Lehrlinge arbeiten NS-Kapitel auf

Heilbronn - Der Wirt der Waldschänke hat "nur davon gehört". Ein Waldarbeiter weiß immerhin von einer "Baustelle".

Von Kilian Krauth

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"Zuerst haben wir im Internet gegoogelt. Aber da kam nicht viel."

Azubi Timo

Heilbronn - Der Wirt der Waldschänke hat "nur davon gehört". Ein Waldarbeiter weiß immerhin von einer "Baustelle". Im Heilbronner Köpfertal wurde Ende April eine Gedenkstätte für 24 französische Widerstandkämpfer eingeweiht, die hier am 21. August 1944 von 80 Soldaten der deutschen Wehrmacht erschossen worden waren. Ihr Schicksal ist kaum einem Heilbronner bekannt. Eben deshalb hatte die SPD-Gemeinderatsfraktion eine Gedenkstätte angeregt.

Das Stadtarchiv griff die Anregung auf und brachte sie in das Stolperstein-Projekt ein. Dabei sollen im Boden eingelassene Tafeln an NS-Opfer erinnern: so wie nun auch im Köpfertal, wo Lehrlinge der Johann-Jakob-Widmann-Schule an der inhaltlichen und gestalterischen Aufarbeitung beteiligt waren.

Makaber
 
"Der Ort ist tatsächlich nicht leicht zu finden. Vielleicht sollten wir bei einer Grafikerklasse ein Hinweisschild in Auftrag geben", gibt Lehrer Sascha Golitschek zu verstehen. Spaziergänger folgen am besten in Verlängerung der Arndtstraße den Waldschänke-Schildern − und dann dem Lärm der Schießanlage der Jägervereinigung.

"Irgendwie makaber" und "befremdlich" nennen Timo Maier (17), Alexander Jobi (20) und Tim Ambrozy (15) die Nähe zur neuen Gedenkstätte − und damit zum Ort der Morde. Zusammen mit ihren Klassenkameraden sind sie tief in die Geschichte eingestiegen. "Ob"s genau hier war, wissen wir nicht", erklärt Tim.

Aber die markante Betonmauer, zu deren Füßen die Stolpersteine eingebracht wurden, sei mit Sicherheit Teil der damaligen Schießanlage gewesen. "Zwischen den Bäumen haben wir noch alte Befestigungspfeiler gefunden."

Doch die Recherche der Schüler galt weniger dem nach wie vor umstrittenen Schießstand. Sie nahmen sich der Opfer und ihrer Widerstandsgruppe Reseau Alliance, also Netzwerk Allianz, an. "Zuerst sind wir ins Internet gegangen und haben gegoogelt. Aber da kam nicht viel", berichtet Timo. Die netten Mitarbeiter des Stadtarchivs wussten weiter. Dort bekamen die Schüler sogar Akten mit den Todesurteilen vorgelegt.

"Manche waren original", berichtet Alexander. "Jedes Opfer hatte neun Seiten. Da stand alles drin: Geburtsdaten, Beruf, Hintergrund. Studenten, Bäcker, Gemüsehändler, da war alles dabei." Über ein französisches Buch kamen die Azubis schließlich an die Fotos der 20 bis 46 Jahre alten Opfer. Aus bloßen Namen wurden nach und nach Menschen mit Gesichtern.

Decknamen
 
Alle hatten zur Tarnung Tiere als Decknamen, erzählt Tim, deshalb hätten sie die Nazis "Arche Noah" genannt. Die 3000 Mitglieder starke Gruppe bekämpfte die deutschen Besatzer nicht mit Waffen, sondern spionierte sie für den britischen Geheimdienst aus. In einer sogenannten Nacht-und-Nebel-Aktion verhafteten die Nazis zahlreiche Rebellen, 439 wurden getötet. Warum 24 davon ausgerechnet in Heilbronn erschossen wurden, haben die Widmann-Schüler nicht herausgefunden. Fest steht, dass sie von einem Militärgericht in Freiburg verurteilt wurden und in Schwäbisch Hall interniert waren. Aus den Akten ging sogar der Ablauf der Hinrichtung hervor. Alexander: "Jeweils acht wurden an einen Pfahl gebunden. Dann legten die 80 Soldaten an." Die Leichen wurden 1947 in die Heimat überführt.

Lehrlinge arbeiten NS-Kapitel auf
Legen in einem Unterrichtsprojekt den Finger in eine Wunde (von links): Lehrer Sascha Golitschek mit Alexander Jobi, Tim Ambrozy und Timo Maier.Foto: Dittmar Dirks