Buchstaben zeugen von jüdischem Leben

Türsturz im Ortskern enthält Inschrift aus hebräischen Schriftzeichen − Bedeutung entschlüsselt

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Die Jahreszahl 1833 im unteren Bereich ist gut zu erkennen.Foto: privat

Oedheim - Mitarbeiter des Heimatkundlichen Arbeitskreises haben im alten Ortskern von Oedheim auf dem Türsturz eines älteren Gebäudes eine Inschrift aus hebräischen Buchstaben gefunden. Schnell war klar, dass hier ein kostbares Stück Oedheimer Heimatgeschichte vorlag. Denn mit Ausnahme der Reste des versteckt am Waldrand liegenden jüdischen Friedhofes sind keine erkennbaren baulichen Überbleibsel der jüdischen Bevölkerung von Oedheim sichtbar.

Überraschung Mitte des 19. Jahrhundert lebten über 100 Juden in der Gemeinde, die damals etwa 1300 Einwohnern zählte. Die Überraschung war also groß, doch noch etwas nach der Zerstörung durch den Krieg zu finden. Der Türsturz ist durch ein Oberlicht zweigeteilt, der obere Teil durch eine Schablone verziert. Auf ihr sind zwei hebräische Buchstaben zu erkennen. Darunter die lateinischen Buchstaben R. M. und die Jahreszahl 1833. Der untere Teil des Türsturzes weist gleich mehrere hebräische Buchstaben auf. Dr. Joachim Hahn von der Institution Alemannia Judaica konnte die hebräischen Schriftzeichen entschlüsseln.

Die beiden Buchstaben im oberen Feld zeigen das hebräische Mem (M) und das Tet (T). Die Buchstaben im unteren Teil sind eine Abkürzung des biblischen Wunsches aus 5. Mose 28,6: "Gesegnet bist du bei deinem Kommen und gesegnet bist du bei deinem Gehen".

Weiter führte auch eine Akte über Inventur und Teilung aus dem Oedheimer Archiv von 1892. Darin wurde das Vermögen des am 28. Sept. 1891 im Alter von 86 Jahren verstorbenen Witwers Marx Mannheimer verteilt. Erben waren die Söhne Samuel Wolf Mannheimer, Handelsmann in Cincinnati/Ohio USA und Raphael Mannheimer, Handelsmann in Oedheim. Vererbt wurde das oben beschriebene Haus. Das Tor gab es aber zu der Zeit schon nicht mehr. Es musste erst weichen, damit das Haus 1833 gebaut werden konnte, der Zusatz war nur eine Orientierungsangabe. Damit war klar, das Haus war einst in Besitz der jüdischen Familie Mannheimer und wurde auch von dieser erbaut. Die Familie lässt sich seit 1765 in Oedheim nachweisen. Der 1768 geborene Raphael Moses Mannheimer war der reichste Jude am Ort.

Erinnerung Zur Heirat seines Sohnes Marx erbaut der Vater dem jungen Paar das Haus im Bereich des ehemaligen oberen Tores. Zur Erinnerung lässt er seine Initialen, R.M., und das Baujahr, 1833, anbringen. M und T stehen für das hebräische Massel Tov, den jüdischen Wunsch an das Brautpaar, der "Viel Glück!" bedeutet. red