Früher Tod beendete die hoffnungsvolle Forscherkarriere

Festabend und Vortrag zum 250. Geburtstag des Brackenheimer Naturforschers Carl Heinrich Köstlin in der Stadtbücherei mit Nachfahren der Familie

Von Ulrike Maushake

Früher Tod beendete die hoffnungsvolle Forscherkarriere

Stefan J. Dietrich (links) und Kai Torsten Kanz (Zweiter von rechts) mit Marcus Plehn (Zweiter von links) und zwei Köstlin-Nachfahren. (Foto: Maushake)

Bis ins 15. Jahrhundert lässt sich die Geschichte der Familie Köstlin zurückverfolgen. Es waren Weingärtner aus Esslingen. Ein Spross der Familie wechselte im 17. Jahrhundert ins geistliche Leben über.

Mit Ehrgeiz und Geschick in Gelddingen, Begabung und Fleiß ausgestattet, gelang der Familie der Aufstieg ins württembergische Geistesleben, mit dem sie sich immer enger verknüpfte - auch durch wohlkalkulierte Heiratspolitik und Umsicht in der Auswahl der Taufpaten. Die Familie zeigte einen Hang zu Poesie und Musik und besonderer beruflicher Tüchtigkeit.

Viele berühmte Namen tauchen auf in dem genealogischen Abriss, den der Historiker Stefan J. Dietrich aus Neu-Ulm skizziert, selbst ein Nachfahr der Köstlin-Familie. Mit dieser - direkt oder indirekt - verbunden waren Hauff, Lenau, Kerner und Uhland genauso wie Schumann und Mendelssohn-Bartholdy oder Schelling. Medizinalräte waren diese Köstlins, Stiftslehrer, Professoren für Theologie oder Strafrecht. Zu ihren Nachkommen gehören auch Beate Uhse und Ulrike Meinhof.

Tobias Köstlin, der sich 1732 in Brackenheim niederließ, blieb neben seinen Pflichten als "Herzoglicher Rat und herrschaftlicher Vermögensverwalter" Zeit und Energie genug, mit schwunghaftem Weinhandel ein beachtliches Vermögen aufzubauen. Zwei Mal verheiratet, mit insgesamt 16 Kindern gesegnet, gelang es ihm dennoch nicht, die Brackenheimer Köstlin-Linie zu erhalten: "Wie ein Fluch lag der vorzeitige Tod über den Brackenheimer Köstlin", so Dietrich.

Eines der 16 Kinder war Carl Heinrich Köstlin, über dessen Leben und Werk der zweite Redner des Abends, Kai Torsten Kanz aus Lübeck, referierte. Nach seiner Stiftszeit in Maulbronn wechselte der begabte Carl Heinrich nach Tübingen, wo er seine Lehrer mit einer Versuchsreihe verblüffte, bei denen er Hühner- und Schmetterlingseier elektrisierte, um herauszufinden, ob die Elektrizität ihre Entwicklung beeinflusse. Auf jeden Fall übten die Versuche einen positiven Einfluss auf die wissenschaftliche Karriere des jungen Studenten aus, über den man selbst in London sprach.

Als Forschernatur machte er sich auf, zu einer Bildungsreise bis nach Italien. Er sammelte alles, was ihm an Flora und Fauna begegnete, erkundete die damals noch unerforschte Insel Elba, machte Station am Vesuv, um - quasi im Vorbeigehen - kurzerhand die bisherigen Theorien italienischer Wissenschaftler über die Entstehung des Vulkangesteins aus den Angeln zu heben. Noch nach seinem Tod sollten sich diese verbittert gegen den "unverschämten Deutschen" verteidigen.

Gerade 25 Jahre alt, wird der Doktor der Medizin zum Professor für Naturgeschichte an die Stuttgarter Karlsakademie gerufen, just an dem Tag, als Friedrich Schiller dort entlassen wurde. Drei Lebensjahre blieben Köstlin noch. Im September 1783 starb er an der Ruhr.

"Ein umfangreiches und facettenreiches Werk habe Köstlin, trotz seines frühen Todes hinterlassen", meinte Kanz. Er gehöre zu den Unvollendeten, von denen noch viel zu erwarten gewesen wäre, hätte das Schicksal es so gewollt.