„Die Karriere als Wirtshaus begonnen“

Schön über die interessante Geschichte des Kochersteinsfelder Rathauses

Kreisarchivarin Petra Schön kennt die Geschichte des Baus.Foto: Archiv/Senger

Petra - Der kommunalpolitische und bürgerschaftliche Mittelpunkt der Gemeinde Hardthausen ist das Rathaus in Kochersteinsfeld. Ein stattliches Gebäude, das 1808 vor 200 Jahren gebaut wurde – „und eine interessante Geschichte hat“, wie Kreisarchivarin Petra Schön im Gespräch mit Angela Groß betont.

Frau Schön, als Kreisarchivarin kennen Sie viele Rathäuser im Landkreis Heilbronn. Wie finden Sie das in Kochersteinsfeld?

Petra Schön: Es ist ein stattliches und schönes Gebäude, das sehr stark dem Typus des württembergischen Rathauses entspricht. Von der Lage ist es nicht ganz so zentral, wie man es erwarten könnte. Üblicherweise sind Kirche und Rathaus die wesentlichen Orientierungspunkte in einer Kommune.

Das Gebäude wurde 1808 gebaut: Wie haben die Menschen zu dieser Zeit gelebt?

Schön: Kochersteinsfeld wie auch Gochsen und Lampoldshausen, die heute die Gemeinde Hardthausen bilden, waren sehr von der Landwirtschaft geprägt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es in Deutschland so, dass noch rund vier Fünftel der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebten. In Kochersteinsfeld waren es sicherlich noch mehr – einzelne Handwerker und Händler deckten den örtlichen Bedarf.

War das Rathaus schon immer ein Rathaus?

Schön: Nein, dieses Gebäude hat seine Karriere als Wirtschaft begonnen – und das erklärt vielleicht auch seine besondere Lage. Als es 1808 gebaut wurde, hat die Familie Kachel dort den „Hirsch“ eingerichtet.

Wie passen Gasthaus und Rathaus zusammen?

Schön: Im Württembergischen gibt es immer wieder die Kombination, dass der örtliche Schultheiß, das entspricht dem heutigen Bürgermeister, auch Wirt war. Wegen des Interessenkonflikts war diese Kombination nicht so gerne gesehen, hängt aber mit den Einkommensverhältnissen zusammen. Auch die Kachel-Wirte hatten zeitweise beide Ämter inne. Der letzte Hirsch-Wirt ist sehr früh gestorben. Ein wohlhabender Mann, der testamentarisch verfügt hatte, dass alle seine Liegenschaften verkauft werden sollten.

Das Gebäude wurde verkauft?

Schön: Das Gebäude wurde 1846 versteigert. Die Gemeinde hatte zu dieser Zeit schon das Problem mit dem bisherigen sehr stark baufälligen Rathaus. Der eigentliche Grund für den Ankauf war allerdings die Notwendigkeit, die Schule wegen gestiegener Schülerzahlen zu vergrößern. Die alte Schule und das alte Rathaus wurden mit dem Ankauf der „Hirsch-Wirtschaft“ verkauft. Wäre es zu keinem Ankauf gekommen, hätte die Gemeinde wohl ein neues Haus gebaut: Pläne dazu bestanden.

Schulhaus und Rathaus sind noch vorhanden?

Schön: Das Schulhaus steht noch. Den Standort des alten Rathauses habe ich gerade entdeckt. Es handelt sich um ein Gebäude, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach wieder neu aufgebaut wurde.

Schultheiß und Lehrer haben sich das Haus geteilt?

Schön: Ja, auch diese Kombination findet man immer wieder bei den Rathäusern. Unten im Erdgeschoss war ein Klassenzimmer für alle Schüler und die Lehrerwohnung. Oben war Platz für das Rats- und Amtszimmer. Später im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Nutzung erneut geändert. Die Schülerzahlen waren wieder gestiegen, man brauchte einen zweiten Raum für den Unterricht. Der bisherige Ratssaal wurde zum zweiten Schulzimmer umgemodelt, und der Ratssaal in einen anderen Raum verlegt.

Dann war das Raumproblem gelöst.

Schön: Ja, wobei der Gemeinde von Anfang an bewusst war, dass das Anwesen zu groß ist – mit Garten und allen Nebengebäuden. Der Plan war, die überflüssigen Räumlichkeiten zu vermieten.

Mit welcher Quellenlage konnten Sie für Ihren Vortrag arbeiten? Gibt es Dokumente?

Schön: Glücklicherweise gibt es für Kochersteinsfeld ein sehr gut erhaltenes Archiv, während das Lam-poldshausener im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. In diesem Ortsteil ist so gut wie nichts erhalten geblieben.

Was stand zur Zeit der Erbauung politisch an?

Schön: Mit dem Ende des Alten Reichs 1806 entstanden größere Verwaltungsräume. Die Grenzen zwischen dem alten württembergischen Amt in Neuenstadt und den Deutschordensbesitzungen und dem ritterschaftlichen Besitz wie Gemmingen oder Berlichingen verschwanden. Als Sitz des neuen Oberamts wurde Neckarsulm, Deutschordensstadt und an der Grenze des Bezirks gelegen, gewählt. Von Gundelsheim bis Jagsthausen und von Möckmühl bis Kochersteinsfeld, Lampoldshausen und Brettach reichte das neue württembergische Oberamt. Dieses große heterogene Gebiet sollte nun zusammenwachsen. Eine Zeit des großen Umbruchs und der Beginn der modernen Flächenstaaten.

Das herausgeputzte Fachwerkhaus stammt von 1808, einst war hier ein Lokal, der „Hirsch“. 1846 wurde das Gebäude versteigert.Foto: Archiv/ Dirks