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Zwischen Gruppenzwang und Sinnsuche: Jugendliche hoffen auf Verständnis

Von unserem Redakteur Christian Gleichauf

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Nichts zu leugnen, viel zu tun: Jugendsozialarbeiter Volkan Bölükbasi (Dritter von links) mit Jugendlichen in der Station.Foto: Christian Gleichauf

Möckmühl - Wir können hier nicht alles auffangen", sagt Volkan Bölükbasi. Der Möckmühler Jugendsozialarbeiter will nichts rechtfertigen und sich über nichts beklagen. Dinge, über die in der vergangenen Woche in der Heilbronner Stimme berichtet wurde, würden passieren. Die Rede ist von Schmierereien an Hauswänden, von zerborstenen Flaschen, Sachbeschädigungen, von Pöbeleien. Er sagt aber auch: "Viele Jugendliche sind heute überfordert. Sie stehen im Fokus der Öffentlichkeit, sind konfrontiert mit unterschiedlichsten Erwartungen. Und ihre Vorbilder heutzutage sind nicht immer positiv."

Freitagabend in der "Station", dem kommunalen Jugendtreff am Möckmühler Bahnhof. Der Andrang ist groß, die Stimmung entspannt. Einige haben sich über den Zeitungsartikel geärgert. "Das war doch übertrieben", findet Florian (mehrere Namen von der Redaktion geändert). Nur ein paar wenige seien am Wochenende betrunken, erzählt der 15-Jährige. Ein 20-Jähriger, er nennt sich Anis, findet: "Möckmühl ist doch kein heißes Pflaster, das ist ein Seniorenheim." Locker bleiben ist seine Devise.

Doch die Jugendlichen stehen nicht erst seit dieser Woche unter besonderer Beobachtung. Der Kontrolldruck durch die Polizei und die privaten Sicherheitsdienste habe im letzten Monat stark zugenommen, erzählt Dennis (17). "Wir müssen jetzt fast jeden zweiten Tag unsere Ausweise zeigen, obwohl wir gar nichts gemacht haben", fügt Florian mit spürbarer Empörung an.

Auch von Erwachsenen habe es zuletzt manche Übergriffe gegeben. Alex (21) erzählt: "Wir waren am Parkhaus, haben gechillt, geredet, und plötzlich bewirft uns ein Mann ohne Vorwarnung mit Böllern. Zwei Stück." Der 18-jährige Mike erzählt, wie der Wachdienst zweimal die Polizei gerufen habe, nur weil er mit einem Freund im Freien gesessen und Alkohol getrunken habe − und das ausdrücklich geduldet vom Grundstücksbesitzer. Und auch Volkan Bölükbasi selbst wurde unlängst Zeuge, wie ein Mann einem Jugendlichen ohne Vorwarnung eine geknallt habe. "Man kommuniziert mitunter zu wenig", stellt der 29-Jährige nüchtern fest.

Das sehen auch die Jugendlichen so. "Immer wird sofort die Polizei gerufen, anstatt dass man mit uns redet." Man sehe immer nur das Schlechte. Dass zum Beispiel die meisten Flaschen über Mülleimer entsorgt würden, das würde niemand wahrnehmen. Doch dass sie regelmäßig versuchen würden, Betrunkene aus ihren Reihen von übermütigen Aktionen abzuhalten, wie einer der Jugendlichen erzählt, das geht vielen anderen dann doch zu weit. "Quatsch, die lassen sich nicht abhalten", sagt der 13-jährige Emran. Ein anderer sagt: "Mitgehangen, mitgefangen."

Distanziert Von diesem Leitsatz hat Paul (17) sich gerade verabschiedet. Er war Mitglied der Bande, die in den vergangenen Jahren in dutzende Kindergärten und Schulen eingebrochen war. Für sich selbst habe er die Konsequenzen gezogen. Er ist froh, eine Ausbildungsstelle bekommen zu haben, distanziert sich von den ehemaligen Kameraden. Doch einen Tipp, wie man dem Gruppenzwang entkommen kann, hat er nicht parat. "Das muss jeder selbst herausfinden."

Alkoholverbot Auch Volkan Bölükbasi ist sich bewusst, das Problem nicht lösen zu können. "Ich kann den Jugendlichen hier nur einen positiven Rahmen schaffen, einen Raum, in den sie sich zurückziehen können." Skeptisch ist er außerdem, was den möglichen Effekt eines Alkoholverbots auf öffentlichen Plätzen angeht. "Das Bedürfnis wird dadurch nicht verschwinden, dann wird nur anderswo getrunken." Positiv empfindet Bölükbasi, dass es den Möckmühlern nicht egal ist, was mit den Jugendlichen passiert. "Die Leute hier sind sensibel, aber auch besorgt."