Ein Pietist war Urahn von Beate Uhse

Der einstige Bönnigheimer Stadtpfarrer Tobias Köstlin hat eine teils imposante Nachkommenschaft

Von Stefan J. Dietrich

Ein Pietist war Urahn von Beate Uhse

Zu den Nachfahren des Bönnigheimer Stadtpfarrers Tobias Köstlin (1679 bis 1725) zählen Beate Uhse und Ulrike Meinhof. (Foto: Stefan Dietrich)

Die Familie Köstlin - ursprünglich eine Esslinger Weingärtnerfamilie, die sich bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt - zählte zur württembergischen Ehrbarkeit, also zu den Geschlechtern, die im Herzogtum und später Königreich Württemberg hohe Kirchen- und Staatsämter bekleideten. Und alle bekannt gewordenen Köstlin haben einen Stammvater: Tobias Köstlin, der von 1708 an als Stadtpfarrer in Bönnigheim amtierte.

Köstlin kam am 9. März 1679 in Esslingen zur Welt. Seinen Vater, den Seelsorger Cosmann Köstlin, verlor er bereits mit sechs Jahren. Als er elf war, starb auch die Mutter Maria Magdalena. Der reichsstädtische Magistrat erbarmte sich des begabten Waisenknaben und nahm ihn - an Stelle der ihm zugedachten Kaufmannslehre - bei freier Kost und Logis in das "Collegium Alumnorum" auf, eine Art Gymnasium mit Internat. Durch städtische Stipendien unterstützt, ging Tobias Köstlin 1697 an die Universität Straßburg.

Ein Verwandter ermöglichte Köstlin die Fortsetzung seiner Studien an der Universität Halle. Dort war er von 1702 bis 1705 ein Schüler des großen Pietisten und Stiftungsgründers August Hermann Francke. Köstlin widmete sich besonders den orientalischen Sprachen Hebräisch, Assyrisch, Chaldäisch, Sanskrit, Syrisch - und das mit solchem Erfolg, dass ihn Francke in das "Collegium orientale theologicum" berief, das eine Neuausgabe der hebräischen Bibel vorbereitete.

Krankheitshalber kehrte Tobias Köstlin in sein Vaterland zurück, wo er 1706 die Pfarrei Hochdorf bei Vaihingen/Enz übernahm. Im selben Jahr heiratete er Christina Dorothea Hauff (1687 bis 1733), eine Urgroßtante des Dichters Wilhelm Hauff.

Mit Empfehlung der zum Pietismus neigenden Herzoginwitwe Magdalena Sibylla von Württemberg, der Mutter Eberhard Ludwigs, bewarb sich Köstlin 1708 auf die Stadtpfarrei Bönnigheim. Köstlin führte in der Ganerbenstadt eine neue Kirchen- und Schulordnung Hallescher Prägung ein. Darin werden etwa die Pfarrer ermahnt, über der Feldarbeit die Seelsorge nicht zu vernachlässigen, denn es werde "der Verlust einer durch das Jesus-Blut erkauften Seelen mit nichts als ewig kommenden Flammen auszusühnen sein". Die Schulmeister werden angewiesen, auch die Mädchen zum Schreiben anzuhalten, "damit sie lernen, ihres Erlösers Namen in die Rinde eines jeglichen Baumes zu schreiben".

Am 6. August 1725 ist Tobias Köstlin "schnell und unvermuthet, ehe man die seinige zusammen ruffen hat können, verschieden", berichtete der Bönnigheimer Amtmann. Ob die Baufälligkeit des Pfarrhauses, über die sich Köstlin seit 1723 mehrfach beschwert hatte, zu seinem frühen Tode beitrug, ist nicht bekannt.

Jedenfalls hatte der Bönnigheimer Stadtpfarrer eine teils imposante Nachkommenschaft: Nathanael Köstlin (1744 bis 1826) bereitete als Diaconus in Nürtingen Hölderlin und Schelling, seinen Neffen, auf das Landexamen vor. Heinrich Köstlin (1787 bis 1859), Wegbereiter der klinischen Psychiatrie in Württemberg, hob als Medizinstudent mit Uhland und Kerner die schwäbische Romantik aus der Taufe. Julius Köstlin (1826 bis 1902) war Pionier der historischen Lutherforschung, Karl Köstlin (1827 bis 1909) erster Zellengefängnisdirektor in Heilbronn und Gründervater des dortigen Kunstvereins. Die Linie reicht sogar bis zur Sexartikel-Händlerin Beate Uhse, geborene Köstlin (1919 bis 2001), und zur Rote-Armee-Terroristin Ulrike Meinhof (1934 bis 1976).