Paralellen zur Wimpfener Geschichte

Burgenforscher findet Spuren der Staufer − Palas von Heinrich VII.?

Von Rolf Muth

Paralellen zur Wimpfener Geschichte
Ingeborg Schraut, Geschäftsführerin der Schloss Liebenstein GmbH Co.KG, und Nicolai Knauer versprechen beim Fest am Sonntag historische Überraschungen.Fotos: Dittmar Dirks

Neckarwestheim - Hatte König Heinrich VII., der aufrührerische Sohn des Stauferkaisers Friedrich II., ein Refugium hoch über Neckarwestheim geplant? Sollte der riesige Bau, in dem jetzt das Schlosshotel untergebracht ist, ein prächtiger Palas, also ein repräsentativer Saalbau einer mittelalterlichen Pfalz werden? Muss die Geschichte der Liebensteiner umgeschrieben werden?

Mit einem klaren "Ja" antwortet der Heilbronner Burgenforscher Nicolai Knauer auf diese "kleine Sensation". Seit vier Jahren forscht er im Schlossarchiv, seit einem Jahr untersucht er auch intensiv die Bausubstanz der riesigen Anlage.

Schon die Fläche von einem Hektar, die von der Wehrmauer umspannt ist, macht den 41-Jährigen stutzig: "Die ist viel zu groß für den Niederadel der Liebensteiner, die eine solche Anlage hätten kaum unterhalten können. Und: Die Burgen im Hochmittelalter sind eher relativ klein." Liebenstein sei zudem kein Lehen gewesen. Ein weiteres Indiz für Knauer, "dass es eine staufische Reichsburg war".

Indizien Die spärlichen Aufzeichnungen zur Geschichte von Schloss Liebenstein gehen bislang von einem Bau zwischen den Jahren 1150 und 1200 aus. Bauherr soll Ritter Reinhard von Liebenstein gewesen sein. "Alles falsch", sagt Knauer. "Es war dessen Sohn Albrecht", ein Gefolgsmann Heinrich VII.

Der mächtige Wohnturm wurde als erste der baulichen Anlagen erst 90 Jahre später gebaut. Das beweist Knauer mit einer dendrologischen Untersuchung. Diese belege, dass der Turm zwischen 1230 und 1240 erbaut wurde. "Im mittleren Bereich befinden sich Hölzer, die im Winter 1237/38 geschlagen wurden." Dieser Bereich war wohl die Keimzelle der Anlage. Vis-á-vis entstand ein Bau, der Palas, der ursprünglich als zweiter Wohnturm interpretiert worden war. "Dafür sind aber die Mauern zu schwach." Knauer hat hier ein romanisches Fenster entdeckt. Ein Hinweis dafür, dass auch dieses Gebäude den Anfängen auf dem Bergsporn zuzuordnen ist. Romanische Elemente wurden nur bis Mitte des 13. Jahrhunderts verwendet. Knauer hat weiter ein romanisches Tor im Südwesten der Wehrmauer gefunden und freilegen lassen. "Das damalige Haupttor", davon sind er und die Geschäftsführerin der Schloss Liebenstein GmbHCo.KG, Ingeborg Schraut, überzeugt. Später, in der Gotik, wurde diese mit mächtigen Quadern errichtete Mauer mit kleineren Bauelementen aus Sandstein erhöht.

Was aber hatte Heinrich VII. hier zu suchen? Markgraf Hermann von Baden, ein enger Vertrauter Kaiser Friedrichs, aber kein Freund Heinrichs, baute eine Residenz in Bönnigheim. Eine Provokation für den Königssohn, der prompt mit dem Bau auf Liebenstein antwortete?

Aus dem Jahr 1235 ist das Aufeinandertreffen von Kaiser Friedrich II. mit seinem Sohn Heinrich VII. in Wimpfen überliefert − an das Ereignis vor 775 Jahren erinnert Wimpfen heuer mit einem Festspiel. Am 2. Juli muss sich Heinrich dem Vater unterwerfen. Friedrich entthront ihn und kerkert ihn in Süditalien ein. Dort stirbt der König. Das erklärt womöglich die weitere Entwicklung Liebensteins. Die starke Figur im Hintergrund fehlt. Zwei Geschlechter der Liebensteiner teilen sich später die Anlage, die sich in das obere Schloss und das untere Schloss mit Wohnturm und eigener Wehrmauer inmitten der großen Wehranlage gliedert. "Ungewöhnlich − hier gibt es alles zweimal", sagt Knauer.

Wohlhabend Im 16. Jahrhundert erleben die Liebensteiner wohl ihre beste Zeit. Sie bauen mächtige Fruchtspeicher, eine prunkvolle Kapelle, die ihresgleichen sucht. Im 17. Jahrhundert folgt der Verkauf ans Herzogtum Württemberg. Bis 1982 bleibt die Anlage in dessen Besitz. Von der Hofkammer erwirbt die Gemeinde Neckarwestheim damals das Areal, weil sie einem Interessenten aus Holland zuvorkommen will. Jener steht im Ruf, mit Scientologen verbandelt zu sein. Und einem Sektenzentrum in der Nachbarschaft wollen die Ratsherren unter der Liebenstein einen dauerhaften Riegel vorschieben. 800 000 Mark investiert Neckarwestheim damals in den Kauf der Schlossanlage von Carl Herzog von Württemberg.

Paralellen zur Wimpfener Geschichte
Kern und Ursprung der Anlage ist der Wohnturm, der einem der Adelsgeschlechter über Jahrhunderte als Bleibe gedient hat.Fotos: Dittmar Dirks
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Das Wappen der Liebensteiner ziert auch das Gewölbe der Schlosskapelle.