Wanderjahre einer Gesellin

Seit 2009 ist Patricia Betzler mit Bündel, Stock und Hut unterwegs

Von Angelika Bohn

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Die Arbeit macht ihr Spaß: An der Nähzange bearbeitet die junge Sattlerin einen neuen Pferde-Kinnriemen.Foto: Angelika Bohn

Brackenheim - Wenn jemand mich fragt, wo ich letzte Woche war, muss ich erst mal überlegen", sagt Patricia Betzler. Vor kurzem ist die 25-jährige Sattlergesellin bei Sattlermeister Steffen Würtz in Brackenheim-Haberschlacht eingekehrt. "Ich war gerade bei der Arbeit, als eines Morgens die Tür aufging und Patricia im Raum stand", erzählt er.

Seit zwei Jahren ist die junge Frau aus Wehr bei Lörrach in ihrer Gesellenkluft auf der Walz. So heißt im Handwerkerjargon die drei Jahre und einen Tag dauernde Wanderschaft. "Als ich am Ortsschild vorbeiging und meine Familie, Freunde und mein Pferd zurückließ, war ich traurig, aber auch gespannt auf das, was kommt", sagt sie.

Route Durchquert hat sie bisher jedes Bundesland, arbeitete in Griechenland, Kroatien, Albanien und selbst in Afrika. Als Patricia von zu Hause loszog, hatte sie nur fünf Euro und ihr acht Kilogramm schweres Bündel mit Schlafsack, Arbeitskleidung und Handwerkszeug dabei. Nicht einmal ein Handy durfte sie mitnehmen. Eine erfahrene Gesellin begleitete sie drei Monate lang. "Sie brachte mir die Zunftregeln bei und zeigte mir, wie man anfangs mit wenig Geld auf der Straße auskommen kann."

Geld steht Patricia nur bedingt zur Verfügung. "Wir bekommen etwas Taschengeld von den Meistern. Für das Reisen und Übernachten dürfen wir aber nichts ausgeben." So sieht es die 800 Jahre alte Tradition vor. Im Klartext bedeutet das: trampen und sich in der Zeit ohne Arbeit jeden Tag ein neues Nachtlager suchen.

"Im Sommer schlafe ich schon mal unter einem Baum oder in einer Wanderhütte. Im Winter frage ich beim Gemeindepfarrer oder bei Studenten nach", erzählt sie. In Kroatien schlief sie sogar auf einem Touristendampfer. Bei Überseereisen würden Flüge aber toleriert.

Kehrt sie bei einem Meister ein, schläft sie in der Regel dort. Mehr als drei Monate darf sie sich nicht an einem Ort aufhalten. "Ich bleibe aber nie länger als sechs Wochen", sagt Patricia, "sonst fällt mir der Abschied zu schwer." Eine Ausnahme machte sie im afrikanischen Togo, wo sie sich die erlaubten drei Monate aufhielt. Eine deutsche Hilfsorganisation hatte sie auf einer Straße im Allgäu um Unterstützung gebeten.

Kontakt Während der Zeit auf der Walz darf sich Patricia ihrem Heimatort nicht mehr als 50 Kilometer nähern. "Manchmal höre ich ein viertel Jahr nichts von ihr, manchmal ruft sie zwei mal die Woche an", sagt ihre Mutter Lucia Betzler am Telefon. "Jedes Gespräch ist immer wieder ein kleiner Abschied."

Bis auf wenige negative Erlebnisse beim Trampen genießt Patricia die Zeit auf der Straße: "Hier habe ich keine Termine und Verpflichtungen. Ich bin frei und lebe in den Tag hinein. So was werde ich wahrscheinlich nie mehr im Leben haben." Später will sie sich selbstständig machen. Das Leben auf der Straße habe sie verändert."Ich bin gelassener geworden. Wenn nicht das fünfte Auto anhält, dann eben das zehnte." Wohin führt sie ihr Weg als Nächstes? "Keine Ahnung", antwortet sie und lächelt. "Ich gehe dahin, wo ich vorher noch nie war."