Dem eisigen Gegenwind getrotzt

TV  Christine Strobl zählt zu den wichtigsten Film-Verantwortlichen in Deutschland: Ein Set-Besuch beim Dreh zum Bozen-Krimi.

Von unserem Redakteur Uwe Ralf Heer

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Christine Strobl und Produzent Eberhard Jost verfolgen die Szenen während des Drehs auf dem Tablet.

Kalt ist es auf dem Jaufenpass. Empfindlich kalt. Es weht ein eisiger Wind. Der zwölfte Drehtag des ARD-Serienhits "Der Bozen-Krimi" ist in vollem Gange. Oberhalb der Brennerstraße hat es Temperaturen um den Gefrierpunkt. Die Sonne, die das herrliche Bergpanorama ausleuchtet, wärmt kaum. Stille beim Showdown in den Bergen, der heute gedreht wird. Abseits der Kameras beobachtet Christine Strobl die Dreharbeiten. Als Geschäftsführerin der ARD-Filmproduktionsfirma Degeto ist die Heilbronnerin eine der mächtigsten und einflussreichsten Film-Verantwortlichen Deutschlands.

Christine Strobl übernahm die Leitung bei Degeto im Jahr 2012. Zu einem Zeitpunkt, als die Firma am Boden lag. "Die Anfangszeit war hart. Und die Widerstände oder manche Kritik heftig", erinnert sich die 45-Jährige. Die Budgets überzogen, kaum Mittel für neue Projekte. Der Begriff Degeto stand für das öffentlich-rechtliche Filmversagen.

Vorurteile

Wie so oft wird Christine Strobl zu Beginn argwöhnisch beäugt. Klar − als Tochter von Bundesfinanzminister Schäuble und Gattin des heutigen baden-württembergischen Innenministers. Man kennt die Klischees, die immer bedient werden. "Selbst wenn es bekannt ist, für unsere Partner bei den Produktionsfirmen ist es nicht wichtig. Und es spielt sowieso keine Rolle", sagt sie. Entscheidend ist die Leistung − und da hat sich Christine Strobl einen eigenen Namen gemacht.

Dem eisigen Gegenwind getrotzt
Chefin eines 400-Millionen-Euro-Etats: Seit 2012 leitet die Heilbronnerin die ARD-Filmproduktionsfirma. Foto: Degeto

Es ist für die Volljuristin eine Woche wie viele. Routine Fehlanzeige. Dienstreisen, Gespräche, Verhandlungen, Aufsichtsratssitzungen, Konferenzen mit den neun ARD-Intendanten. Dazwischen zwei Tage Büroarbeit in der Degeto-Zentrale in Frankfurt. Und irgendwann abends heim nach Heilbronn − oder am Wochenende zum Ausspannen. Christine Strobl ist bei der einst belächelten Kuschel-Adresse des deutschen Films neue Wege gegangen. Weg vom Traumhotel- und Romantik-Kitschprogramm. Sie hat sich von alten Zöpfen getrennt, beliebte Serien eingestellt, bekannte Stars erst einmal verbannt. So etwas geht nur gut, wenn es gut geht. Es ging gut. Preise, Anerkennung, neue Formate, gute Quoten.

Die Degeto belächelt niemand mehr. Im Gegenteil. 1500 Filmangebote flattern Christine Strobl und ihrem Redaktionsleiter Sascha Schwingel pro Jahr auf den Schreibtisch. Realisiert werden rund 110. Zwischen 1,5 und 1,9 Millionen Euro investiert die Degeto pro Film − der Etat beläuft sich insgesamt auf 400 Millionen. 240 Millionen gehen direkt in Programme der Landesrundfunkanstalten, mit den restlichen 160 Millionen werden die von Christine Strobl und ihrem Team selbst ausgesuchten Degeto-Filmprojekte finanziert.

Vieles ist harte Kärrnerarbeit. "Natürlich schaue ich mir jeden Film vor der Ausstrahlung an. Und zwischendurch aktuell immer wieder die täglich produzierten Filmminuten, wenn ich redaktionell direkt zuständig bin." Jeden Tag werden Muster des Drehs überspielt und gesichtet. Stimmen die Emotionalität, die Qualität? Rund vier Minuten Filmmaterial werden pro Tag gedreht. Klingt nach wenig, ist aber harte Arbeit. Aufbau, Umbau, Probe. Dreh von vorne, von hinten, von der Seite − und per Drohne auch von oben. Wie in den Südtiroler Bergen.

Überraschungen inklusive. "Kreative sind anspruchsvoll, mitunter sogar anstrengend, aber eine solche Bereicherung, weil sie auf Ideen kommen, auf die ich nicht kommen würde." Das sind die täglichen Glücksmomente der Degeto-Chefin.

Heute ist die Disziplin der Schauspieler extrem gefragt. Chiara Schoras, die die Kommissarin Sonja Schwarz spielt, lächelt tapfer, bevor sie kurz vor dem Dreh den warmen Mantel auszieht und dann so tun muss, als herrschten hier oben wärmende Sommertemperaturen. Filmpartner Tobias Oertel, der Commissario Matteo Zanchetti spielt, lässt sich mit aufgekrempelten Ärmeln nicht von der Kälte beeindrucken. Heio von Stetten, im Bozen-Krimi ein zwielichtiger Hotelier und Kommunalpolitiker, raucht ganz gelassen eine Zigarette, bevor es weitergeht. Vieles ist Warten. Vieles ist Disziplin. Und das schnelle Anpassen an sich ständig wechselnde Wetterverhältnisse in dünner Höhenluft. Qualität kommt eben mitunter von Qual.

Serienideen

Christine Strobl kämpft auch. An diesem Herbsttag mit einer Grippe und der Stimme. Sonst mit Intendanten, Produzenten, Agenten. Da muss man abgehärtet sein. Nicht nur an so einem Drehtag. Ein langer Atem ist für die Hobby-Läuferin, die jeden morgen vor Arbeitsbeginn joggt, unabdingbar. Schließlich dauert es rund eineinhalb Jahre von der Drehbuchidee bis zur Ausstrahlung. Christine Strobl ist beim Aussuchen der Schauspieler dabei, schaut auf die Locations. Und darauf, was beim Zuschauer ankommen könnte.

Dem eisigen Gegenwind getrotzt
Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt werden die Schauspieler auf dem Jaufenpass voll gefordert: Die Idylle der Südtiroler Berge ist dabei nicht nur Kulisse, sondern sie spielt bei den erfolgreichen Donnerstags-Krimis eine Hauptrolle. Fotos: Uwe Ralf Heer

Der Bozen-Krimi als gutes Beispiel. Donnerstag ist neuer Krimi-Tag. Nächste Woche startet der Island-Krimi mit Franka Potente, es folgen der Lissabon-Krimi, Zürich-Krimi, Barcelona-Krimi. Der Zuschauer hat die Veränderung angenommen. "Der Bozen-Krimi ist sicher ein Highlight unserer neuen Donnerstagsreihen. Wir sind stolz auf die Leistung der gesamten Crew", lobt Strobl. Und spät am Abend, im Wirtshaus Vögele in der Altstadt von Bozen, wird sie die Schauspieler beim gemeinsamen Abendessen mit der freudigen Nachricht überraschen, dass diese Erfolgsproduktion noch stärker ausgebaut werden soll.

"Wir müssen uns zur Primetime an die Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer richten. Daher brauchen wir dann auch ein entsprechendes Angebot", erläutert sie. Quote nicht als Makel, sondern als Auftrag. "Natürlich haben wir den Anspruch, dass wir Filme machen, die auch von möglichst vielen Menschen angeschaut werden. Aber dennoch muss man auch mal akzeptieren, dass ein hervorragend gemachter Film beim Publikum nicht so gut ankommt. Deshalb bleibt es trotzdem ein guter Film", sagt sie.

Der Blick geht bereits nach vorne. Immer weitere Ideen. Wo sind die neuen Serien, wo die neuen Formate auch für jüngere Zuschauer? Und wo bleibt die ARD? Christine Strobl lächelt. Mangelnden Mut kann man ihr nicht nachsagen. Wie mit dem TV-Event "Terror", das gestern im Ersten lief. Oder wie beim Filmprojekt "Babylon". Eine große internationale Serie, 40 Millionen Euro Etat, 16 Folgen zu je 45 Minuten. 50 Prozent des Budgets schultert das Ausland, auch der Pay-TV-Sender Sky ist im Boot. Ganz neue Finanzierungswege. Nicht immer die einfachsten in der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten. "Das wird eine klasse Krimireihe, die im Berlin der 20er und 30er Jahre spielt. Ein großes Fernsehereignis, das internationalen Ansprüchen gerecht wird", ist Christine Strobl überzeugt. 300 Sprechrollen, 200 Drehtage. Ans Scheitern darf da niemand denken.

Ganz sicher nicht scheitern wird der Bozen-Krimi. Davon sind alle Beteiligten am Ende des harten Drehtages überzeugt. Und eisiger Gegenwind hat Christine Strobl sowieso noch nie umgeworfen − ob beim Dreh vor Ort oder in den Mühlen des Degeto-Alltags.

 

Zur Person

Christine Strobl stammt aus Freiburg. 1999 kam die Volljuristin zum SWR. Nach Stationen im Hörfunk und der Intendanz wurde sie 2007 Abteilungsleiterin im Kinder- und Familienprogramm Fernsehen. Ab Anfang 2011 leitete sie die Hauptabteilung Film und Familienprogramm des SWR, dessen Fernsehfilmchefin sie war. Seit Juli 2012 ist sie Geschäftsführerin der ARD Degeto. Am 1. September 2012 übernahm die Heilbronnerin zudem nebenamtlich die Koordination Filmförderung der ARD. red

 
 

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