Der Stummfilm läuft, die Orgel spielt

Andreas Benz besitzt seltenes Instrument – Vorführungen im Haus der Jugend

Von Heike Kinkopf

Geräusche wie Schiffshupe oder Vogelgezwitscher sind auf Tasten hinterlegt oder lassen sich per Knopfdruck erzeugen.Fotos: Guido Sawatzki / Archiv

Neckarsulm - Charlie Chaplin oder Harold Lloyd machen Späße auf der Leinwand. Stumm und in Schwarzweiß. Die Orgel dazu spielt der Neckarsulmer Andreas Benz. Zukunftsmusik. Das Instrument befindet sich derzeit verschlossen in zwei Containern vor dem Haus der Jugend. Zerlegt in 1000 Einzelteile. Die alte Kino-Orgel soll auf der Empore im künftigen Veranstaltungsraum des Haus der Jugend zum Einsatz kommen.

Ohne Noten Ab und zu, so Benz’ Überlegung, könnte im Haus der Jugend ein Stummfilm laufen. Er spielt die Orgel. Noten zu Klassikern wie „Der General“ mit Buster Keaton gibt es keine. „Man muss sich den Anfang überlegen, dann läuft es von selbst“, erzählt Andreas Benz. Improvisation und Erfahrung sind das A und O. In der Vergangenheit hat Benz Stummfilme – beispielsweise in der Kilianskirche Heilbronn – mit dem Kircheninstrument in Szene gesetzt.

Allerdings: Orgel ist nicht gleich Orgel. Das Exemplar fürs Kino beherbergt in seinem Inneren beispielsweise Pauke und Becken. Es besitzt Xylophon und Glockenspiel. Geräusche wie Auto- oder Schiffshupe, Vogelgezwitscher oder Zugpfeife sind auf Tasten hinterlegt oder lassen sich per Knopfdruck erzeugen. Andreas Benz hängt an Stummfilmen seit seiner Kindheit. Gelernt hat er das Orgel-, Akkordeon- und Fagottspielen. Heute unterrichtet der 33-Jährige am Heilbronner Elly-Heus-Knapp-Gymnasium Musik. Vor knapp zehn Jahren besuchte Benz ein Kino-Orgel-Konzert in Weikersheim. Das Hörerlebnis brachte ihn auf den Geschmack.

Im Internet recherchierte Benz nach Exemplaren des seltenen Instruments. „Viele Kino-Orgeln sind im Zweiten Weltkrieg kaputtgegangen oder sind mit dem Tonfilm verschwunden.“ In England wurde er fündig. Die Kino-Orgel stammt wahrscheinlich aus dem Jahr 1929 und kostete 10 000 Pfund, „das waren umgerechnet etwa 30 000 Mark“, erinnert sich Benz. „Geschenkt“ für eine Kino-Orgel, nichtsdestotrotz „viel Geld“. Mit dem größten Lkw, der sich auftreiben ließ, machten sich Benz und ein Freund auf dem Weg nach England, und beide brachten das Liebhaberstück nach Neckarsulm.

Im ehemaligen Casino bauten Andreas Benz und seine Helfer den Großteil der Kino-Orgel auf. „Es war wie ein großes Puzzle.“ Das Instrument funktionierte. Als das Casino abgerissen wurde, fand sich kein geeigneter Raum für die Rarität. Nun ist einer ausgemacht. Das Haus der Jugend bietet einen „idealen Standort für das seltene Prunkstück“, das sich dort öffentlich vorführen lasse, heißt es bei der Stadt Neckarsulm. Eine Attraktion für Neckarsulm, die losgelöst vom eigentlichen Nutzungskonzept der neuen Einrichtung zu sehen ist. Der etwa 170 Quadratmeter große Veranstaltungsraum soll multifunktional genutzt werden.

Grober Plan Das Haus der Jugend soll gegen Ende des Jahres eröffnen. Wann der erste Stummfilm mit Kino-Orgel-Musik über die Leinwand flimmert, ist offen. „Es gibt einen groben, von Hand gezeichneten Plan des Vorbesitzers“, erzählt Benz. Mühevolle Aufbauarbeit wartet auf ihn, bis jeder Ton funktioniert. Dann tönt, hupt und pfeift es aus der Orgel, wenn Komödianten wie Chaplin und Co. grotesk-komische Situationen meistern.

Geräusche wie Schiffshupe oder Vogelgezwitscher sind auf Tasten hinterlegt oder lassen sich per Knopfdruck erzeugen.Fotos: Guido Sawatzki / Archiv