Jagsttalbahn aufs Gleis gehoben

Gemeinderat gewährt finanziellen Nachschlag − Widerstand in der Bevölkerung

Von Nina Glutsch und Christian Gleichauf

Jagsttalbahn aufs Gleis gehoben
Noch rosten die Gleise vor dem Widderner Bahnhof vor sich hin. Nach der Zusage des Widderner Gemeinderats, die Finanzierung der Wiederinbetriebnahme zu sichern, könnten hier aber in wenigen Jahren wieder Züge rollen.Foto: Christian Gleichauf

Widdern - Der Gemeinderat von Widdern hat entschieden: Die Jagsttalbahn bekommt über die bereits zugesagten 300 000 Euro hinaus noch einmal 127.000 Euro aus der Stadtkasse. Nur die vier Stadträte der Bürgerlichen Liste stimmten gestern Abend dagegen.

Mit diesem Beschluss kann die Finanzierung des Projekts als gesichert gelten, da Jagsthausen bereits signalisiert hat, seinen zusätzlichen Anteil von 64.000 Euro zu tragen.

In der Bevölkerung dürfte die Entscheidung wenig Begeisterung auslösen. In einer Umfrage unserer Zeitung äußerten sich wenige Stunden vor der Sitzung des Gemeinderats viele Widderner kritisch über Pläne, den Betrieb der Jagsttalbahn wieder aufzunehmen. Das Projekt stößt größtenteils auf Ablehnung.

Kein Magnet

Thomas Heckmann (34) vertritt die Meinung, dass die Bahn für die Stadt finanziell nicht tragbar ist. Widdern habe ganz andere Probleme. "Hier ist alles marode, und die Straßen haben Schlaglöcher." Das Ortsbild und die Infrastruktur müssten zuerst auf Vordermann gebracht werden. Wenn Mittel da seien, dann könne man auch über eine Bahn nachdenken. Momentan sieht er für die Jagsttalbahn keine Zukunft. "Die Karten werden nachher viel zu teuer für die Familien und dann fährt keiner mit." Man sehe doch an den Spendenaufrufen für die Bahn, dass Widdern eigentlich kein Geld dafür habe. "Die fahren noch gar nicht und sind schon pleite", sagt Heckmann. Er glaubt auch nicht, dass die Bahn ein neuer Anziehungspunkt für Touristen wäre. "Hier gibt es ja nicht einmal eine gescheite Wirtschaft." Widdern lade nicht zum Verweilen ein, das müsse man zuerst ändern.

Nur Kosten

Trudel Bosch (53) spricht sich ebenfalls gegen die Jagsttalbahn aus. "In Widdern liegt so viel im Argen", sagt sie. Die Wasserversorgung sei mit die teuerste im Umkreis und es gebe so viele andere Dinge, die im Ort zu richten wären. "Die Bahn bringt nur Jagsthausen etwas." Weil die Touristen in Widdern nur einsteigen würden. Widdern hätte nur zusätzliche Kosten und keine Vorteile, sagt sie.

Kindergärtnerin Claudia Schimmel (40) ist geteilter Meinung. Sie erinnert sich an ihre eigene Kindheit, als die Bahn noch fuhr. "Das war schon toll damals und immer ein Erlebnis", erzählt sie. "Prinzipiell finde ich das eine gute Idee, wenn es finanziell machbar ist", sagt sie. Widdern müsse aber noch mehr bieten, damit sich das Vorhaben wirklich lohne. Schimmel kann sich vorstellen, dass die Bahn ein guter Anfang ist. "Daraus entwickelt sich dann vielleicht mehr", glaubt sie. "Aber wenn es sich die Stadt nicht leisten kann, dann muss sie sagen: Das kommt nicht in Frage."

Keine Wirtschaft

Micha Branyi (16) wohnt im Neubaugebiet Bühl oberhalb der Gleise der Jagsttalbahn. Ihn würde der Qualm der Bahn nicht stören. "Vielleicht die Geräusche am Sonntagmorgen." Aber vor allem hält er das Projekt für zu teuer. "Mit der Bahn werden nicht viele Leute fahren, die Karten kosten zu viel. Mit dem Bus oder dem Auto komme ich besser weg", sagt er. Touristen würden allein wegen der Bahn auch nicht angelockt. Auch weil es in Widdern keine Wirtschaft gebe. "Hier ist nichts los."

Friedrich Messer (65) ist zuerst für das Projekt gewesen. "Aber jetzt, da kein Geld mehr da ist, sollten wir es lassen." Widdern wäre nur ein Abfahrbahnhof und hätte keine finanziellen Vorteile von der Jagsttalbahn. "Die Jagsthäuser führen uns an der Nase rum", glaubt er.

Martin Janda (47) lebt seit 15 Jahren in Widdern. Er fände es einerseits schön, wenn die Jagsttalbahn wieder fahren würde. Janda glaubt, dass die Bahn im Sommer noch mehr Touristen anzieht, die vor allem zum Radfahren ins Tal kommen. "Aber ich selbst werde niemand sein, der die Bahn regelmäßig nutzt", sagt er. Außerdem hätte es die Bahn schwer, wenn sie teurer als der Bus ist.

Hoffnung

Hans-Martin Reinert, der das einzige Café in der Widderner Altstadt betreibt, ist der Meinung, dass Widdern den Tourismus und die Bahn braucht. Man müsse etwas unternehmen, damit die Leute gerne in der Stadt bleiben. "Wenn man gar nichts macht, passiert auch nichts", glaubt er.