Tagelanges Hoffen auf die weiße Fahne

Bombardierung in den letzten Kriegstagen: Halb Oedheim wird zerstört, 48 Bewohner sterben

Von Petra Halamoda

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"'G.v.B', das steht für die 17. SS-Panzergrenadier-Division Götz von Berlichingen", erklärt der Grundschullehrer. In seinem umfassenden Dokumentationsheft finden sich Fotografien dieser Bäume mit den so genannten "Malen Binnig" genauso wie Einsatzpläne der amerikanischen Luftwaffe und das Kriegstagebuch einer Oedheimer Lehrerin, den geschichtsinteressierten Bewohnern als "Fräulein Volk" bekannt. Präzise hat sie die Geschehnisse der letzten Kriegswochen dokumentiert.

Von Karsamstag an, dem 31. März 1945, wurde Oedheim Frontgebiet. "Die Stimmung im Dorf wird immer erregter", schreibt die Lehrerin. "Volkssturmmänner und Wehrmacht marschieren durch. Pioniere aus Ulm kommen. Sie sollen die Kocherbrücke zur Sprengung vorbereiten." Am Ostermontag wird sie zerstört. Inzwischen trauen sich die Bewohner kaum mehr aus dem Haus, das Kostbarste wird in den Keller geschafft, die Explosion der Granaten zerreißt die Luft. Am 5. April, so die Aufzeichnungen der Oedheimerin, "kreisen feindliche Flugzeuge über dem Dorf". Dann geht beim ersten Angriff auf Oedheim alles ganz schnell. "Zahlreiche Bomben treffen die Ortschaft", hat der Oedheimer Thomas Seitz recherchiert. Gerade hat er seine Serie "Oedheimer Hefte" mit einem weiteren Bändchen ergänzt. Das trägt den Titel "Vor 60 Jahren: Luftangriffe auf Oedheim und Degmarn". Auch er kennt das Kriegstagebuch der Lehrerin. "Ihre Zeitangaben passen recht gut zu den Angaben in den Einsatzberichten."

Eine Bombe legt die Post in Schutt und Asche, Häuser brennen bis auf die Grundmauern ab: "Alles steht in Flammen," schreibt die Lehrerin. Den ganzen Tag bleiben die meisten Bewohnern in Bunkern und Stollen, immer wieder gibt es Tote und Verletzte.

Dann kommt der 10. April, und die Oedheimer denken laut Fräulein Volk bereits daran, die weiße Fahne zu hissen in der Annahme, die SS sei abgezogen. Weit gefehlt. "Die Sanitätsstube ist noch hier, also die Soldaten über dem Kocher noch im Einsatz. Wenn sie doch abgerückt wären!" schreibt sie in ihr Tagebuch.

So folgt eine weitere Nacht voller Angst und Ungewissheit. Ein Mann, der gerade einen Keller hinabsteigen will, wird getroffen. "Die Piloten sind damals teils im 60-Grad-Winkel geflogen, mit rund 500 Stundenkilometern", sagt Thomas Seitz. "Sie kannten die Ortschaften nicht, sind nach Koordinaten geflogen." In seinem Heft vermerkt er allerdings: "Ziele in Oedheim waren insbesondere der Militärflugplatz und die Kocherbrücke." Als "Rotschwänzer" oder "Rotschwänzle" seien die Flieger bezeichnet worden, war doch der komplette Heckteil orange-rot angemalt.

Ausgerechnet ein Freitag, der 13., wird für die Oedheimer zum Glückstag. Denn am 13. April wird im Ort die weiße Fahne gehisst, der Bürgermeister verhandelt wegen der Übergabe mit den Amerikanern. "Der Kampf ist zu Ende für Oedheim", schreibt Fräulein Volk in ihr Kriegstagebuch.

Die Bilanz, festgehalten von Anton Henkel in seinem Werk "Oedheim, Beiträge zur Heimatgeschichte": 34 Oedheimer sterben bei feindlichen Angriffen, rund der halbe Ort liegt in Schutt und Asche, 80 Prozent von Degmarn ist zerstört, dort starben 14 Menschen.

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