Der Zichorienfabrik trauern viele nach

Deutschlands letzte Darre musste 2002 einem Einkaufszentrum weichen

Zichorienanlieferung vor der Fabrik von 1844. Über 150 Jahre lang dominierte die Darre das Grenzgebiet zwischen Großgartach und Schluchtern.Foto: OCL

Leingarten - Die Zichorienfabrik, erbaut 1844, musste 2002 der neuen Einkaufsmeile zwischen den Ortsteilen weichen. Noch heute hadern viele mit der Tatsache, dass die Gemeindeoberen die letzte Zichorienfabrik Deutschlands aufgaben.

Muckefuck Über 150 Jahre lang dominiert die Fabrik das „Grenzgebiet“ zwischen Großgartach und Schluchtern. Während der Kampagne im Herbst liefern Bauern aus dem Leintal und dem Kraichgau die Wurzeln der Zichorie – verwandt mit Chicoree oder Endivien – in der so genannten Darre, einem Trocknungsbetrieb, ab. Die Wurzeln werden gesäubert, geschnitten und getrocknet. Zur Weiterverarbeitung werden die Schnitzel nach Ludwigsburg transportiert, wo die Zichorie zusammen mit verschiedenen Getreidesorten zu Ersatzkaffee, dem so genannten Muckefuck verarbeitet wird – heute noch bekannt ist vor allem die Sorte Caro-Kaffee. Ende 2000 beschließt der Nestlé-Konzern, zu dem die Zichorienfabrik zuletzt gehört, seine getrocknete Zichorie künftig billiger aus Polen und Ungarn zu beziehen. Der Standort Leingarten wird als „nicht weiter konkurrenzfähig“ abgeschrieben, das Gelände für rund sieben Millionen Mark an einen Investor verkauft. Das „noch produzierende Industriedenkmal“, so der damalige Betriebsleiter Rudi Grimm 1998, wird abgerissen. Heute erinnert nichts mehr an Deutschlands letzte Darre, die gleichzeitig der erste Industriebetrieb in Großgartach war.

Lebensaufgabe 35 Jahre lang war der gebürtige Sachse Werner Lauterbach, Jahrgang 1925, Betriebsleiter der Darre. Das Leben seiner Frau Anneliese, Jahrgang 1924, wird seit Geburt von der Zichorienverarbeitung geprägt. Ihr Vater war Ingenieur bei der Firma Heinrich Franck Söhne, die das Verfahren in Deutschland einführte. 35 Jahre lang lebt und arbeitet das Ehepaar auf dem Gelände der Fabrik, er als Betriebsleiter, sie während der Kampagne im Büro. Im Winter fahren die Lauterbachs Schlittschuh auf dem Schlammsee hinter dem Haus, im Sommer lauschen sie dem Konzert der Frösche und dem Gesang der Vögel.

Kränzchen Als Andenken an „ihre Fabrik“ haben die Lauterbachs ein Ölgemälde von 1853 zu Hause. Darauf ist zu sehen, dass damals ein Bach durch das Betriebsgelände floss. Mit dessen Wasser wurden die Zichorien gereinigt. In den 50er-Jahren lieferten die Bauern die Feldfrüchte noch mit Ochsen- oder Kuhgespannen an. Sie hielten Schwätzchen, tranken Muckefuck in der Vesperstube oder brachten selbst gekelterten Wein mit. „Wenn mal einer zu viel hatte, haben wir ihn in den Schubkarren gesetzt und nach Hause gefahren“, erinnert sich Anneliese Lauterbach.

Blieben die Früchte auf dem Gelände liegen und trieben aus, kamen die Leute aus dem Ort und schnitten sich das so genannte Kränzchen ab – für Salat. Vor ihrem Abriss war die Darre modern ausgestattet. Werner Lauterbach: „Wir hatten Trommeldarren und Gasheizung. Als die Fabrik auf dem neuesten Stand war, wurde sie dann stillgelegt.“