Überraschungen aus der Steinzeit

Leingarten - Grabungen im Baugebiet Kappmannsgrund Ost sind abgeschlossen

Von Tanja Ochs

Überraschungen aus der Steinzeit
Seit zehn Jahren reinigt Güllü Nasa Scherben und Knochen, die Archäologen im Landkreis gefunden haben.

Leingarten - Fast vier Monate lang haben Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege im Leingartener Baugebiet Kappmannsgrund Ost fast zwei Hektar Erde umgegraben. Die dabei gefundenen Stücke werden derzeit in der Außenstelle der Behörde in Lauffen gereinigt und katalogisiert. Tonscherben, Tierknochen und -zähne, Teile von Nadeln und Armreifen lagern ordentlich nummeriert und sortiert in den Kisten der Behörde.

Im Keller bürstet Güllü Nasa vorsichtig die Schlammkruste von den Kostbarkeiten, eine Etage höher füllt Archäologe Dr. Martin Hees zwei Ordner mit Dokumentationsmaterial. Bis zum Jahresende muss die Arbeit abgeschlossen sein, dann schließt die Außenstelle und die Fundstücke werden im Zentralarchiv in Rastatt eingelagert.

Leingarten sei ein Extremfall, erklärt Grabungsleiter Hees: "Da ist kein Acker ohne Archäologie." Mit Funden rechnen die Experten deshalb immer. Überraschungen gibt es manchmal trotzdem: Bei den Ausgrabungen im Sommer wurde zum ersten Mal ein kompletter Hausgrundriss aus der Großgartacher Kultur freigelegt. "Es ist das erste Haus, das wirklich gefunden wurde", sagt der 43-Jährige. Vorher haben immer nur Abfallgruben auf die Besiedlung während der Steinzeit-Epoche hingewiesen. 20 Meter lang muss das Haus gewesen sein, in dem laut Hees vor über 6000 Jahren vermutlich eine Großfamilie mit ihren Tieren gelebt hat. "Da stand mal ein komplettes Dorf", vermutet der Grabungsleiter. Sieben oder acht Häuser dieser Art sollen im Kappmannsgrund existiert haben.

Bronzezeit

Gar nicht gerechnet hatten die Archäologen außerdem mit Funden aus der späten Bronzezeit. Neben fünf Gräbern mit Urnen haben die Experten Hinweise auf Kellergruben aus der Zeit um 1000 vor Christus entdeckt. "So etwas ist extrem schwer zu finden", meint Hees stolz. Opfergaben in den Gräbern wie beispielsweise ein Armreif aus Bronze mit einer Kupferlegierung erzählen von den Lebensumständen aus dieser Zeit. "Die Grabung hat sich auf jeden Fall gelohnt", ist sich der Leiter sicher.

Kelten

Wo sich jetzt wieder junge Familien ansiedeln, haben im ersten und zweiten Jahrhundert vor Christus schon die Spätkelten gelebt. "Über ihre kleinen Siedlungen wissen wir nur wenig", erklärt Hees. Zwei kleine Hausgrundrisse und einen Entwässerungsgraben haben er und seine Mitarbeiter freigelegt. Auch das Schwungrad einer Spindel sowie Salztransport- und Siedegefäße aus dieser Zeit sind auf dem Leingartener Acker aufgetaucht.

Überraschungen aus der Steinzeit
Grabungsleiter Martin Hees katalogisiert und rekonstruiert in Lauffen die Leingartener Fundstücke.Fotos: Tanja Ochs

Noch 300 Jahre vorher haben die frühen Kelten ihre Spuren hinterlassen. Die Beweise dafür haben vier Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes zusammen mit einem Dutzend freiwilliger Helfer aus Leingarten gesichert. Das sei körperliche Arbeit gewesen, sagt Hees. Mit Hacke und Schaufel waren die Hobby-Archäologen unterwegs, jeden Tag, bei Wind und Wetter. "Das hat sehr gut funktioniert." Die Leute seien sehr interessiert gewesen.

Die Gemeinde hat die Kosten für die Bagger in Höhe von rund 20 000 Euro übernommen. Parallel zu den Grabungen wurde die Erschließung des Baugebiets vorangetrieben, Verzögerungen habe es nicht gegeben, versichert der stellvertretende Bauamtsleiter Tim Breitenöder. 21 der 44 Grundstücke hat die Gemeinde verkauft. Ein Dutzend Baukräne und einige Rohbauten zeugen inzwischen von den neuen Bewohnern am Ostrand des Ortes.