Leben über den Dächern der Altstadt

Bad Wimpfen  Seit 1996 wohnt Blanca Knodel im Blauen Turm in Bad Wimpfen. Nach den Sanierungsarbeiten will sie zurückkehren.

Von unserer Redakteurin Kirsi-Fee Rexin

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Leben über den Dächern der Altstadt

Zahlreiche Bilder, Bücher und antike Möbel: Im Blauen Turm hat sichTürmerin Blanca Knodel urgemütlich eingerichtet. Während der Sanierungsarbeiten muss sie aber aus der Wohnung.

Fotos: Ralf Seidel

Wer Blanca Knodel besuchen will, muss erst einmal 134 Holztreppenstufen erklimmen. Erst dann ist die kleine Wohnung im Blauen Turm völlig außer Atem erreicht.

Seit mittlerweile 20 Jahren lebt sie nun hoch oben über den Dächern Bad Wimpfens. Doch im Frühjahr 2017 steht die Sanierung des Wahrzeichens bevor. Für Knodel bedeutet das, erst einmal Abschied nehmen. Wann sie genau raus muss, weiß sie noch nicht.

Zwei bis drei Jahre sollen die Sanierungsmaßnahmen planmäßig andauern. Risse im Mauerwerk und das Treppenhaus müssen ausgebessert werden. "Ich nehme es so, wie es kommt und versuche das beste daraus zu machen", erklärt die Ur-Wimpfenerin und zuckt mit den Schultern. Die Stadt Bad Wimpfen habe ihr für diese Zeit eine Wohnmöglichkeit angeboten, ihre Möbel und persönlichen Sachen kann sie im Turm lassen.

Und das wird sie auch, denn eines steht für sie schon jetzt fest: "Hilary Clinton wollte mit 68 Jahren Präsidentin von Amerika werden, dann kann ich wohl auch mit 68 wieder in meinen Turm zurück", erklärt die kesse Frau. Schließlich hat sich die 65-Jährige, die sich wie 30 fühlt, ein bestimmtes Ziel gesetzt: "Ich will mindestens ein Jahr länger als der älteste Türmer Deutschlands hier oben bleiben." 84 Jahre lebte der auf dem Kirchturm Daniel in Nördlingen.

Für die ehemalige Gastwirtin, für die der Turm ihr Leben bedeutet, ist es selbstverständlich, die Spendenakquise zur Finanzierung der Sanierungsmaßnahmen zu unterstützten. Deshalb hat sie einen Blauen Turm aus Holz in eine Spendendose verwandelt, ein Pflaster mit dem Wort "Hilfe" draufgeklebt und an der Tür postiert. "Gegen eine kleine Spende dürfen die Leute hereinkommen und die Wohnung besichtigen."

Gestaltung

Es war 1996 als sie zu ihren drei Kindern sagte: "Wir ziehen in den Blauen Turm." Die Freude war riesig. "An die Treppen haben sie in dem Moment natürlich nicht gedacht", verrät sie und grinst schelmisch. Gesagt, getan: Von der 160 Quadratmeter großen Sechs-Zimmer-Wohnung in der Altstadt zog die Familie hoch in die nur 53 Quadratmeter große Turmwohnung. Ein Grund, warum sich die humorvolle Frau in ihrem Appartement pudelwohl fühlt, ist, dass sie die Gestaltung der Wohnung selbst in die Hand genommen hat, Freunde unterstützten sie bei Schreinerei- und Elektroarbeiten.

Leben über den Dächern der Altstadt

135 Holztreppenstufen führen zu Türmerin Knodel. Doch auch das Treppenhaus ist sanierungsbedürftig und wird 2017 im Zuge der Maßnahmen ausgebessert.

Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sie den einzigen Raum in ein praktisch aufgeteiltes Quartier mit Schlaf-, Ess- und Badbereich. Mit vielen Bildern, unzähligen Figuren auf den antiken Holzmöbeln, zahlreichen Büchern, weißem Schaffell auf der Eckbank und einem Whirlpool im Bad hat sich Knodel so ihre urgemütliche Turmstube erschaffen.

Während der Pubertät ihrer Kinder sei natürlich öfters der Punk abgegangen. "Wenn es mir mal zu viel wurde, bin ich raus auf den Turmumgang und habe von oben runtergeschaut. ,Mensch wie klein ist doch die Welt, was regst dich denn auf?" hab ich mich dann gefragt", verrät sie ihr Stressbewältigungsrezept. Geläutert sei sie dann zurück zu ihren Kids − und habe deren Streitereien einfach ignoriert.

Freibier

Ein Mal in der Woche geht Blanca Knodel einkaufen. "Dann bin ich schon um acht Uhr im Laden, und um zehn Uhr bin ich wieder hier, um den Turm für Besucher zu öffnen." Die Lebensmittel zieht sie ab der dritten Etage über eine Seilwinde hoch in die Wohnung. Getränkekisten lässt sie allerdings von starken männlichen Turmbesuchern bis zur Seilwinde tragen.

"Gegen ein Freibier oben", verrät sie lachend. Noch heute sind die Menschen überrascht über ihre Unterkunft. "Wir haben von unten Gardinen gesehen − wohnen sie wirklich hier?", fragen die oft verwundert. Die Türmerin antwortet dann immer keck: "Ja klar, mit Klavier und Whirlpool."