auch tun. Doch jetzt: Nachtruhe. Das kleine Abteil ist gemütlicher als gedacht. Draußen fliegen die Lichter vorbei. Der monotone Sound des Zuges − ein feines Wiegenlied.

Auch in anderen Ländern streichen Betreiber Nachtverbindungen

Bahnfreunde wie Bernhard Knierim sind keine Romantiker, er spielt nicht die Nostalgie-Karte. Sozial, ökologisch und − wenn man es richtig macht − rentabel seien die Züge, ist er überzeugt. Vorerst setzt Knierim auf die ÖBB als Retter der Nacht, die ihr Netz weiter ausbauen könnten. Die Deutsche Bahn, so die Kritiker, rechne den Nachtverkehr schlecht. "Man kann klar widerlegen, dass es kein Interesse der Kunden gibt." Schon eher unterstellt Knierim mangelndes Interesse der Betreiber, nicht nur in Deutschland. In Frankreich werden sechs der acht Schlummerlinien wohl den Sommer nicht überleben, nachdem der Staat Zuschüsse gestrichen hat. Vom einst stattlichen Nachtnetz der Bahngesellschaft SNCF bleiben zwei Linien von Paris in die Pyrenäen und die Alpen, die für international Reisende mäßig nützlich sind.

Nützlich ist die Verbindung Berlin-Karlsruhe auch dann, wenn man nach Heilbronn will. Die Schaffnerin klopft zum vereinbarten Zeitpunkt an die Tür. Einigermaßen ausgeschlafen geht es ans Umsteigen. Auch andere Nachteulen reisen von hier aus weiter − nach Stuttgart oder eben mit der Stadtbahn nach Heilbronn. Ein Kind sitzt vergnügt auf dem Rollkoffer und wird von den Eltern zum Bahnsteig geschoben. Die Anschlusspassagiere versorgen sich mit Kaffee, die Geschäfte haben schon geöffnet. Wie sagte doch die nette Schweizerin im EN 471: "Gäbe es diese Züge nicht mehr, wäre es echt schade." Unendlich schade.

 

Intiativen für den Nachtzug

Fahrgastnitiativen zur Rettung des Angebots informieren unter www.nachtzug-bleibt.eu oder www.nachtzug-retten.de.