Auf engstem Raum in der Freiheit

Weinsberg - Vor 60 Jahren, am 3. März 1953, kamen die ersten Flüchtlinge aus der Ostzone. 70.000 Leute lebten von 1953 bis 1972 in den Holzbaracken im Weinsberger Durchgangslager - unter ihnen der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler.

Von unserem Redakteur Joachim Kinzinger

 

Weinsberg - Das ist Tante Christel", sagt Erna Kohl (75) aus Weinsberg. Sie erkennt die frühere Kindergartenleiterin auf dem Foto sofort. Ihr Sohn Freddy hat immer von Tante Christel erzählt. Der Lagerkindergarten ist nur ein Bild in der Dokumentationsstätte Lager in Weinsberg. Vor 60 Jahren, am 3. März 1953, kamen die ersten Flüchtlinge aus der Ostzone. "70.000 Leute sind durch das Lager geschleust worden. Die meisten Bewohner blieben ein bis zwei Jahre", sagt Historiker Dr. Bernd Liebig aus Weinsberg.

Karg ist die Zimmerausstattung: Bis zu sechs weißlackierte Metall-Bettstellen, Tisch, Hocker und Schrank. "Leider fehlt den Flüchtlingen noch Bettwäsche (Leintücher), sodaß sie auf den bloßen Strohsäcken schlafen müssen", heißt es in der Heilbronner Stimme Anfang März 1953. Landesvertriebenenminister Eduard Fiedler besichtigt die 39 Baracken, in denen zuvor noch polnische Arbeiter gewohnt haben.

Ansturm

Der Ansturm ist gewaltig. 70 bis 300 Flüchtlinge strömen täglich ins Lager, sie haben nur das Notwendigste dabei. "Wer Gelegenheit hat, einen Blick in eines dieser Flüchtlingslager wie es zurzeit in Weinsberg besteht, zu werfen, der begreift, daß vor allem schnelle Hilfe nottut", zitiert die Stimme damals Bundespräsident Theodor Heuss. Im Mai 1953 sind 3344 Bewohner einquartiert, bis zu 16 Leute in einem Raum.

Bei der Flucht aus Ostdeutschland kommt die Familie Köhler am 3. Mai an. Eine verblasste rote Karteikarte listet die Vornamen auf: die Eltern Eduard und Lisa, die Kinder Otto, Horst und Ursula. Horst Köhler, der spätere Bundespräsident, ist damals zehn. Die Familie lebt in Baracke 29, Zimmer sechs. Eine besondere "Lagerausstattung" benötigt sie nicht: Weder Decken, Trinkbecher, Essbestecke sind auf der Anmeldekarte angekreuzt. Den Köhlers wird es schnell zu eng. Der "Abgang" ins Verteilungslager Stammheim ist am 11. Mai abgestempelt.

Als "ganz gewöhnliche Lagerinsassin" betritt Alfreda Zappe im August 1954 das Lager. "Jeder war froh, ein Dach über dem Kopf zu haben", hat sie 1996 gegenüber der Stimme gesagt. Die meisten Familien verbringen hier ein bis zwei Jahre, sie Jahrzehnte. Die Lagerfürsorgerin beim Hilfswerk der Evangelischen Landeskirche betreut von 1955 bis 1972 Zehntausende von Flüchtlingen und Aussiedler. Sie hört sich die Sorgen und Nöte an, hilft bei der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche, schlichtet bei Reibereien.

Besonders aus den Kindern "sind so tüchtige Menschen geworden", sagt Zappe. Und: "Die Menschen waren von solch einer Energie, die haben sich schnell eingelebt."

Die Durchgangsstätte ist eine richtige Stadt: mit Arbeitsamt, Post, Krankenkasse, Außenstelle der Stadt, Kindergarten, Schule und Lagerkirche. Jahrelang hält die Überbelegung an. Erst 1960 sind es unter 1000 Leute. Als 19-jähriger DDR-Flüchtling kommt Ortwin Czarnowski 1960 mit Mutter und Bruder an. "Wir waren arm wie eine Kirchenmaus", erinnert sich der Leingartener. Aber dankbar, "dass wir in Freiheit leben durften".

Der junge Leistungssportler und spätere Olympiateilnehmer bringt sein Rennrad aus der DDR mit. Von Weinsberg radelt er nach Frankfurt, siegt tags darauf am 18. Juni 1961 beim Radrennen. Den Siegeskranz mit verblichener Schleife wirft der 72-Jährige nicht weg: "Das ist die Erinnerung an das Lager."

Arbeit

Nach dem Berliner Mauerbau 1961 sinken die Zahlen dramatisch. Die Statistik weist im Oktober 1962 noch 373 Personen aus. Der Vorteil: Die Familien haben einen eigenen Raum für sich. Spätaussiedler rücken in den Fokus. So wie die Kohls und ihre Verwandten aus dem Riesengebirge: 15 Familien. "Am 30. Januar 1967 sind wir hierher gekommen", berichtet Erna Kohl (75), mit ihrem Mann Alfred, den Kindern Freddy und Erika.

"Am ersten Tag habe ich viel geputzt und gewischt", sagt die Weinsbergerin. Zwei Jahre und zwei Monate lebt die Familie in Baracke 10, zieht dann in die Lerchenstraße, erwirbt später eine Eigentumswohnung in der Falkenstraße. Erna Kohl arbeitet 30 Jahre bei der Post in Weinsberg, ihr Mann bei Audi in Neckarsulm. "Wenn jemand arbeiten wollte, hat er Arbeit gefunden", sagt sie. Die Familien aus der Verwandschaft leben heute zum großen Teil um Umkreis von zehn bis 20 Kilometern von Weinsberg.

"Die Leute sind hier geblieben", weiß auch Historiker Liebig. Wegen der Arbeitsplätze bei Firmen wie Karosseriewerke Weinsberg, Läpple, Druckerei Röck, Ziegelei Koch. In die Lagerschule gehen auch Weinsberger Kinder wie Liebig in der Grundschulzeit: "Wir waren 53 Schüler in einer Klasse."

Anfang der 70er Jahre soll das Lager aufgelöst werden. 36 Ältere finden keine Wohnung. Fürsorgerin Zappe geht couragiert auf eine Wohnungsbaugesellschaft zu, die zwei Häuser in der Weinsberger Falkenstraße bauen lässt. Im November 1972 wird das Kapitel Durchgangslager geschlossen. Nach dem Abriss der Baracken und den neuen Wohnhäusern bleibt nur die Dokumentationsstätte als Zeuge der Vergangenheit stehen. Hochbetagt stirbt Zappe im Dezember 2006 mit 101 Jahren.

 


 

Letzte Baracke als Zeuge der Vergangenheit

Letzte Baracke als Zeuge der Vergangenheit
Die Weinsbergerin Erna Kohl und Historiker Bernd Liebig schauen sich die Fotos aus der Zeit des Flüchtlingslagers an.Fotos: Andreas Veigel
Baracke 20: Erst Übungsraum der Wehrmacht, später Lagerkindergarten und nun Erinnerungsstätte. Seit der Eröffnung im September 1995 betreut der Weinsberger Historiker Bernd Liebig ehrenamtlich die Dokumentationsstätte Lager Weinsberg im Wohngebiet "Westlich des Stadtseebachs".

In der letzten von einst 39 Holzbaracken informieren Fotos, Zeichnungen, Dokumente, Zeitungsartikel und Texte über die wechselvolle Geschichte: Landwehrübungslager, Kriegsgefangenenlager, Camp für heimatlose zwangsverschleppte Arbeiter (Polen), Durchgangslager für Flüchtlinge und Spätaussiedler.

Die berühmtesten Insassen der gefangenen Offiziere waren der spätere französische Ministerpräsident Guy Mollet und Uefa-Präsident Jacques Georges, weiß Liebig. Nur neun Tage lebte der frühere Bundespräsident Horst Köhler im Mai 1953 mit Eltern und Geschwistern in Baracke 29 im Durchgangslager, ehe die Familie weiter zog.

Bis Ende 2012 hat Liebig insgesamt 4594 Besucher in der Doku-Stätte gezählt, sie ist jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. 1996 waren es 818 Besucher, im vergangenen Jahr nur noch 144. Kriegsveteranen oder deren Nachfahren schauten früher vorbei, 2010 war eine deutsch-französische Besuchergruppe mit Gästen aus der Partnerstadt Carignan da. "Jetzt kommen nur noch die, die im Weinsberger Durchgangslager waren", berichtet Liebig.

Oft zeigen sie ihren Angehörigen, wie sie früher in den Holzbaracken gelebt haben. Und beim Anblick der Fotos "fangen manche an, hemmungslos zu schluchzen", erzählt der 51-jährige Historiker. "Es ist für sie ein Kristallisationspunkt der eigenen Erinnerung", so charakterisiert es Liebig. kin