Bis zum letzten Hemd

Altkleidermarkt ist ein profitorientiertes Geschäft − Die besten Stücke bleiben in Deutschland

Von unserem Redakteur Jürgen Kümmerle

Bis zum letzten Hemd
Riesige zu Ballen verschnürte Deckenberge stapeln sich unter dem Hallendach der Verwerterfirma Fessner in Haßmersheim. Zielort: Pakistan.Fotos: Jürgen Kümmerle

Altkleidermarkt Ist - Schweren Herzens wandert der Winterpulli aus dem Kleiderschrank in den Altkleidersack. Das Gewissen stößt die gute Tat an. Bestimmt kommt der Pulli einem frierenden Menschen irgendwo in der Dritten Welt zugute. So weit die romantische Theorie.

Prall gefüllt steht ein weiß-roter Altkleidersack vor den Türen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Frankfurter Straße in Heilbronn. Zum Winterpulli haben sich allerlei Hemden, Hosen, Schuhe und Blusen gesellt.

Rosa Weiß ist die Erste, die den Sack in die Hände bekommt. Vorsicht ist geboten beim Sortieren der Ware. Es soll schon vorgekommen sein, dass versehentlich eine Windel im Altkleidersack landete. Ungewaschen, versteht sich. In diesem Exemplar ist alles in Ordnung. Weiß sortiert die Topware aus. Die besten Stücke sind für die Kleiderkammer bestimmt. Die Kleiderkammer ist so etwas wie eine Second-Hand-Boutique. Ein großer Verkaufsraum, Kleiderständer rund, Kleiderständer rechteckig. Zwischen einem und acht Euro kostet ein Kleidungsstück − je nach Qualität. "Bedürftige zahlen die Hälfte, Obdachlose bekommen die Kleider umsonst", sagt Stefan Wolf, stellvertretender Geschäftsführer beim DRK-Kreisverband Heilbronn. "20 Prozent der Altkleider verkaufen wir über die Kleiderkammer." Der Rest werde erneut verpackt und von einem Verwerter abgeholt. 7,5 Tonnen seien im vergangenen Jahr vom Roten Kreuz in Heilbronn an den Verwerter weitergegeben worden. "78,12 Euro pro Tonne", sagt Wolf. Der Erlös fließt unter anderem in die Sozial- und Wohlfahrtsarbeit, das Jugendrotkreuz oder die DRK-Bereitschaften.

200 Tonnen Der Verwerter ist die Firma Fessner in Haßmersheim. Seit 1969 werden dort Altkleider verarbeitet und weiterverkauft. Um die 30 Kunden liefern pro Monat rund 200 Tonnen Altkleider an. Und auch dort wird zuerst aussortiert. 20 Beschäftigte suchen alles aus, was der Verbraucher in Altkleidersäcke oder -container abgibt. Die besten Stücke gehen in den Second-Hand-Laden. "Mit diesem einen Prozent der Altkleider machen wir 25 bis 30 Prozent unseres Umsatzes", sagt Henry Geiger. Er ist kaufmännischer Angsteller und Repräsentant der Firma Fessner.

Danach wird qualitativ abgestuft sortiert. Polen, Rumänien, Nord- und Westafrika. Am unteren Ende stehen Pakistan und Indien. Der Rest verbleibt als Putzlappen und Sortierrest für die Müllverbrennung im Land. Riesige zu Ballen gepresste Kleiderberge türmen sich unter dem Hallendach des Unternehmens. Bunte Stofffetzen, als Putzlappen für die Firmen, Decken für Pakistan in meterhohe Stoffwürfel gebunden. Bereit, für die lange Reise hinaus in die Welt. Geiger kennt die romantischen Vorstellungen der Verbraucher, kann diese aber sogleich entzaubern: "Dass die Altkleider unsortiert an Bedürftige weitergeleitet werden, ist so nicht machbar. Was soll ein Afrikaner mit einem Winterpulli?"

Intransparenz Friedel Hütz-Adams ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim entwicklungspolitischen Forschungsinstitut Südwind in Siegburg. Er kritisiert die Intransparenz der Altkleidersammlungen. "Da geht es ganz klar um ein Geschäft. Die beste Ware wird erst einmal an zahlungskräftige Europäer verkauft", sagt er. Altkleider, die in Afrika eintreffen, würden dort ein weiteres Mal sortiert. "Das Gros der Ware geht an jene afrikanischen Länder, die die höchste Zahlungsbereitschaft haben", kritisiert er. Nur die schlechte Ware würde an den armen Teil der Bevölkerung gehen. "Ist das im Sinne der Spender?", fragt Hütz-Adams.

Arbeitsplätze Stefan Wolf vom Roten Kreuz kennt die Kritik am Verteilsystem. "Die Altkleider stellen in Afrika ein wichtiges Potenzial für die Bevölkerung dar, günstig an gute Ware zu gelangen." Außerdem würden durch die Kleiderverteilung in Afrika Arbeitsplätze geschaffen.

Hütz-Adams hält dagegen, dass durch die Flut an importierten Altkleidern in Afrika die heimische Textilwirtschaft zerstört wurde. "Der wohlhabendere Teil der Bevölkerung könnte sich auch heimische Produkte leisten", sagt Adams. Doch die könnten mit dem Preis der importierten Altkleider nicht mithalten. "Das Problem ist, dass aus einer kostenlos abgegebenen Spende ein Konkurrenzprodukt auf dem Markt wird."

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Eine Mitarbeiterin verteilt die Altkleider nach Qualität und Material.
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Rosa Weiß öffnet einen Altkleidersack und sortiert brauchbare Kleider aus.
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In der Kleiderkammer des Roten Kreuzes werden die besten Teile verkauft.
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