51 Tage immer auf der Hut

Wengertschütz Josef Heindl verscheuchte Stare

Von Heike Kinkopf

51 Tage immer auf der Hut
Josef Heindl weiß aus Erfahrung: Ein lauter Knall aus der Signalpistole ist das beste Rezept gegen diebische Stare im Weinberg. Foto: Heike Kinkopf

Neckarsulm - Josef Heindl weiß genau, was er heute macht: Den Hausputz und Gardinen waschen. In den vergangenen 51 Tagen hielt den 76-Jährigen - tagein, tagaus, sieben Tage die Woche bei Wind und Wetter - ein Job im Freien auf Trab. Als Wengertschütz lief er von morgens sieben bis abends um sechs mit dem Signalrevolver Weinberge in Neckarsulm ab und verscheuchte Stare, die sonst den Wengerten die Trauben wegpicken. Eine Aufgabe, die der pensionierte Polizeibeamte gerne übernimmt. Seit sieben Jahren ist Josef Heindl Weinberghüter. Jetzt sind die Trauben gelesen. Und nach 51 Tagen ist „man schon froh, wenn es dann wieder vorbei ist“.

Gerade kommt ein Spaziergänger den Scheuerberg herunter. Heindl gibt ihm die Hand, sagt: „Ade Siegfried, bis nächstes Jahr.“ Auf dem Scheuerberg und in den vergangenen drei Jahren am Stiftsberg trifft er viele Spaziergänger mehr als einmal. Ein Gefühl entwickelt hat er für die Vogelschwärme. Fliegen die Stare schnurgerade, schnell und hoch oben in der Luft, ziehen sie über die Weinberge hinweg, macht Heindl die Erfahrung. Auf der Hut ist er, wenn der Schwarm langsam, weit verstreut und niedrig daherkommt. In diesem Fall will sich das gefiederte Volk niederlassen. „So stark wie dieses Jahr“, sagt Heindl und schüttelt den Kopf, „war der Vogeleinflug noch nie.“ Akribisch notiert er auf einem einen Meter langen Zettel im Kassenbon-Format, wie jeder Tag verlaufen ist: „Samstag, 6. Oktober, kalt“, steht da beispielsweise. Oder: „Donnerstag, 23. August, 17 Uhr Gewitter.“

757 Knaller hat Heindl in 51 Tagen verschossen, um die Schwärme von den Rebstöcken fern zu halten; 383 sogenannter Knatterer und Heuler gingen drauf. Munition und Pistole stellt das Rathaus zur Verfügung. Bernd Pfitzenmaier, Leiter des Ordnungsamtes, weiß: Die Weinbergschützen und ihre Pistolenschüsse stoßen manchem, der Erholung sucht oder den Hund Gassi führt, sauer auf. „Es gibt schon manchmal Unmut.“ Josef Heindl gerät mit niemandem aneinander. Äußerst selten auch, dass er Erwachsene oder Jugendliche ertappt, die mit Plastiktüten ausgestattet auf Beutezug sind. „Sie wissen, dass es uns Weinberghüter gibt.“

Wenn Josef Heindl erzählt, kommt der bayerische Dialekt hervor. Im Unterland lebt er seit Jahrzehnten: Er arbeitete beim Polizeiposten Möckmühl, danach war er 25 Jahre Postenführer in Gundelsheim, heute wohnt er in Offenau. Heindl lacht. „Mit 80 höre ich mit der Weinberghut auf.“

Die Bewegung an der frischen Luft, der Plausch mit Spaziergängern gefallen dem Pensonär. Noch jetzt lacht er beim Gedanken an zwei ältere Damen, die ihn - weil er die Kapuze seines Parkas tief ins Gesicht gezogen bewegungslos auf einer Bank saß - für eine Vogelscheuche hielten. Als er sich zu erkennen gab, riefen sie: „Ach Gott, du bist der Schütz.“