Mit 70 hat man noch Träume

Olympiateilnehmer Ortwin Czarnowski lässt die Sektkorken knallen

Von Josef Staudinger

Mit 70 hat man noch Träume
Wenn Ortwin Czarnowski morgens in die Pedale seines Ergometers tritt, liest er dabei stets die Heilbronner Stimme.Foto: Josef Staudinger

Leingarten - Ich lebe nach Prinzipien", sagt Ortwin Czarnowski. Das Goethe-Zitat "Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen", ist für den Leingartener richtungsweisend. Am heutigen Mittwoch wird der ehemalige Spitzen-Radsportler und Fachoberlehrer 70 Jahre "jung".

Sein Alter sieht man dem rüstigen Rentner nicht an. Er sprüht vor Energie und ist noch voller Ideen. Auch für seinen runden Geburtstag, den er zusammen mit seiner Familie und Freunden auf dem Heuchelberg feiert, hat sich Ortwin Czarnowski etwas besonderes einfallen lassen: Seine Gäste geleitet er über den "Philosophenweg" vom oberen Parkplatz aus über die Treppe zur Turmgaststätte. Die Strecke ist mit zwölf selbstgemachten Tafeln bestückt, auf denen Lebensweisheiten stehen: Beispielsweise: "Man kann dir den Weg weisen, aber gehen musst du ihn selbst."

Tempelberg Nur wenige Tage später lässt Czarnowski in seinem Geburtsort Tempelberg in der Mark Brandenburg zum zweiten Mal die Sektkorken knallen. "Mit 70 hat man noch Träume", schmunzelt Czarnowski. Deshalb schwingt er sich auf den Sattel und legt die rund 750 Kilometer lange Strecke zusammen mit ehemaligen Kollegen aus seiner Aktivenzeit auf dem Fahrrad zurück. Sieben Tagesetappen sind dafür angesetzt. "Ich hätte die Tour in drei Tagen geschafft", versichert Czarnowski. Für einen wie ihn ist das sicher ein Klacks, trotz einer schweren Krebsoperation und einer Lungenembolie, die er vor nicht einmal drei Jahren mit großer Willenskraft überstanden hat.

Seine Familie ("Alle sind für die anderen da, darüber bin ich glücklich") gibt ihm den nötigen Rückhalt. Seit 1969 ist Czarnowski mit Sigrid, geborene Rokitte, verheiratet. Aus ihrer Ehe gehen zwei Töchter hervor: Katja (39) lebt in Rochester in der englischen Grafschaft Kent, Andrea (35) wohnt in Leingarten. Die Enkelkinder Ole (6) sowie die beiden dreijährigen Merle und Felix sind für Ortwin Czarnowski "das Allergrößte". Stolz ist der leidenschaftliche Sammler von Telefonen auch auf sein Haus und seinen traumhaft schönen Garten, in dem der er viele Stunden verbringt.

Das Strampeln auf zwei Rädern ist Czarnowski praktisch in die Wiege gelegt worden. "Während andere Buben Fußball gespielt haben, habe ich mir Radfahrer zum Vorbild genommen", erinnert er sich an seine Jugendzeit. Im Radsportverein Chemie Fürstenwalde gehört er mit zu den größten Hoffnungsträgern des DDR-Sports, bis er vor 50 Jahren mit seiner Mutter und seinen drei Geschwistern in den Westen flüchtet.

Seine sportliche Entwicklung geht weiter steil bergauf. Während er tagsüber seine Brötchen beim Heilbronner Fernmeldeamt verdient, fährt er nach Feierabend und an den Wochenenden für den Radsportverein Wanderlust Heilbronn. "Damals", erinnert sich Czarnowski, "bin ich mit dem Rad nach Frankfurt gefahren, habe am Samstag und Sonntag ein 180-Kilometer-Rennen absolviert und bin am Montag mit dem Siegerkranz auf dem Rücken wieder zurück geradelt."

Nationalteam 1964 schafft er den Sprung ins deutsche Nationalteam. Czarnowskis Erfolgsbilanz liest sich wie ein spannendes Buch. Die Krönung ist 1968 die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Mexiko. Danach beendet der Leingartener seine sportliche Laufbahn, gibt seinen Job bei der Post auf und studiert Sport und Technik.

Als Organisator außergewöhnlicher Streckentouren hat sich Czarnowski seither im ganzen Unterland einen guten Ruf geschaffen. Berühmt sind seine "Rollenden Klassenzimmer" mit Fahrradfernfahrten bis nach Berlin und Tempelberg oder die von ihm 1998 ins Leben gerufene Umwelt- und Verkehrsolympiade mit teilweise bis zu 3600 Schülern auf der Heilbronner Waldheide.