Im Bahnhof mit Hund und Hühnern

Nördlicher Landkreis - Gill lebt in ehemaligem Bahnhalt − Mehrere Ideen für Nutzung

Nördlicher Landkreis  - Die Oedheimerin Birgit Gill wohnt unterm Dach. Gemütlich auf etwa 50 Quadratmetern. Das ist nicht außergewöhnlich, wäre da nicht die Uhr mit dem Emblem des Grand Central Terminals in New York. "Die hab" ich mal im Dänischen Bettenlager gekauft, passt ja schließlich hierher", sagt die 51-Jährige. Birgit Gill wohnt nämlich im ehemaligen Bahnhof von Oedheim. Ihre Mutter, Rita Bielmeier, war bis zur Einstellung des Zugverkehrs vor 18 Jahren mehr als 20 Jahre lang Herrin über den Bahnhof. Sie hat sich um alles gekümmert: Fahrkartenverkauf, Frachtabwicklung, Zuckerrübentransporte. Als sie 1996 starb, blieb ihr heute 76-jähriger Ehemann Xaver im ehemaligen Bahnhof wohnen. Bis heute. Vor drei Jahren ist Tochter Birgit zurückgekommen in das Haus, in dem sie viele Jahre ihrer Kindheit und Jugend verbrachte. Der Vater wohnt in der Wohnung unter ihr.

Nutzgarten

Früher war der Bahnhof voller Leben: Da hielt man jenseits der Schienen einen Hund im Zwinger und ein paar Hühner. Auch ein kleines Nutzgärtchen hatten die Bielmeiers angelegt. Dazu kam der tägliche Bahnbetrieb. "Ich kann mich noch gut an das Diensttelefon mit der Kurbel erinnern. Damit war man mit den anderen Bahnhöfen auf der Strecke in Kontakt", erzählt Birgit Gill. Sonntags sei oft die Türglocke gegangen, wenn Schüler vergessen hatten, ihre Monatskarte rechtzeitig zu lösen.

Auch an die Hektik während der Zuckerrübensaison erinnert sich Birgit Gill. Schon in der Denkschrift zur Eröffnung der Unteren Kochertalbahn 1907 war mit Bezug auf das "stattliche Pfarrdorf Oedheim" und den Stellenwert des Bahnhofs vom bedeutenden Feld- und Gemüsebau für die nahe Zucker- und Cichorienfabrik und die Nahrungsmittelfabriken in Heilbronn die Rede. Heute steht das Gebäude einsam auf weiter Flur, ist weitläufig umkreist von asphaltierten Parkflächen mit dem neuen Einkaufsmarkt in der Nachbarschaft. Als es noch an Kilometer Vier Dienst tat, befanden sich im Erdgeschoss Warteraum, Dienstraum und Güterschuppen.

Wohnrecht

Schon immer war darüber die Wohnung des Stationsbeamten, wie man früher sagte. Xaver Bielmeier, der Mann der letzten "Beamtin" fühlt sich hier wohl und ist froh, lebenslanges Wohnrecht zu haben. Wenn der Vater einmal nicht mehr ist, werde sie wohl ausziehen müssen, meint Birgit Gill.

Wie könnte die Zukunft des Gebäudes aussehen? "Es gibt verschiedene Ideen für eine Nutzung", sagt Bürgermeister Ulrich Ruoff. "Der Gemeinderat und ich sind der Ansicht, dass der Bahnhof ein Zeitzeuge ist, zu Oedheim gehört und erhalten werden muss." So wird der Bahnhof möglicherweise um das Schicksal des nächsten Zughalts herumkommen. Er befand sich in Degmarn bei Kilometer Acht der Unteren Kochertalbahnstrecke.

Der dortige Bahnhof, baugleich mit dem in Kochendorf, wurde 1971 abgerissen. Aber auch er ist in die lokale Geschichte eingegangen: In einer Ausgabe der heimatkundlichen Schriften "Brunnen vor dem Tore" berichtet Gottfried Reichert von einem Tieffliegerangriff 1944 auf den Zug. Die Fahrgäste aus Stein, etwa ein Dutzend, suchten unter der Eisenbahnbrücke am Degmarner Haltepunkt Schutz. Aber auch dort wurden sie immer wieder angegriffen, so dass sie erst nach Stunden mit der Fähre über den Kocher setzen und nach Hause gehen konnten.

Im Bahnhof mit Hund und Hühnern
Das Foto vom Bahnhof stammt aus dem Jahr 1907 und wird im Gemeindearchiv Oedheim aufbewahrt.Foto: privat
Im Bahnhof mit Hund und Hühnern