Atommüll aus Karlsruhe in Lubmin eingetroffen

Karlsruhe/Lubmin - Mit rund vierstündiger Verspätung hat der Atommüll-Transport aus der stillgelegten Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe am Donnerstagmorgen Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern erreicht. Am Mittwoch rollte der Zug durch Heilbronn.

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Karlsruhe/Lubmin -  Mit rund vierstündiger Verspätung hat der Atommüll-Transport aus der stillgelegten Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe am Donnerstagmorgen Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern erreicht. Der Zug brachte fünf Castor-Behälter mit 56 Tonnen radioaktivem Abfall in das Zwischenlager Nord.

Mehrfach wurde der Zug von Umweltaktivisten zu außerplanmäßigen Stopps gezwungen. „Euer Nonsens ist kein Konsens“, war auf einem der Plakate zu lesen. Während die Proteste nach übereinstimmenden Angaben von Polizei und Atomkraftgegnern zunächst friedlich verlaufen waren, kam es kurz vor Ankunft des Zuges an den Gleisen westlich von Lubmin auch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit mehreren Verletzten.

Der Atommüll-Transport nach Lubmin wurde früheren Angaben der Polizei zufolge von insgesamt etwa 7000 Beamten gesichert. Entlang der gut 900 Kilometer langen Strecke hatten seit Mittwochmorgen Atomkraftgegner mit einer Abseilaktion, Mahnwachen und Sitzblockaden gegen den Transport und gegen die Atompolitik der Bundesregierung protestiert.

Zug fährt fast unbemerkt durch den Hauptbahnhof

Die Castoren fuhren zunächst auf Stadtbahngleisen durch mehrere Wohngebiete der Gemeinden Eggenstein-Leopoldshafen und Karlsruhe. Auf dem Güterbahnhof Karlsruhe legte der Zug einen ersten Stopp ein und wurde rangiert. Weiter fuhrt er über Pforzheim nach Bietigheim-Bissingen.

Um 8.21 Uhr passierte der Castortransport in wenigen Sekunden den Heilbronner Hauptbahnhof. Vom morgendlichen Pendlerverkehr fast unbemerkt, auf Gleis drei. Sieben Personenwagen vor und hinter den fünf Castoren tarnten den Zug. Nur ein paar wenige Atomkraftgegner hatten sich mit ihren gelben Fahnen und Transparenten auf dem Bahnsteig postiert. Als der Zug durchfuhr, schalteten sie eine Sirene an und schwangen die Fahnen.



„Uns geht es darum, die Bevölkerung über diesen Transport zu informieren“, sagte Franz Wagner vom Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn. „Schließlich stellen diese Transporte für die Bevölkerung eine Gefahr dar.“ Gottfried May-Stürmer vom BUND Heilbronn-Franken sagte: „Wenn wir jetzt nicht hier wären, würde doch niemand von dem Transport erfahren.“ Er findet, dass den Pendlern die Wahl gelassen werden sollte, ob sie sich an so einem Tag am Bahnhof oder sogar auf dem betreffenden Gleis aufhalten wollen oder nicht.

Nachdem der Zug durchgefahren war, erscheint auf der Anzeigentafel die Ankündigung des nächsten Zuges: 8.33 Uhr nach Mosbach. Der morgendliche Zugverkehr nimmt seinen gewohnten Lauf. Nur ein paar Berufspendler stoppten ihren eiligen Schritt, um sich an einem Infostand der Energiewende Heilbronn über den Transport zu informieren. „Viele wissen gar nicht, dass der Zug heute durch Heilbronn gerollt ist“, sagt Wagner.



Wiederaufarbeitungsanlage wird abgerissen


Mit dem Abtransport des Atommülls ist die WAK in Karlsruhe Geschichte. „Wir können jetzt mit dem Rückbau beginnen“, sagte Sprecher Peter Schira am Mittwoch. Bis zum Jahr 2023 sollen alle Gebäude, einschließlich der Verglasungsanlage und der Verwaltung, abgerissen werden. „Dann wachsen hier nur noch Gras und Bäume.“

Damit wäre auch das letzte Überbleibsel des technischen Abenteuers Wiederaufarbeitung von abgebrannten Atombrennstäben in Deutschland verschwunden. Allein die Kosten für die Abwicklung der Anlage werden auf mehr als zwei Milliarden Euro geschätzt.

„Mit den Castoren haben wir 99,5 Prozent der Strahlung von unserem Gelände entfernt“, sagte Schira. Jetzt falle nur noch schwacher und mittelstarker radioaktiver Müll an, der später im Schacht Konrad in Salzgitter eingelagert werden soll. „In neun Jahren sollen wir soweit sein, dass wir aus dem Atomgesetz entlassen werden, weil sich dann die Strahlung in natürlichen Grenzen bewegt.“

Die WAK im Karlsruher Vorort Eggenstein-Leopoldshafen war als technische Pilotanlage für die Wiederaufarbeitung im bayrischen Wackersdorf gebaut worden. Von 1971 bis 1990 wurden rund 200 Tonnen abgebrannter Kernbrennstoff aus sieben Atomkraftwerken, einem Forschungs- und einem Schiffsreaktor aufgearbeitet. Nachdem das Großprojekt in Wackersdorf scheiterte, schlug auch für die WAK die letzte Stunde.

Die gefährliche Hinterlassenschaft aus jener Zeit: Rund 60.000 Liter flüssiger Atommüll, der 20 Jahre lang den Abriss blockierte. Diese „Atomsuppe“ sollte ursprünglich zur Verglasung - also zur Verbindung mit Glaskügelchen zur besseren Aufbewahrung - ins belgische Mol gebracht werden. Wegen massiver Proteste entschieden sich die Verantwortlichen aber für die Verglasung vor Ort. Dafür wurde dann extra eine Anlage gebaut, die nun wieder abgerissen werden muss. lsw/fur

Weitere Infos

WAK-Hintergrund

www.castorticker.de

 

 


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