Das war 2000: Von der Sehnsucht nach einer besseren Welt

Das war 2000: Was für eine Aufbruchstimmung! Ein neues Jahrtausend, das trotz Sonnenfinsternis und angedrohtem Computer-Crash nicht im Chaos beginnt, sondern mit einer gigantischen Party. Wie die Region Heilbronn ins neue Jahrtausend ging.

Von Manfred Stockburger

Email


Region Heilbronn - Was für eine Aufbruchstimmung! Ein neues Jahrtausend, das trotz Sonnenfinsternis und angedrohtem Computer-Crash nicht im Chaos beginnt, sondern mit einer gigantischen Party. An der Börse jagt ein Rekord den nächsten – vor allem am Neuen Markt: Die New Economy scheint alle Gesetze der Betriebswirtschaft außer Kraft zu setzen.

Zur Jahrtausendwende kommt mit dem Doppelpass eines der großen (und zugleich umstrittenen) rotgrünen Reformprojekte – wenngleich in abgespeckter Fassung. In der Region arbeiten Bosch, Getrag und die IHK an Neubauprojekten. Der A2 von Audi ist noch ein großer Hoffnungsträger für den Standort.

Die Stadt Heilbronn geht in die Gestaltungsoffensive. Mit dem ersten temporären Garten lässt der noch neue Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach (die Rosenkrawatte aus dem Wahlkampf ist unvergessen) die ersten Vorboten der Buga ergrünen.

Die Jahrtausendbabys, die damals für einen kleinen Boom sorgen, werden jetzt zehn Jahre alt – das Nullerjahrzehnt ist vorbei. Aber was ist geblieben? Die regionale Bilanz des Jahres mit den drei Nullen ist mitnichten eine Nullnummer.

Mit perfektem Timing geht die Bechtle AG, damals noch ein Heilbronner Unternehmen, an die Börse. Der Zusammenbruch des Neuen Marktes trifft zwar auch die Aktionäre des IT-Dienstleisters – aber immerhin: Die Substanz ist geblieben, was bei den wenigsten Börsenstars von damals der Fall ist. Auch in der Region: Die Neckarsulmer TDS rutscht im Jahr 2000 immer tiefer in die Krise, die sie nur haarscharf überlebt. Die dritte regionale Größe der New Economy, die Sternenfelser Steag Hamatech AG, ist inzwischen ganz verschwunden. Die Themen der Neuen Wirtschaft sind aber geblieben: Das Internet prägt das Leben heute mehr, als viele Auguren damals vorhergesagt hatten.

Börsenspiel

Die Stadt Heilbronn zockt damals mit im großen Börsenspiel und verkauft ihren Anteil am Stromversorger Zeag an die Karlsruher EnBW. Knapp 160 Millionen Euro fließen in die Stadtkasse. Das Tafelsilber ist aber weg, und die nach wie vor großen Gewinne des Stromversorgers füllen jetzt die EnBW-Kassen. Die städtischen Rücklagen sind seither prall gefüllt, langsam aber verblasst die Erinnerung an das Versprechen, die Zeag-Millionen nur für Zukunftsprojekte anzutasten: Jetzt werden mit dem Griff in die Schatulle Haushaltslöcher gestopft. Margret Mergen, die als frisch nach Heilbronn gekommene Erste Bürgermeisterin bei dem Verkauf kräftig mitverhandelt, ist zurück in Karlsruhe, wo sie heute die Stadtfinanzen verwaltet.

Noch eine Nummer größer ist der Verkauf des Traditionsunternehmens Knorr: 50 Milliarden Mark – der Euro ist ja noch nicht eingeführt – bezahlt der Unilever-Konzern für die Knorr-Mutter Bestfoods. Nicht nur gewerbesteuertechnisch hat diese Übernahme schwerwiegende Folgen für die Stadt: Werk, Versuchsküche und Großverbrauchersparte sind zwar geblieben, die Verwaltung sitzt jetzt aber im Hamburger Unilever-Hochhaus.

Unfreiwillig komisch wirkt aus heutiger Sicht auch der Jubel um das im Jahr 2000 eingeweihte K3. Kino, Kultur und Kommerz passen offenbar doch nicht so gut unter ein Dach, wie vermutet worden war.

Wie sehr der Wunsch nach anderen, nach besseren Regeln die Menschen prägt, zeigt sich in der Lieblingslektüre des Jahres: Auch im Unterland zieht J.K Rowlings Zauberschüler Harry Potter tausende Leser jung und alt in seinen Bann. Der Alltag ist aber auch in den Nullerjahren nicht immer zauberhaft.


Hintergrund: Was 2000 sonst noch war

Als Schaltjahr dauerte 2000 einen Tag länger als die meisten Jahre. Dennoch verging die Zeit wie im Fluge – auch, weil jede Menge las war. So wurde in Heilbronn über das Fabrikverkaufszentrum gestritten, das der damals noch selbstständige Möbelhändler Bierstorfer bauen wollte. Auf dem Schwabenhof, bis dahin bekannt als Wharton Barracks, entsteht der Gewerbepark. Neckarsulm arbeitet am Solarstadt-Image. Audi beschäftigt erstmals mehr ans 14.000 Mitarbeiter. mfd

In der nächsten Folge schreibt Nicole Amolsch über die Ereignisse des Jahres 2001 aus regionaler Sicht.