„Das Gymnasium ist nicht in Gefahr“

Region - Künftig sollen Lehrer gemeinsam das Lehren lernen, die Kinder von Klasse 5 bis 10 unterrichten. Der Schweizer Schulgründer Peter Fratton war Mitglied der Expertenkommission. Im Stimme-Gespräch erklärt er, warum das Lehramt reformiert werden muss.

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Künftig sollen Lehrer gemeinsam das Lehren lernen, die Kinder von Klasse 5 bis 10 unterrichten. Der Schweizer Schulgründer Peter Fratton war Mitglied der Expertenkommission. Im Stimme-Gespräch erklärt er, warum das Lehramt reformiert werden muss.
 

 

Region - Nur Baden-Württemberg trennt das Lehramtsstudium: Gymnasiallehrer studieren an der Universität, alle anderen Lehrer an Pädagogischen Hochschulen (PH). Doch künftig sollen Lehrer gemeinsam das Lehren lernen, die Kinder von Klasse 5 bis 10, also in der Sekundarstufe I, unterrichten.

Der bekannte Schweizer Schulgründer Peter Fratton (Foto: Archiv/Schubert) war Mitglied der Expertenkommission und erklärt im Gespräch mit unserer Redakteurin Gertrud Schubert, warum das Lehramt reformiert werden muss.

 

Noch sitzen künftige Mathematiker und Mathematiklehrer gemeinsam im Hörsaal. Lehrer genießen  keine eigenständige akademische Laufbahn. Wie viel fachwissenschaftliche Kompetenz braucht ein Gymnasiallehrer?

Peter Fratton: Unabhängig ob Mathematiklehrer oder Englischlehrer, brauchen Lehrer eine möglichst hohe Fachkompetenz, was allerdings nicht identisch ist mit Wissensmenge. Diese allein macht noch keinen guten Lehrer aus. Erst wenn er zusätzlich über Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz verfügt, hat er die Handlungskompetenz für seine Arbeit.

 

Was ist im Lehrerberuf wichtiger: Inhaltliches Fachwissen oder pädagogisch-didaktisches Können?

Fratton: Aus eigener Lehrerfahrung weiß ich, dass ein möglichst umfassendes Fachwissen und die Begeisterung dafür das Fundament ist für unsere Arbeit. Die eigene Faszination für mein Fach ist beinahe Garant dafür, dass der Funke auch auf die Schüler überspringt. Das methodische Können ist ein „Transportmittel“ und sicher wichtig, aber das Wesentliche ist der Inhalt und bezogen auf das Lernen: Das Allerwichtigste ist die Haltung. Lincoln sagte: Wenn ich acht Stunden Zeit hätte, um einen Baum zu fällen, würde ich sechs Stunden die Axt schleifen. Übertragen auf den Lehrer sage ich: Wenn ich acht Semester Zeit hätte, um Lehrer auszubilden, würde ich sechs Semester an der Haltung arbeiten. Erst dann können wir uns daran machen, professionell zu arbeiten und das „Verstehen lehren“.

 

Was fehlt bisher in der Ausbildung der Gymnasiallehrer?

Fratton: Grundsätzlich verfügen auch die Gymnasiallehrer in Baden-Württemberg über eine sehr gute Ausbildung. Der Schwerpunkt liegt allerdings sehr auf dem Fachwissen. Wenn aber eine Studentin schreibt: Was meine Erfahrungen als Lehramtsstudentintudentin angeht: Ich bin froh, habe ich hier einige Dozenten, welche es gleich sehen wie ich. Ansonsten hätte ich wahrscheinlich schon lange aufgegeben.

Ich empfinde diese Ausbildung als eine unselige Jagd nach diesen "Credits". Wir werden mit Wissen "abgefüllt", ... Menschenbildung steht nicht im Zentrum, geschweige denn das Kind. In den seminaristischen Ausbildungsgängen von damals stand das Lehrerwerden im Zentrum und nicht ein Bachelor! Wenn Studentinnen und Studenten während der Vorlesung Zeit für Facebook-Einträge haben, "gamen" und Tickets für das nächste Konzert reservieren, läuft einiges grundsätzlich falsch! dann müssen Fragen der Haltung und der universitären Umgebungsgestaltung schon diskutiert werden. Das gilt aber nicht nur für die Gymnasiallehrerausbildung.

 

Muss ihr Fachwissen zwangsläufig geringer werden oder könnte nicht vielmehr das Niveau aller Lehrer angehoben werden?

Fratton: Die Frage ist, welches Fachwissen aus ihrem Fach brauchen Lehrer, um Kinder erfolgreich zu machen? Wie gelingt es, das Verstehen zu lehren, wie Wagenschein es fordert? Ist das, was in unseren Bildungsplänen drin steht, wirklich das, was – mindestens indirekt – hilft, das Leben erfolgreich meistern zu können? Braucht es dazu ein Anheben des Niveaus? Ich finde es sehr vorteilhaft für den Schüler, wenn sein Lehrer die Phänomene aus seinem Fachbereich fundamental versteht. Das gilt für die Primarlehrerin genauso wie für die Gymnasiallehrerin. Und wenn beide fasziniert sind von ihrem Fach und ihren Kindern, finden sie auf ihrer Stufe eine redliche Form, um die Kinder und Jugendlichen mit den Phänomenen bekannt zu machen, die Fachgeheimnisse zu entdecken.

 

Auch Sonderschulpädagogen fürchten, dass in der Lehrerausbildung Fachkompetenz verloren geht, ihr Spezialistentum dem vermeintlichen Alleskönner geopfert wird.

Fratton: Das Wort „Alleskönner“ sollten wir aus dem Vokabular streichen und es ersetzen durch „Alleslerner“. Ein Lehrer sollte ein Alleslerner sein. Sein Kerngeschäft ist das Lernen, nicht das Belehren. Durch meine eigene Lernfreude bin ich ein Beispiel für die Lebendigkeit, die den Lernprozessen inne wohnt. Notfalls kann ich mir Fachwissen auch aus dem Internet holen, aber Haltung und Beispiel, Faszination und Engagement erlebe ich vorab an meinem Gegenüber.

Wenn sich die Schule so entwickelt, dass Lehrer in Teams arbeiten, zum Beispiel in Lernateliers, wo mehrere Lehrer sich in ihren Qualifikationen ergänzen, wo ein Kollege schwerpunktmäßig Sonderpädagogik studiert hat, bilden diese das fachkompetente Team. Der Schüler wird nicht mehr an den Sonderpädagogen verwiesen, sondern im Team wird besprochen, wie dem Kind zu helfen ist. Der sonderpädagogische Fachmann steht mir als Biologielehrer zur Verfügung. Von ihm lerne ich, wie ich mit einem Kind umgehe, dass sogenannte sonderpädagogische Hilfe braucht.

Ich finde es wichtig, dass wir Kinder wenn immer möglich nicht weitergeben, sondern uns kundig machen, wie wir, die wir doch als Klassenlehrer oder Lernbegleiter die Beziehung zum Kind haben, selber helfen können. Die Forderung „Hilf mir, es selbst zu tun“ sollte auch für uns Lehrer gelten.

Im Expertenbericht ist formuliert: „So stehen für alle Bildungsgänge der Sekundarstufe Lehrkräfte zur Verfügung, die zwar unterschiedliche Schwerpunktprofile für unterschiedliche curriculare Aufgaben mitbringen, aber alle die Lehrbefähigung sowohl für die Sekundarstufe I als auch für die Sekundarstufe II besitzen.“ Wenn es gelingt, dass die Lehrkräfte aus dieser Unterschiedlichkeit lernen können statt die Kinder Spezialisten zuzuweisen, ist viel erreicht auf dem Weg, Kinder nicht zu übersehen.

 

Wo haben die Lehramtsstudierenden der Pädagogischen Hochschulen aufzuholen?

Fratton: Ich frage mich, ob die Art des Lehrens an Universitäten und Hochschulen eine geeignete Form ist, Lehrer auszubilden, die als Profis kompetenzorientiert arbeiten sollen. Wenn wir junge Erwachsene in Hörsäle pferchen und allen das Gleiche „vermitteln“, pflegen wir eine Methode, die wir im Schulalltag nicht wollen. Wir sozialisieren die zukünftigen Lehrer auf Zuhören, Absitzen, Wissen horten, Prüfungen ablegen. Die Menschen glauben – und ihre Erfahrung gibt ihnen Recht -  dass Lernen in Institutionen untrennbar mit Krampf und Langeweile verbunden ist. Ich nenne diese Sozialisierung „anerzogene Lerninvalidität“.

Zur Lehrerausbildung gehört die Möglichkeit, Lernen neu zu denken, Lernen für sich zu erfahren, durch eigenverlangte Leistung über sich hinaus wachsen zu können. Ich sehne mich nach einer Hochschule, wo jeder Student seinen eigenen Arbeitsplatz hat und zwar im gleichen Raum, wo auch seine Professoren sitzen und arbeiten, wo er zu Beginn seines Studiums erfahren kann, über welche Kompetenzen er bereits verfügt und welche noch zu erwerben sind. Dazu werden Angebote zur Verfügung gestellt, die gewählt werden können oder auch nicht. Wichtig ist nur die Kompetenzerreichung innerhalb einer vorgegebenen Zeit und nicht die Anzahl besuchter Veranstaltungen.

Wichtig ist also nicht der Weg sondern das Ziel, die Erreichung der Kompetenz. Minutiös Credits zu addieren und zu sammeln gehört nicht zur Kernkompetenz des zukünftigen Lehrers. Kurz: jeder Lehramtsstudent müsste an der Hochschule erleben, was er später auch seinen Schülern als Erlebnis bieten müsste: Die Faszination für Lernen, Forschen und Erkunden gepaart mit der Erfahrung, dass Lernprozesse nicht einfach Spaß machen, sondern herausfordernd und sinnstiftend sind.

 

Ist die Trennung in theoretisches Studium und schulpraktische Ausbildung im Referendariat überholt?

Fratton: Aus der Arbeit in der Expertenkommission habe ich gesehen, dass eine Trennung vor allem institutionell da ist. Seminare und Hochschulen arbeiten zum Teil schon vorzüglich zusammen oder sind auf einem Weg dazu. Die institutionelle Trennung stellt zwar Hürden auf, aber mit der vorgeschlagenen Einrichtung einer verbindlichen, hochschulübergreifenden Kooperation zwischen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen für die Masterphase im Lehramt Sek. I/II in einer Professional School of Education kann die Hürde übersprungen werden.

 

Wer eignet sich eigentlich für den Lehrerberuf?

Fratton: Im Laufe meiner Tätigkeit habe ich etwa 600 Lehrerinnen und Lehrer eingestellt und dabei nicht immer eine glückliche Hand gehabt. Wer gut mit Erwachsenen umgehen kann, kann es nicht zwangsläufig auch mit Kindern. Was ich als Quintessenz zu behaupten wage: Wenn ein Mensch im tiefen Sinne des Wortes „bei sich“ ist, mit Unsicherheiten umgehen kann, seine Lernfreude erhalten oder wieder erworben hat und dadurch Gelassenheit ausstrahlt, sind günstige Voraussetzungen da. Allerdings brauchen Lehrer dazu auch eine geeignete Umgebung. Diese entscheidet wesentlich mit, ob er seine besten Kräfte entfalten kann.

 

Beschreiben Sie den idealen Lehrer.

Fratton: Zum Glück gibt es den genau so wenig wie den idealen Ehepartner. Schade ist, dass ich zwar meinen Ehepartner wählen kann, aber nicht meinen Lehrer. Eine passable Lösung für dieses Problem kann die Arbeit im Team sein. Wenn vier oder fünf Lehrerinnen oder Lehrer in einem Lernatelier zusammen arbeiten und sich verstehen, kann der Schüler sich aus dieser Gruppe seinen Vertrauenslehrer auswählen. Damit hat er nicht den idealen Lehrer, aber einen Menschen, zu dem er Vertrauen hat und bei dem er es gut findet, dass er neben Bedürfnissen auch Fehler hat.

 

Sagen Sie mal ganz neutral: Gibt es einen vernünftigen Grund für die unterschiedliche Bezahlung von Lehrkräften?

Fratton: Nein, ich sehe nicht einen einzigen Grund, sobald auch das fadenscheinige Argument der unterschiedlichen Studiendauer nicht mehr greift. An meinen eigenen Häusern des Lernens haben wir alle Lernbegleiter gleich bezahlt. Das war für die Primarlehrer ein finanzieller Vorzug, für die Sekundarlehrer irrelevant und für die Gymnasiallehrer eine finanzielle Einbuße, die aber durch eine gute Umgebung wettgemacht werden konnte. Aus meiner Tätigkeit an allen Schulstufen war jedoch die Arbeit mit Null-Bock-Kindern die mit Abstand aufwendigste.

 

Letzte Frage: Ist das Gymnasium in Gefahr, wenn ein Lehramt für die Sekundarstufe I eingeführt wird?

Fratton: Das Gymnasium doch nicht! Allenfalls ist ein ab und zu vorhandenes Standesdenken der gymnasialen Kollegen in akuter Gefahr. Vielleicht auch die Lohnhöhe. Allerdings würde ich unter der Aktion „Wertschätzung des Lehrerberufes“ nicht Löhne senken, sondern auf gymnasiales Niveau anheben und dafür das Beamtenrecht aufgeben. In der Schweiz hat sich das meiner Meinung nach sehr bewährt, genauso wie die Zusammenfassung der ehemaligen Abschlussklassen, Realschulen und Sekundarschulen zu einer Sekundarstufe 1. Einziger Wermutstropfen: Die Gymnasiallehrerausbildung ist immer noch separat. Aber vielleicht können wir da von Baden-Württemberg bald lernen.