Das Fukushima der Ernährung

Heilbronn  Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, über die auf wackeligen Füßen stehende Weltversorgung.

Das Fukushima der Ernährung

Mehrheitlich pflanzlichen Ursprungs sollte unsere Nahrung sein.

Lebensmittel gehören zu unserem Alltag und sind praktischerweise fast immer und überall verfügbar − und das zum günstigen, ja billigen Preis.

An der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn sprach Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, jüngst über die Rolle des Essens für die Entwicklung der Erde. "Ohne Essen geht nichts, und doch ist Ernährungssicherheit in keiner Weise gewährleistet", sagte sie der Heilbronner Stimme-Redakteurin Stefanie Sapara am Rande der Veranstaltung.

 

Frau Dr. Hudson, mit den Studierenden sprachen Sie über den Zusammenhang zwischen dem Lebensmittelhandel und den Ideen der Vereinigung Slow Food. Kann es da überhaupt eine Schnittmenge geben?

Dr. Ursula Hudson: Die Weltagrarorganisation FAO hat kürzlich erklärt, dass die Welt noch 60 Ernten zu erwarten hat, wenn die Bodenerosion weiter so fortschreitet. Das ist sozusagen das Fukushima der Ernährung. Es gibt kein Wirtschaftsmodell, in dem es möglich ist, bei Lebensmitteln auf Massenproduktion und niedrige Preise zu setzen, ohne dabei die Umwelt zu zerstören. Dieses Produktionsmodell hat zum Wertschätzungsverlust von Lebensmitteln geführt. Während es weiterhin Anreize für Überproduktion und Verschwendung schafft, lagert es die realen Kosten auf die Umwelt und nachkommende Generationen aus.

 

60 Ernten, das klingt mehr als alarmierend.

Hudson: Das ist es. Politik, Handel und Verbraucher sind gefragt, gemeinsam ein zukunftsfähiges System zu entwickeln. Der Handel nimmt dabei eine zentrale Stelle ein. Die Preisdiskussion ist der Knackpunkt des Ganzen.

 

Dass ein Umdenken gefragt ist, wissen − theoretisch − viele. Nur an der Umsetzung hapert es oftmals. Warum?

Hudson: Viele Menschen verdrängen das Thema. Szenarien wie besagte 60 Ernten stimmen da schon nachdenklicher. Es geht aber auch nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger anzukommen. Man muss den Verstand erreichen, muss Ideen liefern. Und gutes Essen muss einem natürlich auch wichtig sein, und zum Glück erkennen viele junge Leute durchaus, dass man sich mit gutem Essen eine eigene Welt aufschließt, weg vom Convenience-Food. Ja, es ist praktisch, im großen Supermarkt alles verfügbar zu haben, allerdings sind Supermärkte, so wie man sie heute findet, nicht zukunftsfähig: Die meisten Produkte dort sind nicht ökologisch nachhaltig und entsprechen nur selten den Qualitätsvorstellungen von Slow Food. Deswegen ist es wichtig, sich nach Alternativen, nach zukunftsfähigen Versorgungsquellen umzuschauen und den Gang in den Supermarkt auf das Nötigste zu reduzieren.

 

Und stattdessen lieber zum Wochenmarkt, zum Bauern, zum Bioladen? Das kostet Zeit.

Das Fukushima der Ernährung

Hudson: Ja, sicher. Es erfordert eine gewisse Planung, den Einkauf umzustellen und zu überlegen: Was kriege ich wo, was ist regional, was ist ökologisch erzeugt, was ist wo verfügbar? Dass von heute auf morgen niemand komplett den Schalter umlegen kann, ist klar. Dann ist der Frust groß, und man scheitert. Aber es gibt viele Dinge, mit denen man sich langsam an eine andere Ernährung herantasten kann, etwa die solidarische Landwirtschaft oder Bio-Kisten, die einem ins Haus geliefert werden.

 

Das könnte auch den Druck auf große Lebensmittelmärkte erhöhen.

Hudson: Ja, es kann dazu führen, dass die Märkte verstärkt regionale und biologische Erzeugnisse anbieten. Teilweise wird das ja von Ketten auch schon gut umgesetzt. Das gilt es zu verstärken. Und wir müssen dahin kommen, dass Lebensmittel schlichtweg ihren realen Preis haben. Einer allein kann da nichts bewegen, und da der Wettbewerb das Feld dominiert, traut sich keiner, den ersten Schritt zu tun. Er ist aber nötig. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und es muss klar werden, dass ohne Essen nichts geht auf dieser Welt. Ernährungssicherheit ist bei uns nicht umfassend gewährleistet. Eine erste Stellschraube auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen Ernährungssystem wären Pestizid- und Düngemittelabgaben. Auch Verbraucherdruck tut einiges. Die Stadt Kopenhagen schafft es zum Beispiel, 70 Prozent der Gemeinschaftsverpflegung, also in Schulen, Krankenhäusern und so weiter, über Bio-Waren abzudecken. Das darf nicht mehr kosten, und es funktioniert trotzdem! Und das ständige Argument, dass man nicht so viel Bio-Waren produzieren kann, ist ein Denkfehler: Es geht! Aber nicht in der Überfülle, in der momentan produziert wird. Dann würde gleichzeitig auch weniger Essen in der Tonne landen und verschwendet werden.

 

Wie kam es zu diesem Bruch, dass Lebensmittel immer billiger wurden, die Lage der Landwirtschaft immer dramatischer und die Wertschätzung für Produkte immer geringer wurde?

Hudson: Die Lebensmittel-Industrie hat den Geschlechterkampf gut beäugt und gesehen, dass die Frauen verstärkt in den Beruf wollten. Also hat man gesagt: Macht euch keinen Kopf um die Versorgung eurer Familie, wir kümmern uns darum. Es gibt ganze Generationen von Frauen, die in den 60er und 70er Jahren aus Emanzipationsgründen das Kochen verweigert haben. Und die Folgegeneration hat es damit auch nicht gelernt. Aber Kochen bedeutet ja nicht, ständig ein Vier-Gang-Menü auf den Tisch zu zaubern. Der US-Journalist Michael Pollan hat es einmal gut auf den Punkt gebracht: Wir müssen echtes Essen essen, mehrheitlich pflanzlichen Ursprungs und nicht zu viel von allem.

 

An was kann ich mich als Verbraucher orientieren, wenn ich Gutes einkaufen will?

Hudson: Im Zweifel ist es gut, sich auf ein ökologisches Siegel einzulassen oder beim Direktvermarkter im eigenen Ort einzukaufen. Je weniger verarbeitet ein Lebensmittel ist, desto besser.

 

Nächste Woche öffnet die Stuttgarter Slow Food Messe zum zehnten Mal ihre Türen. Was erwartet die Besucher?

Hudson: Die Messe hat sich sehr gut etabliert, ist extrem beliebt. Wir haben tolle Köche mit an Bord, die zum Beispiel zeigen, wie man ein ganzes Tier, nicht nur die edlen Teile, verwertet, es geht aber auch um fleischloses Kochen und vor allem um unseren Leitgedanken: Dass Aussteller, also Produzenten, die Verbraucher direkt informieren können und ein Austausch stattfindet. Genauso lässt sich das Bewusstsein für nachhaltige Ernährung schärfen. Wir brauchen diese Vernetzung.

 

Slow Food Messe Stuttgart

Die Messe ist Teil der Stuttgarter Frühjahrsmessen und läuft vom 31. März bis 3. April, geboten ist ein großes Programm, darunter Weinseminare, Geschmackserlebnisse, Kochwerkstatt, Bier- und Whiskyseminare. Tageskarte (gültig für alle Messen) 13 Euro. Infos: messe-stuttgart.de