Ein Schritt aufeinander zu

Jugendliche beseitigen Schmierereien − Geschäftsleute nicht vorbehaltlos optimistisch

Von unserem Redakteur Christian Gleichauf

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Ein Schritt aufeinander zu
Georg Brzoska und Jürgen Ehnle (re.) auf dem EKZ-Parkplatz, wo Jugendliche immer wieder randalieren.

Möckmühl - Ein gutes Dutzend ist gekommen an diesem Sonntagmorgen, um die Idee in die Tat umzusetzen. Mit Malerrollen, Pinseln und Farbe ausgerüstet gehen die 14- bis 19-Jährigen aus dem Jugendtreff Station ans Werk und überstreichen die Schmierereien, die am ehemaligen Schuhhaus Benz (inzwischen Schmieg) in den vergangenen Jahren so oft schon entfernt wurden. Sie möchten ein Zeichen setzen.

Einige Eltern unterstützen die freiwilligen Helfer, sorgen für Kaffee und Brezeln. So ist trotz des tristen Wetters bei vielen gute Laune angesagt. Allerdings nicht bei den Gewerbetreibenden. "Ich möchte nicht kritisieren, was die Jugendlichen hier machen. Aber es geht am eigentlichen Problem vorbei", sagt Jürgen Ehnle, der im benachbarten EKZ ein Versicherungs- und Immobilienbüro betreibt. Das Problem sei, dass die Möckmühler in der Innenstadt und ums EKZ seit Jahren mit regelmäßigen, massiven Sachbeschädigungen leben müssten.

Von denen kann Georg Brzoska vom Friseursalon im EKZ viele aufzählen. Erst vergangene Woche sei der im Boden verankerte Fahrradständer auf dem Parkplatz herausgerissen worden. "Wir haben einen Gabelstapler gebraucht, um ihn zurückzubringen." Die zwei Männer berichten von Einbrüchen, von aufgehebelten Türen, durch die in die Ladengeschäfte uriniert wird. Von herausgerissenen Bäumen.

Frust Bei ihm zu Hause, gleich gegenüber vom Schuhhaus Schmieg, sei ein einbetonierter Pfosten umgetreten worden, immer wieder, bis er komplett zerstört war. "Jetzt habe ich den hier setzen lassen." Brzoska zeigt auf einen abgebrochenen Betonpoller. "Schon wieder kaputt." Autos könne man hier schon lange nicht mehr stehen lassen. "8000 Euro habe ich in den vergangenen Jahren hier bezahlt, um all die Schäden reparieren zu lassen", sagt Brzoska. Auch die Stadt habe schon aufgegeben und die Fahrradtresore, die hier am Radweg für die Touristen aufgestellt worden waren, wieder abgebaut. "Die Jugendlichen haben sie immer wieder zerstört. Die Eltern bekommen das nicht mit. Gerade deswegen sollte man es nicht verharmlosen." Der Frust in seinen Worten ist nicht zu überhören. Ehnle merkt an: "Wenn wir einfach ruhig sind und unsere Schäden bezahlen, dann passiert nichts."

Jugendsozialarbeiter Volkan Bölükbasi hat dafür Verständnis. Aber er betont auch: "Es sind nicht die Jugendlichen, sondern Jugendliche." Deshalb auch die Aktion. "Auch das hier sind Jugendliche, die diese fantastische Aktion gestartet haben." Doch diesmal ist es Jürgen Ehnle, der widerspricht. "Eine Aktion hätte ich toll gefunden. Aber es ist eben nur eine Reaktion − auf einen Zeitungsartikel." Es gehe nur ums Image. "Aber die Betroffenen bleiben außen vor."

Perspektivwechsel "Wir wollen unser Image aufbessern", gibt Linda (15) zu, und fügt an: "Auch wenn wir hier gar nichts hingesprayt haben." Volkan Bölükbasi stellt zudem klar: "Natürlich geht es hier auch um die Betroffenen, in diesem Fall um diese Jugendlichen, die plötzlich in der öffentlichen Kritik stehen." Ganz unabhängig davon, was sie im Einzelnen getan hätten.

Sebastian Schmieg, der im Auftrag des Hauseigentümers Benz die Farbeimer gestellt hat, erkennt an, dass es zumindest für die Jugendlichen eine gute Aktion ist. "Sie zeigen, dass sie damit nichts zu tun haben. Das ist gut." Aber ob eine Kommunikation am Abend künftig möglich sei, wenn die Grüppchen sich am Hinterausgang des Hauses treffen, um zu trinken, das bezweifelt er. Vielleicht würden diese jungen Leute, die jetzt Verantwortung übernommen haben, künftig positiv auf die anderen einwirken.

"Natürlich kennen wir die, die hier rumhängen", sagt ein 19-Jähriger, der seinen Namen nicht nennen will. "Wir können Einfluss nehmen." Bei anderen überwiegen eher die Zweifel. Die freiwilligen Helfer sind inzwischen fertig mit der Arbeit, haben sich dabei gegenseitig und ihren Jugendsozialarbeiter kräftig mit Farbe verschmiert. Ob sie sich eine ähnliche Aktion wieder einmal vorstellen können? "Haja", sagt Cindy (16), "das käme schon infrage."

Ein Schritt aufeinander zu
Dokumentiert auf Video: Die beteiligten Jugendlichen nach der Aktion am Schuhhaus Schmieg.
Ein Schritt aufeinander zu
Die Möckmühler Jugend- und Schulsozialarbeiter Volkan Bölükbasi, Jörg Kagerbauer und Aiste Herrmann (v.l.).
Ein Schritt aufeinander zu
Jugendliche aus dem Jugendtreff Station streichen die Wand am Schuhhaus Schmieg. Sie wollen Verantwortung übernehmen, auch wenn sie selbst nicht an den Sachbeschädigungen in der Vergangenheit beteiligt waren.Fotos: Christian Gleichauf