Das Ghetto hinter den Schlossmauern

Obersulm - Theresienstadt, Treblinka, Auschwitz, Bergen-Belsen: Zigfach wiederholen sich die Mörder-Stätten des Holocausts in den Kurzbiografien auf der Balustrade der Galerie in der ehemaligen Synagoge Affaltrach.

Von unserer Redakteurin Sabine Friedrich

Das Ghetto hinter den Schlossmauern
Kreisarchivarin Petra Schön, Heinz Deininger und Martin Ritter (rechts) mit der Titeltafel zur neuen Dauerausstellung. Mitten im Ort in Eschenau waren im Bernusschen Besitz ab Dezember 1941 neun Monate lang 112 Juden eingepfercht.Fotos: Guido Sawatzki

Obersulm - Theresienstadt, Treblinka, Auschwitz, Bergen-Belsen: Zigfach wiederholen sich die Mörder-Stätten des Holocausts in den Kurzbiografien auf der Balustrade der Galerie in der ehemaligen Synagoge Affaltrach. "Wenn Sie dieses Gedenkband lesen, ist das wirklich aufwühlend. Todesorte noch und noch", sagt Martin Ritter. In diesen Konzentrationslagern starben an Krankheiten oder in den Gaskammern auch fast alle der 112 Juden, mit denen sich der Obersulmer Ortshistoriker in den vergangenen dreieinhalb Jahren beschäftigt hat. Mit Dr. Martin Ulmer (Uni Tübingen) und Kreisarchivarin Petra Schön hat Ritter die Geschichte des ehemaligen jüdischen Zwangsaltenheims in Eschenau erforscht. Jetzt ist die Dauerausstellung fertig.

Schikanen

Schreckliche Schicksale, menschenunwürdige Lebensverhältnisse, grausame Schikanen mussten die 112 von den Nationalsozialisten zwangsumgesiedelten Insassen und Mitarbeiter im Rokoko-Schloss von Dezember 1941 bis August 1942 erleiden. Die Männer und Frauen zwischen 61 und über 80 Jahren hofften auf einen angenehmen Lebensabend, hatten sie doch in Heimeinkaufsverträgen zum Teil mehr als 10 000 Reichsmark bezahlen müssen − nur eine der vielen finanziellen Ausplünderungen durch die Nazis.

Doch was erwartete sie in Eschenau? Ghettoisierung, Enge, Einsamkeit, Demütigung, Hunger, Krankheit. Das war der Alltag im Schloss, eines der Kapitel auf den zwölf Tafeln. "Es ist unfassbar, wie diese Menschen in ihren letzten Lebensjahren zusammengepfercht und geschunden wurden", kommentiert Heinz Deiniger, Vorsitzender des Freundeskreises der ehemaligen Synagoge Affaltrach, die Zustände. Zusätzlich machte den alten Menschen Dorfpolizist Christian Koch das Leben zur Qual. Er war gewalttätig, beschimpfte sie unflätigst, ließ sogar Besucher verhaften.

Und wie hat sich die Bevölkerung verhalten? "Man hat es laufen lassen." Der Satz einer Zeitzeugin beschreibt das Wegschauen, die Gleichgültigkeit. Aber es gab auch Einwohner, die heimlich Lebensmittel zusteckten.

Manch einer der Heimbewohner hat wohl geahnt, wohin ihn der Sonderzug der Reichsbahn, der am 19. August 1942 um 10.17 Uhr Eschenau verließ, führte − in den Tod. "Diese Karte wird wohl für lange Zeit oder auch für immer mein letzter Gruß an Euch sein, da ich das Heim ostwärts jetzt verlassen muss", schrieb Max Elsas (83), Lokalpolitiker und Textilfabrikant aus Ludwigsburg, auf einer Postkarte am 15. August 1942 − sein letztes Lebenszeichen.

So erschütternd solche Zeugnisse sind, das Zwangsaltenheim stellte jedoch "nur" die Vorstufe zur Hölle dar. "Eschenau war eine kleine Episode", ordnet Kreisarchivarin Schön diese neun Monate ein, im Vergleich zu dem, was im KZ folgte. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der Geschichte wach zu halten, ist Schön, die bei ihrer Recherche auf die letzte Überlebende gestoßen ist, sehr wichtig. Für Heinz Deininger ist das Zwangsaltenheim im Schloss − damals eines von fünf im Land − Teil der Ortsgeschichte, die "lokale Ausprägung des allgemeinen Schreckens". Das sieht nicht jeder so, wie sein Vorgänger erzählt. "Muss das denn sein?", "Warum eine Dokumentation zu Eschenau?": Das sind "die üblichen Vorbehalte", denen Ritter begegnet ist. "Das ist schon schockierend." Er schildert auch andere Reaktionen.

Zeitzeugen

Etwa zehn Zeitzeugen aus dem Ort haben bereitwillig ihre Erinnerungen preis gegeben. Nur: Sie waren damals Kinder, reflektierten nicht, können nur vom Hörensagen berichten. Aus diesen Begegnungen stammt das einzige Exponat der Dauerausstellung: ein hölzernes Schmuckkästchen. Die Mutter einer Zeitzeugin erstand es bei einer der Versteigerungen, als 1942 die Habseligkeiten der deportierten Juden verramscht wurden. Im Wohnzimmer der Eschenauerin hat es gestanden.

Die Dauerausstellung in der ehemaligen Synagoge Affaltrach wird am Freitag, 9. November, 19.30 Uhr − dem Jahrestag der Reichspogromnacht − eröffnet. Es sprechen Heinz Deininger, Martin Ritter und Petra Schön. Marlene Steg und Robert Giegling sorgen für die musikalische Umrahmung.

Das Ghetto hinter den Schlossmauern
Das Gedenkband für Insassen und Personal auf der Balustrade des Museums.
Das Ghetto hinter den Schlossmauern