Im Schatten des berühmten Bruders

Architekt Hermann Heuss wäre heute 125 Jahre alt geworden

Von Isolde Döbele-Carlesso

Im Schatten des berühmten Bruders
Die Brüder Heuss im Jahre 1891: Theodor, Ludwig und Hermann (von links). Später schlugen sie sehr unterschiedliche Wege ein.Foto: Stadtarchiv Brackenheim

Brackenheim - Er war der Liebling der Mutter, der Sohn, „der ihrem Herzen am nächsten stand“, so erinnert sich Theodor Heuss an seinen älteren Bruder Hermann. Der wäre heute 125 Jahre alt geworden.

Geboren wurde er in Brackenheim wie auch die beiden anderen Söhne des Regierungsbaumeisters Louis Heuss und seiner Frau Elisabeth. Er verbrachte sieben Jahre in seiner Geburtsstadt, dann wurde der Vater als Leiter des städtischen Tiefbauamts nach Heilbronn versetzt.

Hermann war ein hervorragender Schüler, er lernte mühelos, zeichnete, malte und las viel. Dabei war er jedoch nicht so ambitioniert wie Theodor: „Hermann erledigte die Dinge ehrgeizlos, während ich selber nicht ohne Ehrgeiz, sicherlich nicht ohne jugendliches Geltungsbedürfnis war“, schrieb der spätere Bundespräsident über ihre Schulzeit.

Mit ihm und nicht mit dem ältesten Bruder Ludwig verglich sich Theodor Heuss in seiner Jugend. 1901 unternahmen die beiden eine Bildungsreise an den Rhein. Über die Ergebnisse konstatierte Theodor: „Hermann hat ungemein fleißig gemalt, ich habe mit behutsamem Eifer gezeichnet und gedichtet; seine Aquarelle waren viel besser als meine Verse.“

Die Heuss-Brüder gingen ganz unterschiedliche Wege. Ludwig und Hermann sind heute kaum mehr bekannt, wohl weil sie allzu sehr im Schatten des jüngsten Bruders stehen. Ludwig wandte sich der Medizin zu und wurde Stadt- und Schularzt in Heilbronn, während Hermann an den Technischen Universitäten Stuttgart und Berlin Architektur studierte. 1912 legte er seine Prüfungen zum Regierungsbaumeister ab. Im Ersten Weltkrieg arbeitete er im Entwurfsbüro der Krupp AG in Essen. Er erstellte Projekte für Kolonie- und Siedlungsbauten, Kinder- und Handarbeitsschulen, Bier- und Lesehallen.

Die Aussicht auf eine „sichere Stellung mit Pensionsberechtigung“ führte ihn nach Chemnitz, wo er 1919 an den Technischen Staatslehranstalten die ausgeschriebene Lehrstelle für Hochbau erhielt. Dort übernahm er nach dem Zweiten Weltkrieg die Leitung der Ingenieursschule für Bauwesen. 30 Jahre lang wirkte Hermann Heuss in Chemnitz. Mit der Wahl des Bruders zum Bundespräsidenten ging diese Zeit jedoch abrupt zu Ende.

Da sein Haus ständig von Spitzeln umlagert war, verließ er die Stadt im September 1949 fluchtartig und heimlich. In Stuttgart-Degerloch gründete er ein Architekturbüro. Gestorben ist Hermann Heuss am 20. September 1959 an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Seine letzte Ruhestätte fand er im Familiengrab in Heilbronn.

Seine Dissertationsschrift über die Schloss- und Stadtbaugeschichte der ehemals hohenlohischen Residenzen, mit der er 1923 an der Technischen Hochschule Stuttgart promoviert hatte, veröffentlichte er 1937 unter dem Titel „Hohenloher Barock und Zopf“. Hermann Heuss selbst hatte das Hohenloher Land in seiner Kindheit lieb gewonnen, damals, als der Vater es mit ihm und den Brüdern wandernd erkundete.