Das Leben des anderen

Jagsthausen/Stuttgart  Jagsthausen/Stuttgart - Benjamin ist blind und hat mehrere Behinderungen, Hansjörg Neumann vom Pfitzhof bei Jagsthausen ist nichtbehindert und sein bester Freund.

Von unserem Redaktionsmitglied Daniel Stahl

Hansjoerg und Benjamin
 

Jagsthausen/Stuttgart - Benjamin ist wach, er hat in die Windel gemacht. Der 18-Jährige liegt regungslos in seinem vergitterten Bett, die Arme vor der Brust verdreht. Hansjörg Neumann holt eine frische Windel aus dem Schrank. Er zieht dem jungen Mann im Bett den Schlafanzug aus, wäscht ihn und stülpt ihm eine frische Hose über. Dann hebt Hansjörg ihn in den Rollstuhl und grinst. Dafür sind Freunde doch da.

Hansjörg und Benjamin sind seit zehn Jahren beste Freunde. Benjamin ist blind und hat seit der Geburt mehrere Behinderungen. Es ist einfacher, aufzuzählen, was er kann. Er kann lachen, weinen und Laute machen. Für den Rest braucht er Assistenz. Hansjörg ist nichtbehindert. So oft er kann, hilft der 29-Jährige vom Pfitzhof bei Jagsthausen seinem Freund, die Welt zu erkunden. Wie die Freundschaft funktioniert? "Ich habe ihm gesagt, dass ich für ihn da sein will", sagt Hansjörg. Und Benjamin ist bis heute froh darüber.

Johann Sebastian Bach Benjamin liegt in seinem Bett und dreht aufgeregt den Kopf. Er lauscht auf die tiefen brummigen Töne in seinem Zimmer. Neben seinem Bett in der Nikolauspflege in Stuttgart sitzt Hansjörg und spielt auf dem Cello. Das "Air" von Johann Sebastian Bach. Das Stück erkennt Benjamin schon am ersten langgezogenen Ton, dem Fis. Er kennt es seit zehn Jahren. Das Stück war sozusagen der Auftakt für die Freundschaft der beiden.

Zwei große Musikfans

Das Leben des anderen
2003 lernt Hansjörg Neumann (Zweiter von rechts) in Stuttgart in der Nikolauspflege Benjamin (rechts) und dessen Zwillingsbruder Tim (links) kennen.  
Anfang Oktober 2003 trifft Hansjörg Benjamin zum ersten Mal. Nach dem Abitur am Gymnasium Möckmühl ist er Zivi in Stuttgart, in einer Einrichtung für blinde und mehrfachbehinderte Menschen. Es soll ein lockeres Jahr sein. Tagsüber Kinder betreuen, abends ein paar Bier mit Freunden trinken. Doch das Jahr verändert vieles.

Der damals achtjährige Benjamin gilt bei den Betreuern als launisch. Hansjörg setzt sich gleich beim ersten Treffen dazu und redet mit ihm. "Ich habe immer versucht, ihn zu akzeptieren, wie er ist." Benjamin weiß das anscheinend zu schätzen.

Hansjörg nimmt damals Cello-Stunden. Einmal nach dem Unterricht bringt er das Instrument mit zum Zivi-Job und spielt den Kindern vor. Das "Air" von Bach. Die Kinder sind leise, staunen. Benjamins Muskeln sind oft verkrampft. Aber nach dem Privatkonzert liegt er ganz locker und entspannt in seinem Bett.

Die "Vogelhochzeit" läuft fast jeden Tag

Das Leben des anderen
Wenn Hansjörg Neumann für die Kinder im Pflegeheim auf dem Cello spielt, werden sie ruhig und entspannen sich. Er organisiert ganze Konzerte für sie.  
Benjamin hört auch gerne Kinderlieder, wie die "Vogelhochzeit" von Rolf Zuckowski. Hansjörg ist dagegen Metal-Fan, er mag brachiale Gitarren und schnelles Schlagzeug. In der Schule trägt er früher T-Shirts mit Totenköpfen. Jetzt sind auf seinem iPod auch Kinderlieder gespeichert.

Als die Zivizeit 2004 zu Ende ist, besucht Hansjörg weiterhin jede Woche Benjamin. Der knapp 30 Kilogramm schwere Junge fasziniert ihn. "Alles das, was ich nicht kann, kann er - wie sich an Kleinigkeiten zu erfreuen. Da weiß man, was man wirklich zum Leben braucht." Seit er Benjamin kennt, denkt Hansjörg auf Partys nachts schon an den nächsten Morgen. Er will früh fit sein, um bald seinen Freund zu besuchen.

Viel Zuneigung

Nicht jeder versteht das zunächst. Ein Zivi, der weiter da ist, das gab es im Heim noch nicht. Was will er von dem Jungen? Warum richtet er sein Leben auf Benjamin aus, füllt ein Album nach dem anderen mit Bildern von ihm? Hansjörgs Vater ist Lehrer für Menschen mit Behinderung. "Früher hatte ich keine Vorstellung, was das für Kinder sind", sagt Hansjörg. Jetzt findet er es heraus.

Das Leben des anderen
Benjamin mag es, mit Hansjörg die Welt um sich herum zu entdecken.  
Doch so viel Zuneigung für diesen einen Menschen. Das ist für manche in Hansjörgs Umfeld schwer zu begreifen. Später würde er gerne eine Familie gründen, aber im Moment hat er dafür kaum Platz in seinem Leben, sagt er. "Die Welt, wie sie mit Benjamin ist, ist reich genug."

Vor drei Jahren tritt Rolf Zuckowski in Heilbronn in der Harmonie auf. Hansjörg lässt das ganze Konzert über sich ergehen. Seitdem hängt ein Autogramm von Zuckowski über Benjamins Bett. "Die anderen haben mich komplett für verrückt erklärt", sagt Hansjörg. Aber er will zeigen, dass das eben normal ist. Andere bringen ihren Freunden ja auch Geschenke mit.

Gute-Laune-Musik

Der Mittagsschlaf ist zu Ende, Hansjörg legt eine neue CD ein. "I am happy, I am good", singt er mit - ich bin fröhlich, mir geht es gut. Freitags nach der Arbeit und an jedem zweiten Wochenende ist Hansjörg hier und singt das Lied mit. Dann lacht der Junge ein lautes Kinderlachen. Die beiden sind ein eingespieltes Team.

2004 nach dem Zivi will Hansjörg in den Verwaltungsdienst. Voraussetzung: Nicht zu weit weg von Benjamin. Also studiert er in Ludwigsburg. Einige Jahre wohnt er in Stuttgart fast neben Benjamins Wohngruppe und bringt den Jungen abends oft ins Bett. Als Zivi hat er schon gelernt, wie er den Jungen betreuen muss. Bald beobachtet er in Therapiestunden, wie er Benjamins Muskeln dehnen kann, und er lernt, wie er ihm über die Magensonde Nahrung geben muss.

Viele Nächte im Krankenhaus

Wohl nur Benjamins Mutter kennt den Jungen besser. Für sie ist zunächst egal, ob ein Pfleger ihr Kind betreut oder der frühere Zivi. Dass Hansjörg aber auch nach zehn Jahren noch da ist, ist für sie fast "ein Wunder". Sie freut sich über die Unterstützung. Denn auch Benjamins Zwillingsbruder Tim hat mehrere Behinderungen und benötigt viel Hilfe. Öfter wird eines der Kinder operiert oder kämpft mit einer Lungenentzündung. Hansjörg nimmt dann Urlaub. Tagelang sitzt er an Krankenhausbetten und beobachtet den Monitor mit dem Herzschlag. "Nicht aufhören", denkt er dann.

Bisher hat alles geklappt. Benjamin hat vieles überstanden. Niemand weiß, wie lange er leben kann. "Wenn es irgendwann zu Ende geht, dann kann ich ihn gehen lassen", sagt Hansjörg. "Aber ich trage ihn bis in den Sarg, wenn es sein muss. Das habe ich ihm versprochen."

"Glück, dass ich ihn getroffen habe"

Die beiden haben eine eigene Sprache entwickelt. Wenn Hansjörg "Mmmhbab" sagt oder "kri, kri, kra", legt Benjamin den Kopf in den Nacken und kichert. Manchmal erwischt Hansjörg sich in seinem Büro im Kulturamt in Winnenden dabei, wie er vor sich hin spricht. "Mmmhbab. Kri, kri, kra."

Hansjörg muss aufpassen, dass ihm das nicht zu Kopf steigt. Er, als der gute Freund und tolle Helfer. Aber es ist ja auch andersherum, sagt Hansjörg. Benjamin hat ihm seine Welt gezeigt und er hat dank Benjamin herausgefunden, was ihm wichtig ist. "Ich hatte Glück, dass ich ihn getroffen habe."

Inzwischen ist es nach 16 Uhr, Benjamin soll noch etwas essen. Hansjörg geht nach draußen, um den Rollstuhl zu holen. Plötzlich ist es ganz leise im Zimmer. Benjamin hört auf zu lachen. Er wendet seinen Kopf, lauscht in die Stille. Ist sein Freund schon wieder weg? Da hört er Schritte auf dem Gang. "Mmmhbab, Benjamin", ruft Hansjörg. Schon lacht der Junge wieder.