Strahlenbelastung in der Diskussion

Baubiologe Jörn Gutbier spricht über Auswirkungen der Mobilfunknetze

Von Stefanie Pfäffle

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Strahlenbelastung in der Diskussion
Jörn Gutbier.Foto: Stefanie Pfäffle

Schwaigern - Mobiltelefone sind die Zigaretten des 20. Jahrhunderts", zitiert Jörn Gutbier Dr. Magda Havad. Beides seien hochprofitable Industrien mit Suchtpotenzial, deren Hintermänner die negativen gesundheitlichen Auswirkungen strikt bestreiten. "Ich will Ihnen heute mal zeigen, wie tief das Rattenloch ist", erklärt der Baubiologe aus Herrenberg, der auf Einladung der Initiative Mobilfunk und Gesundheit Kleingartach und Stetten am Mittwochabend in der Stettener Mehrzweckhalle über den "verantwortlichen Umgang mit Mobilfunk" spricht.

Renner Das Thema ist ein aktueller Renner. Mehr als 100 Menschen sind gekommen. "Diese Veranstaltung soll helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch im Umfeld vertreten zu können", erklärt Karin Eckstein von der Initiative. Keinesfalls wolle man gegen andere aufwiegeln, sondern sei auf der Suche nach Lösungen.

Gutbier verspricht einen Parforce-Ritt durch die Auseinandersetzungen innerhalb der Wissenschaft und mit der Politik. Bereits 1932 wurde das Mikrowellensyndrom der Funkfrequenzkrankheit beschrieben, unter anderem mit Herz-Rhythmusstörungen, einem Symptom, unter dem heute auch Menschen in der Nähe von Mobilfunkmasten klagen. "Jede Zelle, jedes Organ, jeder Organismus ist Empfänger und Sender elektromagnetischer Wellen im Mikrowellenbereich", erklärt Gutbier. Die Natur habe diese Frequenzbereiche nicht umsonst frei gelassen, weil damit das Innere geregelt werde.

Derzeit gibt es in Deutschland bis zu neun parallel aufgebaute Mobilfunknetze von vier Anbietern und der Bundesbahn. "Das ist, als wenn Audi sein eigenes Autobahnnetz hätte." Dazu stünden etwa 260 000 Sendeanlagen auf 64 532 Sendestandorten, die rund 106 Millionen Handys versorgen. "Die Standardfloskel ist immer, die Grenzwerte schützen ausreichend, es gibt keine nachweisbaren Einflüsse", weiß Gutbier.

Das Problem: Die Grenzwerte von derzeit zehn Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter bei UMTS seien nach der veralteten Einstellung, dass nur Wärmewirkung eine Schädigung ist, ermittelt. Erstellt werden sie von der Internationalen Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung ICNIRP, eine private Organisation mit derzeit 13 Mitgliedern. Dort übe man sich in "konstruktivem Nicht-Zur-Kenntnis-Nehmen" − selektiv, irreführend, unangemessen, fehlerhaft.

Die amtlichen Grenzwerte liegen also bei UMTS bei zehn Millionen, in Paris bei 10 000 und in Salzburg innerhalb von Gebäuden bei einem Mikrowatt pro Quadratmeter. Die Handyfunktion sei schon bei 0,00005 Mikrowatt gewährleistet. "Der Grenzwert ist, als würde man auf der Autobahn Lichtgeschwindigkeit als Höchstgeschwindigkeit zulassen − wird also niemals erreicht." Der ICNIRP-Vorsitzende habe einmal gesagt, wenn man die Grenzwerte reduziert, mache man den Standort Deutschland kaputt. Die Beweggründe seien also klar.

Hinweise Weiteres Problem: Es gibt keine Beweise, aber laut Gutbier konsistente Hinweise, das heißt, ein Wirkmechanismus zwischen Strahlen und Beschwerden sei zu 95 Prozent sicher. Ständig würden neuen Studien mit biologischen Effekten weit unter den Grenzwerten veröffentlicht und ignoriert. Denn: Der Schutz eines prosperierenden Marktes scheine Staatspriorität zu sein, zumal der Verkauf der UMTS-Lizenzen 50 Milliarden Euro einbringen soll. "Natürlich sind alle Nutzer dieser Technik, die ganze Gesellschaft braucht sie, deswegen geht es nicht um die Abschaffung, sondern um eine Fundamentalkritik daran, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in politische Verantwortung umzumünzen sind."


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