Dampfschiffe läuten den Wandel ein

Sonderausstellung zur Industrialisierung im Stadtmuseum

Von Alexandra Berk

Dampfschiffe läuten den Wandel ein

"Material zu finden, war gar nicht so schwer."

Natalie Scheerle-Walz

Neckarsulm - Als die ersten Dampfschiffe gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei Neckarsulm Waren und Güter auf dem Neckar transportierten, waren sie sichtbares Zeichen der beginnenden Industrialisierung. Mit Qualmwolken und lautem Tuten, das ihnen den Spitznamen "Neckar-Esel" eintrug, machten sie auf den Wandel aufmerksam, der sich in nur wenigen Jahrzehnten in der Region vollzog. Mit diesem Wandel beschäftigt sich die Sonderausstellung "Dampf und Stahl − Zeit der Industrialisierung in Neckarsulm" im Stadtmuseum.

Genug Material Abwechslungsreich gestaltet mit Exponaten, Texttafeln und multimedialen Installationen wird man hier in eine der interessantesten Epochen der Stadt eingeführt. "Material zu finden, war gar nicht so schwer", erklärt Museumsleiterin Natalie Scheerle-Walz. "Viel schwieriger war es, eine Auswahl zu treffen und die Vielzahl der Informationen verständlich aufzubereiten."

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts ist Neckarsulm ein beschauliches Städtchen mit kaum mehr als 2000 Einwohnern. Man lebt von der Landwirtschaft und vom Weinbau oder als Handwerker. Doch mit dem Bau der Eisenbahnstrecke nach Neckarsulm, die am 11. September 1866 eröffnet wird, beginnt auch hier das Zeitalter der Industrialisierung.

1872 siedelt das Dampfsägekraftwerk Julius Knapp von Heilbronn nach Neckarsulm, bringt die erste Dampfmaschine in die Stadt. Eine bahnbrechende Neuerung, wie Kurt Bauer, Vorsitzender des Heimat- und Museumsvereins Neckarsulm, betont. Es folgen weitere bedeutende Fabriken: die "Mechanische Werkstätte für Strickmaschinen" Christian Schmidt aus Riedlingen, aus dem zunächst die NSU Motorenwerke werden, die in der heutigen Audi AG aufgegangen sind. Aus Heilbronn kommen die Ölfeuerungswerke Karl Schmidt, die heutige Kolbenschmidt Pierburg AG, aus Riedlingen die Jutespinnerei und Weberei der Gebrüder Spohn.

Veränderungen Rapide verändern sich die Arbeits- und Lebensbedingungen. Von der handwerklichen Herstellung von Einzelstücken geht man bald zur industriellen Fertigung auch von Gebrauchsgütern des täglichen Bedarfs über. Kleidung, Möbel, Geschirr werden in großen Stückzahlen hergestellt. Dabei sind die Arbeitsbedingungen alles andere als einfach. Die Arbeit ist anstrengend und monoton und wird oft im Akkord verrichtet. 1920 beträgt die wöchentliche Arbeitszeit 62 Stunden. Der Stundenlohn eines Werkzeugmachers mit abgeschlossener Lehre liegt bei 60 Pfennigen. Ungelernte Arbeiter bekommen etwa 40 Pfennige. Dabei ist diese Entlohnung nicht üppig. Rund die Hälfte des Lohns wird für die Wohnung gebraucht. 1500 Gramm Brot kosten 50 Pfennig, ein Pfund Butter 1,36 Mark, ein einfacher Mantel gar 16 Mark. Für das Brot arbeitet man also mehr als eine Stunde, für Butter mehr als drei und für einen neuen Mantel mehr als 40 Stunden. Für die Arbeiter am Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu unerschwinglich sind die Fahrräder der NSU, die sie zwar in großer Stückzahl produzieren, aber bei Preisen zwischen 120 und 250 Mark kaum bezahlen können.

Arbeiter Mit den neuen Fabriken hält auch eine Vielzahl an neuen Arbeitskräften Einzug. Von 2845 Einwohnern 1880 verdoppelt sich die Bevölkerungszahl in nur 30 Jahren. Aus dem angrenzenden Hessen und Bayern, sogar aus Böhmen und Italien kommen Arbeiter. Der Wohnungsnot begegnen die Gebrüder Spohn mit einer Arbeitersiedlung. Dabei tun sich die Neckarsulmer Bürger schwer, die Neuankömmlinge in das bestehende Gemeindeleben zu integrieren. So kommt es zur kuriosen Erscheinung der doppelten Vereinsgründungen. Gesangsverein, Turnverein und Radfahrclub gibt es um 1906 je zwei mal. Nur der Fußball überwindet die sozialen Grenzen. 1910 vereinigen sich der "Fußballclub Neckarsulm" und der Arbeiter-Fußballverein "Phönix" zum "Sportverein Neckarsulm".