"Ärzte sollten transparenter kommunizieren"

Heilbronn  Die Teilnahme an Gesundheits-Checks und Früherkennungsuntersuchungen ist wichtig, um Krankheiten rechtzeitig entdecken und behandeln zu können, sagt TV-Mediziner Johannes Wimmer.

Von Valerie Blass

"Ärzte sollten transparenter kommunizieren"

 Er sagt auch: Das von den Krankenkassen bezahlte Angebot sollte übersichtlicher sein, damit noch mehr Menschen es kennen und davon Gebrauch machen.

 

"Sie bekomme ich nur zu sehen, wenn es bei Ihnen brennt", hat mein Arzt mich kürzlich gescholten − als Rüge dafür, dass ich lange nicht bei der allgemeinen Vorsorge war. Bekomme ich von Ihnen auch eine Rüge?

Johannes Wimmer: Ich rüge meine Patienten ungern. Es geht doch eher darum, gemeinsam eine Entscheidung zu treffen. Die kann auch mal lauten, dass man keine Vorsorgeuntersuchung machen möchte. Über Sinn und Unsinn herrscht teilweise heftiger Streit in der Medizin, da einige Untersuchungen nicht ganz das halten, was man sich ursprünglich von ihnen erhofft hatte. Wenn man dadurch aber einen Krebs rechtzeitig erkennen und behandeln kann, sind doch beide froh, Patient und Arzt. Ganz wichtig bei der Krebsfrüherkennung: Nicht erst dann zum Arzt gehen, wenn spürbare Beschwerden auftreten, wie etwa schmerzhafte Gewebeveränderungen.

 

Wie wichtig sind die Vorsorgeuntersuchungen im Leistungsangebot der gesetzlichen Kassen?

Wimmer: Sie sind wichtig, damit Krankheiten frühzeitig erkannt, behandelt und im besten Fall geheilt werden können. Die Krankenkassen sehen ja nicht nur den Krankheitsverlauf von einem Menschen, sondern von Tausenden bis Millionen Menschen. Und sie haben erkannt, dass ein frühes Entdecken sinnvoll ist − und, das muss man klar sagen, den Kassen und der Gesellschaft auch eine Menge Geld spart.

 

Was finden Ärzte klassischerweise bei einer Vorsorgeuntersuchung?

Wimmer: Im besten Fall finden wir Ärzte gar nichts und stellen fest, dass alles in Ordnung ist. Vorsorgeuntersuchungen sollen den Gesundheitszustand des Menschen bestätigen oder erste Anzeichen von Risikofaktoren für Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzbeschwerden, Diabetes und Krebs aufzeigen. Darauf aufbauend können präventive Maßnahmen ergriffen werden. Treten bei Vorsorgeuntersuchungen auffällige Befunde auf, werden weitere Tests gemacht, bevor eine Diagnose gestellt wird.

 

Wie konkret lässt sich der Nutzen von Vorsorgeangeboten belegen?

Wimmer: Es gibt unterschiedliche Untersuchungen, die den Nutzen − etwa von Hautkrebs-Screening oder der Mammographie als Vorsorge gegen Brustkrebs − untersuchen. Eine aktuelle Untersuchung aus den USA zeigt, dass durch das Brustkrebs-Screening pro 100?000 Frauen acht Todesfälle durch das Screening und 17 Todesfälle durch die effektivere Therapie vermieden werden konnten. Eine Untersuchung aus Deutschland vom vergangenen Jahr zum Melanom-Screening, also der Hautkrebs-Vorsorgeuntersuchung, die es seit 2008 gibt, konnte keinen nachweisbaren Nutzen belegen. Ein längerer Beobachtungszeitraum ist notwendig, um Aussagen zu treffen.

 

Braucht man Igel-Leistungen, um ganz sicherzugehen?

Wimmer: Mit Igel, den individuellen Gesundheitsleistungen, ist das so eine Sache. Man muss sie ja grundsätzlich selbst bezahlen, da ihr Nutzen nicht vollständig geklärt ist. Viele Igel-Leistungen sind also nicht zwingend notwendig. Die Diskussionen zu dem Thema sind entsprechend vielfältig. Letztlich muss jeder selbst − am besten gemeinsam mit dem Arzt, dem er vertraut, − abwägen, ob Untersuchungen, die nicht von den Kassen getragen werden, trotzdem sinnvoll sein können.

 

Seit wann gibt es das Angebot der Vorsorge als Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung?

Wimmer: Basierend auf dem Präventionsgedanken zur Erhaltung der Gesundheit und Vermeidung von Krankheiten sind Vorsorge und Früherkennung eingeführt worden − und zwar erstmals 1970. Sie umfassten zunächst Leistungen bei Erwachsenen (Frauen ab 30 Jahre, Männer ab 45 Jahre) zur Früherkennung von Krebserkrankungen. Bei Kindern bis zum vollendeten 4. Lebensjahr ging es um die Früherkennung von Erkrankungen, die eine normale körperliche und geistige Entwicklung behindern können. 1989 kamen mit dem Gesundheitsreformgesetz weitere Leistungen, und das Angebot zur Früherkennung wurde ausgeweitet.

 

Es scheint gar nicht so einfach, einen Gesamtüberblick darüber zu bekommen, welche Vorsorgeleistungen empfohlen und bezahlt werden. Ist das Angebot transparent genug?

Wimmer: Es gibt viele übersichtliche Seiten im Internet oder andere Informationsangebote von öffentlichen Stellen, die die gesetzlichen Vorsorgeleistungen aufführen. Allerdings bieten viele Krankenkassen individuelle Leistungen schon früher als gesetzlich vorgeschrieben an. Diese Informationen muss sich der Versicherte oft selbst heraussuchen. Häufig werden dann noch eine Vielzahl zusätzlicher Tests und Untersuchungen angeboten, deren Nutzen nicht eindeutig genug beschrieben wird.

 

Klingt verwirrend.

Wimmer: Durch Überangebot und nicht eindeutige Darstellung kann der Versicherte schon manchmal den Überblick verlieren. Die Krankenkassen können da für mehr Klarheit sorgen. Sonst besteht die Gefahr, dass beim Versicherten der Eindruck hängenbleibt, dass es vor allem darum geht, kostenpflichtige Leistungen zu verkaufen.

 

Was müsste geschehen, um das Thema Vorsorge stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern?

Wimmer: Krankenkassen und Ärzte sollten transparenter und nachvollziehbarer kommunizieren. Auch gesundheitliche Aufklärung spielt dabei eine wichtige Rolle. Wenn die Patienten mehr über Erkrankungen wissen, die mit Vorsorgeuntersuchungen frühzeitig erkannt werden können, und wenn sie verstehen, welchen Vorteil sie davon haben, steigen auch Bewusstsein und Bereitschaft für Vorsorge. Die Informationen müssen einfach zugänglich und verständlich sein. Erklärvideos würden da gut funktionieren.

 

Welche Vorsorge steht bei Ihnen an?

Wimmer: Ich werde in wenigen Jahren 35 Jahre alt, dann geht es los mit Hautkrebs-, Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Vorsorge.

 

Zur Person

Im Internet hat er als "Dr. Johannes" Kultstatus erlangt, inzwischen ist der Arzt Johannes Wimmer auch im TV zu sehen: Seit Ende 2015 gibt er jede Woche in der "Visite" im NDR-Fernsehen alltagstaugliche Tipps zum Thema Gesundheit, seine eigene Sendung im Norddeutschen Rundfunk heißt "Wissen ist die beste Medizin".

Auch als Buchautor ist der 33-Jährige erfolgreich: Im November 2015 erschien sein erstes Buch "Fragen Sie Dr. Johannes", sein zweites Buch "Alles über die Haut" war auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Wimmers Mission ist die Verbesserung der Kommunikation zwischen Arzt und Patient.