Nach Rücktritt vom Rücktritt wieder top

Ivan Jurcevic wurde erneut Amateur-Weltmeister im Kickboxen

Von Thomas Dorn

„Ich musste noch mal in die Vollen steigen.“

Ivan Jurcevic

Bönnigheim/lauffen - Keine Frage: Er macht was her. 121 Kilogramm, verteilt auf 1,97 Meter, mit braungebrannter Haut und Muskelpaketen, die wohl manchen vor Neid erblassen lassen. Vermutlich beeindruckt Ivan Jurcevic allein schon aufgrund seiner Statur sämtliche Gegner. Am vergangenen Wochenende, im schweizerischen Solothurn, hatten sie gegen den 37-jährigen Lauffener, der für die Blue Tiger Gym Bönnigheim startet, jedenfalls keine Chance: Da wurde er zum vierten Mal nach 1998, 2004 und 2006 Amateur-Weltmeister der Martial Arts Association (MAA) im Kickboxen.

Fünf Kämpfe à drei mal zwei Minuten, im Finale dann fünf mal zwei Minuten, hatte der Schwergewichtler zu absolvieren. Gewonnen hat er sie alle, zwei durch K.o. Zusätzlich sicherte sich Jurcevic den Sonderpokal für die beste Technik. Vor allem seine Sprünge und Drehungen, überhaupt seine Beinarbeit, haben Eindruck hinterlassen. „Das ist halt spektakulär, das wollen die Leute sehen“, weiß Jurcevic.

Karriere-Ende Das Besondere an seinem jüngsten Titel ist die Tatsache, dass Jurcevic seine Karriere eigentlich schon beendet hatte. Vor zwei Jahren erklärte er seinen Rücktritt. „Ich musste mir nichts mehr beweisen“, sagt der Hüne, der mit seinem Bruder in Bönnigheim ein Fitness-Studio leitet.

Doch dann ging im Mai dieses Jahres die Beziehung zu seiner Freundin in die Brüche. Für Jurcevic eine sehr schmerzhafte Geschichte. „Ich musste noch mal in die Vollen steigen“, beschreibt er seinen Versuch, die Trennung durch verstärkte körperliche Aktivität zu verarbeiten. Erneut quälte er sich, trainierte sechs Mal die Woche, absolvierte ein Trainingslager in Kroatien. „Das hat mir über den Berg geholfen.“ Mit Krafttraining, Kondition, Taktik und Meditation beschreibt er die wichtigsten Elemente der Wettkampfvorbereitung. Dass er bei der WM „nicht eine Schramme abgekriegt“ hat, führt der Mann, der sich nach eigenen Worten intensiv mit Quantenphysik und der chinesischen Energielehre befasst hat, vor allem auf seine mentale Stärke zurück. Und einen veränderten Kampfstil. Früher sei er ein „echter Hau-drauf“ gewesen, da interessierte nur die Frage: Wer ist der Stärkere? Heute, sagt Jurcevic, gehe es eher darum: Wer ist der Klügere? „Man muss Strategien entwickeln, um zu gewinnen.“

Weil er „immer auf die Fresse gekriegt hat“, suchte sich der gebürtige Kroate, der im Alter von sechs Monaten mit seinen Eltern nach Lauffen gekommen ist und später das Hölderlin-Gymnasium besuchte, einen passenden Sport: „Ich wollte mich wehren können.“ Er begann mit Karate, hielt es im Verein aber nicht lange aus. Lieber las er Bücher über verschiedenste Kampfsportarten, begann schließlich mit 17 das Kickboxen – fasziniert auch von Bruce Lee „und dem Kampf des Guten mit dem Bösen“. „Im Grunde“, sagt er, „habe ich mir alles selbst beigebracht“. Er gründete den Verein Kickboxing Lauffen, mischte bei Taifun Ilsfeld mit, später dann in Bönnigheim. Fünf Jahre lang betrieb er das Kickboxen auch professionell.

Autobiographie Ob er nächstes Jahr wieder zur Weltmeisterschaft fährt? „Ich weiß es noch nicht“, sagt Ivan Jurcevic. Seit der Trennung von seiner Freundin schreibt der Mann, der zweimal verheiratet war, Industriekaufmann gelernt, aber auch die Schauspielschule besucht und als Personenschützer und Türsteher gearbeitet hat, an seiner Autobiographie. Anfang nächsten Jahres soll das Buch im Selbstverlag erscheinen. Es wird um sein „verrücktes Leben“ gehen, um Frauen, aber auch darum, wie sich ein Mensch ändern kann. „Heute geht es mir darum, den Weg nach innen zu finden“, sagt Jurcevic.