„Der Erfolg von Impfungen ist ihr größter Feind“

Interview  Jan Leidel, früherer Vorsitzender der Ständigen Impfkommission, warnt davor, dass Krankheiten wiederkommen können, wenn Impfungen ausbleiben.

Von Valerie Blass

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Foto: weyo/Fotoloia

 

Eine Impfpflicht gibt es in Deutschland nicht – aber gesetzlich Versicherte haben einen kostenfreien Anspruch auf empfohlene Schutzimpfungen. Die Empfehlungen werden von der Ständigen Impfkommission (Stiko) ausgesprochen, einem unabhängigen Expertengremium, das vom Bundesgesundheitsministerium berufen ist. Jan Leidel, bis 15. März Vorsitzender der Stiko, erklärt, warum Impfungen so wichtig sind.

 

Wie lange brauchen Sie, um Ihren gelben Impfausweis zu finden?

Jan Leidel: Drei Sekunden. Der liegt hier in meiner Schreibtischschublade.

 

Für viele ist genau das die erste Hürde. Sie wissen nicht, wo der Impfnachweis ist und wie ihr Impfstatus aussieht. Wie gehen Ärzte damit um?

Leidel: Im Grunde gelten nicht dokumentierte Impfungen als nicht erfolgt. Aber das ist ein ziemlich harter Grundsatz. Wenn zum Beispiel früher ein ehemaliger DDR-Bürger zu mir kam, der sein Impfbuch nicht mehr hatte und mir versicherte, dass er alle üblichen Impfungen erhalten hat, dann sah ich keinen Grund, daran zu zweifeln. Es gab in der DDR eine Impfpflicht. Impfen war normal. Grundsätzlich sollte man versuchen, durch Nachfragen bei früheren Ärzten die erhaltenen Impfungen zu rekonstruieren. Ansonsten gibt die Stiko Empfehlungen zum Nachholen von Impfungen.

 

Würden Sie eine Impfpflicht für die Bundesrepublik befürworten?

Leidel: Zunächst wäre es wichtig, strukturelle Verbesserungen herbeizuführen und bürokratische Hemmnisse abzubauen. Es gibt in den Bundesländern viele unterschiedliche Regelungen. Medizinern werden teilweise Steine in den Weg gelegt. In Berlin zum Beispiel kann es einem Frauenarzt passieren, dass er in Regress genommen wird, wenn er den Partner einer Patientin, der zur Kontrolle mit in die Praxis kommt, auch gleich gegen Masern impft. Außerdem bin ich für schulbasierte Impfprogramme. Aber ich bin gegen Zwang, wo auch andere Möglichkeiten bestehen. Manche Eltern würde das eher in den Widerstand treiben.

 

Können Sie die Vorbehalte einiger Menschen gegen Schutzimpfungen nachvollziehen?

Leidel: Der große Erfolg von Impfungen ist gleichzeitig einer ihrer größten Feinde. Denn in dem Maße, wie eine Krankheit verschwindet, verliert sie ihren Schrecken. Doch es gibt Krankheiten, die jederzeit wiederkommen können, wenn wir die Impfquote nicht hochhalten.

 

Nehmen wir das Beispiel Masern. Manche vertreten die Meinung, es sei sogar gut, diese Kinderkrankheit durchzumachen, um das Immunsystem zu stärken. Was sagen Sie dazu?

Dr. Jan Leidel. Foto: privat

Leidel: Masern sind nicht harmlos. Pro 1000 Patienten stirbt etwa einer. Besonders schlimm sind mögliche Spätfolgen wie die sogenannte SSPE, die immer tödlich verläuft. Ich habe schon Kinder unter schlimmen Qualen daran sterben sehen. Wenn man das erlebt hat, dann findet man es blöd, wenn Leute sagen, Masern seien eine harmlose Kinderkrankheit.

 

Und die Risiken durch Impfungen? Ist die Angst vor Impfschäden berechtigt?

Leidel: Ich würde nie auf die Idee kommen zu bestreiten, dass Impfungen schlimme Nebenwirkungen haben können. Aber diese sind sehr viel seltener als die öffentliche Wahrnehmung. Ein Beispiel: Ein Mädchen stirbt zwei Tage nach der Impfung gegen Humane Papillom Viren, HPV. Beinahe hätten wir die Impfung als ursächlich für den Todesfall angenommen. Dann hat sich herausgestellt, dass die Gasheizung defekt war – das Mädchen ist an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben. Grundsätzlich kann Ihnen all das, was ohne Impfung passieren kann, auch mit Impfung passieren.

 

Die Schluckimpfung gegen Polio – Kinderlähmung – wurde eingestellt. Warum?

Leidel: Diese Schluckimpfung mit abgeschwächten Lebendviren wurde 1998 durch eine Spritzen-Impfung ersetzt. Denn es gab tatsächlich in einem Fall von zwei bis drei Millionen Schluckimpfungen eine dadurch ausgelöste Kinderlähmung. Trotzdem war die Schluckimpfung segensreich. Wir hätten es sonst nicht geschafft, die Kinderlähmung so weit zurückzudrängen. Sie gilt beinahe als ausgerottet. Es gibt sie eigentlich nur noch in zwei Ländern: Afghanistan und Pakistan.

 

Wenn solche Krankheiten nahezu ausgerottet sind, zumindest bei uns in Deutschland, warum sollen wir uns dann noch impfen lassen?

Leidel: Wie gesagt: Ein Wiederauftreten ist möglich. Wir hatten in Köln 1976 einen Ausbruch von Diphterie mit 80 Erkrankten und zehn Toten.

 

Das ist 40 Jahre her.

Leidel: Der Masernausbruch in Berlin liegt erst zwei Jahre zurück. Und noch ein wichtiger Grund: Wir brauchen eine so genannte Herdenimmunität, um auch diejenigen zu schützen, die nicht geimpft sind – also zum Beispiel Menschen, bei denen das aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist. Auch dadurch, dass immer mehr Kleinkinder unter drei Jahren in Kitas sind, ist es wichtig, dass alle drumherum geschützt sind.

 

Wie wahrscheinlich ist es, dass man sich als nicht Geimpfter mit Masern ansteckt?

Leidel: Masern sind hochansteckend. Wir brauchen eine Impfquote von 95 Prozent, damit Ungeimpfte geschützt sind. Bei Polio sind es etwa 80 Prozent. Dann gibt es auch noch schlimme Erkrankungen, die nicht ansteckend sind und gegen die man sich trotzdem schützen sollte.

 

Sie sprechen vom Wundstarrkrampf. Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Tetanus-Auffrischimpfung alle zehn Jahre. Warum?

Leidel: Wenn Tetanus-Erreger in Wunden gelangen – etwa durch Verletzungen bei der Gartenarbeit –, wird ein Gift gebildet, das sich im Körper ausbreitet und Lähmungen hervorruft. Wenn die Atmung befallen ist, kann man ersticken. Und der Impfschutz hält nicht ewig. In der Regel erkranken bei uns Senioren, wenn ihr Impfschutz nicht mehr aktuell ist.

 

Gibt es Impfungen, die noch nicht von der Stiko empfohlen sind, aber Ihrer Meinung nach wichtig sein können?

Leidel: Ja, zum Beispiel die Impfung gegen Gürtelrose – Herpes Zoster. Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken. Nicht wenige der Erkrankten leiden lange an schlimmen Nervenschmerzen. Ich halte es auch für sinnvoll, Jungen gegen HPV zu impfen. Auch Jungen können an Genitalwarzen sowie an durch Humane Papillomviren ausgelösten Karzinomen erkranken. Außerdem kann es ja durchaus sinnvoll sein, bei einer sexuell übertragenen Infektion beide Geschlechter zu schützen.

 

Letzte Frage: Sind Sie gegen Grippe geimpft?

Leidel: Ich wäre mit 36 Jahren bei voller Gesundheit beinahe an Grippe gestorben. Seitdem lasse ich mich jedes Jahr impfen – genauso wie der Rest meiner Familie.

 

Zur Person

Dr. Jan Leidel (72) war bis 15. März sechs Jahre lang Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) beim Robert Koch Institut. Die Empfehlungen des Gremiums dienen den Bundesländern als Vorlage für ihre öffentlichen Impfempfehlungen. Außerdem sind sie die Grundlage dafür, welche Impfungen als Pflichtleistung von den Kassen übernommen werden müssen. Leidel ist Facharzt für Mikrobiologie, Infektionsepidemiologie und Öffentliches Gesundheitswesen. Von 1985 bis 2009 war er Leiter des Gesundheitsamtes Köln.