Digitalisierung ist an Schulen längst Alltag

Region  Der neue Bildungsplan stärkt die Medienkompetenz, doch die Schulen warten noch auf das Geld aus Berlin. Wie sind Schulen in der Region in Sachen Digitalisierung aufgestellt? Ein Überblick.

Von unserer Redaktion

Digitalisierung ist längst Alltag
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Das Ende der Kreidezeit schien zum Greifen nah: 2016 hatte die damalige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) angekündigt, insgesamt fünf Milliarden Euro an rund 40.000 Schulen zu verteilen. Breitband, WLAN, Computer für alle.

Doch daraus wurde erstmal nichts, weil die Länder für Bildung zuständig sind und das Geld aus Berlin nicht floss. Die Schulträger müssen weiterhin sehen, wie sie ihre Ansprüche an die Digitalisierung finanzieren. Das führt zu höchst unterschiedlichen Ausstattungen an Schulen. Der Alltag in der Region reicht von Tablet-Klassen und interaktiven Tafeln bis hin zu Netzwerkproblemen.

Das Geld soll ankommen

Die neue Bildungsministerin Anja Karlizcek (CDU) hat im August angekündigt, die Digitalisierung ab 2019 voranzutreiben. Der Fonds "Digitale Infrastruktur" werde zum Start mit 2,4 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt ausgestattet. Zunächst müsse allerdings eine Vereinbarung mit den Ländern getroffen werden.

Karlizcek hat angekündigt, mit einer Grundgesetzänderung noch in diesem Monat sicherzustellen, dass das Geld für den Digitalpakt in den Schulen ankommt. Förderanträge sollen ab 2019 bei den Ländern eingereicht werden, so die Ministerin.

Der neue Bildungsplan stärkt Informatik und Medienkunde

Gleichzeitig ist die Digitalisierung der Gesellschaft längst im Schulalltag angekommen. In den meisten Ranzen steckt ein Smartphone. Auch im Unterricht ist das Thema gesetzt: Der neue Bildungsplan stärkt Informatik und Medienkunde.

Niemand muss Schülern erklären, wie das Internet funktioniert, aber auch sogenannte Digital Natives brauchen Begleitung. In Projekten lernen Schüler den sicheren Umgang mit neuen Medien, Gefahren und Fallstricke kennen. Aber auch die Vorteile der Nutzung, denn der Zugang zu Informationen war nie so einfach wie heute.

Wie sind Schulen in der Region in Sachen Digitalisierung aufgestellt? Ein Überblick:

 

Neckarsulm: WLAN-Zugang für alle

WLAN-Zugang für alle

In weiterführenden Schulen haben fast alle ein Handy, die Nutzung ist aber eingeschränkt.

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Das Internetcafé des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Neckarsulm ist inzwischen eher ein Aufenthaltsraum. Seit jeder Schüler sein eigenes Gerät in der Tasche hat, sind die PCs wenig gefragt. "Wir überlegen zurzeit, was wir mit dem Raum machen", erzählt Schulleiter Marco Haaf. In seiner Schule hat jeder WLAN-Zugang, trotzdem gilt Handyverbot. So sollen die Schüler lernen, ihr Smartphone sinnvoll zu nutzen. Wenn der Lehrer Medien im Unterricht einsetzt, ist die Nutzung gestattet. Andere Schulen gehen andere Wege: Einige erlauben Handys in den Pausen generell, andere richten Zonen ein, in denen Schüler Nachrichten checken.

 

Bad Wimpfen: Tablets bereichern den Unterricht

Das Hohenstaufen-Gymnasium in Bad Wimpfen (HSG) ist eine von 18 Schulen im Land, die in einem wissenschaftlich begleiteten Versuch mit Tablets arbeiten. Zwei achte und zwei siebte Klassen sind am HSG mit Geräten ausgestattet, ansonsten herrscht Handyverbot. Das Gymnasium hat sich als einzige Schule im Land für das Betriebssystem Android entschieden: "Ipads sind zu teuer", sagt der verantwortliche Lehrer Rüdiger Hellstern. Der stellvertretende Schulleiter betreut als technischer Administrator auch das Netzwerk der Schule. Jeder der rund 100 beteiligten Schüler hat sein eigenes, personalisiertes Tablet als Arbeitsgerät, das er auch mit nach Hause nehmen darf. Allerdings nicht zum Spielen, es darf nichts installiert werden.

In den Tabletklassen geht es darum, das Gerät als Schulheft, Arbeitsgerät und Schulbuch zu nutzen. Nicht alles sei sinnvoll, sagt Hellstern. Beispielsweise seien Bücher nicht zu ersetzen, Arbeitsblätter hingegen seien digital viel besser zu bearbeiten, Hausaufgaben besser zu überprüfen. Es geht darum, "den Mehrwert zu finden", so Hellstern. Dabei müsse man immer den Datenschutz im Blick haben. Auch das ist eine Herausforderung des Schulversuchs. Schüler und Lehrer sammeln zunächst bis 2021 Erfahrungen mit den Geräten, klassischen Unterricht gibt es trotzdem noch. Die Zukunft wird eine Mischung sein, sagt Hellstern.

 

Heilbronn: White Boards sind eine Erleichterung

An den PC anzuschließende elektronische, aber auch beschreibbare Wandtafeln, sogenannte White Boards, "sollten in ausreichender Stückzahl in der Schule verteilt sein", denn "wenn man damit nicht täglich arbeitet, ist man nicht so mit der Technik vertraut", sagt Bernd Roos.

In der Fritz-Ulrich-Gemeinschaftsschule (FUS), die er kommissarisch leitet, gibt es drei: zwei in naturwissenschaftlichen Räumen, eines im Musiksaal. Musiklehrer René Karl, gleichzeitig IT-Beauftragter fürs pädagogische Netzwerk der Schule, führt das begeistert vor: "Ich nutze es in jeder Stunde. Es ist, zumindest für meinen Bereich, eine extreme Erleichterung."

Während die FUS ihre Boards vom eigenen Etat angeschafft hat, steht die Elly-Heuss-Knapp-Gemeinschaftsschule (EHK) besser da. Ein Medienpreis hat geholfen, einen großen Teil ihrer Sekundarstufenräume auszustatten. Auch Rektor Harald Schröder ist begeistert von der Technik. Aber er sorgt sich um die Folgekosten: "Unsere White Boards gehen nach und nach kaputt. Wir ersetzen sie dann durch Beamer, weil die Herstellerfirma inzwischen nicht mehr existiert und Reparaturen oft so teuer sind wie eine Neuanschaffung." Außerdem müsste die Technik regelmäßig gewartet werden. "Da ist die öffentliche Hand gefragt. Wenn sie die Digitalisierung möchte, muss sie deutlich mehr Geld in die Hand nehmen", sagt Schröder.

 

Gemmingen: Nicht jede Online-Nutzung ist sinnvoll

Nicht jede Online-Nutzung ist sinnvoll

Jürgen Söhner (rechts) betreut in Gemmingen eine digitale Lernplattform.

Foto: Archiv/Theuer

 

So viel individuelle Digitalisierung wie möglich, so viel Aufwand wie nötig: "Wir haben eine tragfähige Balance gefunden", sagt Helmut Thomaier, Rektor der Gemminger Gemeinschaftsschule. Schüler, Lehrer und Eltern haben Zugriff auf eine Lernplattform, auf der Kompetenzraster und Coachingvereinbarungen liegen. Entwicklungsberichte, Zeugnisse und Aufgaben sind digital gesichert.

"Es wird allerdings nicht so umfassend genutzt wie geplant", räumt Jürgen Söhner ein, der das Programm betreut. Ursprünglich sollten Schüler auf der Plattform Rückmeldungen geben, doch das sei zu zeitaufwendig. "Die Unterrichtsstruktur ist zu komplex", erklärt Söhner. Nicht jeder habe permanent Zugriff auf einen Rechner.

Von der ursprünglichen Idee sei man etwas zurückgerudert, erklärt auch der Rektor. Zwar werde ein digitales Lerntagebuch entwickelt, doch das digitale Klassenbuch sei aus Datenschutzgründen kritisch, sagt Helmut Thomaier.

 

Öhringen: Ohne EDV-Profi geht nichts

Stellvertretend für viele andere Städte und Gemeinden ein Blick in die städtischen Schulen Öhringen: Mit eigenen Budgets und städtischen Geldern werden dort im laufenden Jahr knapp 90.000 Euro in die Digitalisierung investiert. Davon bekommt das zweite Jahr in Folge das Hohenlohe-Gymnasium 55.000 Euro, um die Klassenzimmer mit Beamer, Lautsprecher und Dokumentenkameras auszustatten. Die Realschule hat dafür etwa 35.000 Euro.

36.000 Euro hat die Hungerfeldschule in Elektronik investiert. In vier Klassenzimmern gibt es nun ein iPad mit Apple-TV. Damit arbeiten die Lehrer, erklärt Schulleiterin Stefanie Klumpp. Deren Erfahrungen werden abgewartet, ehe entschieden wird, ob weitere Klassenzimmer ausgerüstet werden. Die Hardware verursacht Folgekosten: "Es vergeht keine Woche, ohne dass ein EDV-Mann ins Haus kommen muss für Computer oder Drucker."

 

Künzelsau: Perfekte Ausstattung kostet Geld

Wie die Schule der Zukunft aussieht, zeigt schon jetzt die Freie Schule Anne-Sophie in Künzelsau. Tablets und Laptops für alle gehören zum Schulalltag. Mit einer Startinvestition von 400.000 Euro wurden die Rahmenbedingungen geschaffen. Für die etwas mehr als 600 Schüler und etwa 90 Lernbegleiter gibt es 240 Laptops, 222 Tablets, 30 Beamer und 20 Dokumentationskameras.

Während die jüngeren Schüler an Tablets arbeiten, hat die Oberstufe leistungsstärkere Laptops. An acht Macs können Videos geschnitten werden. Es gibt drei Medienboards. Zu den zehn Multifunktionsdruckern haben alle Zugang. Natürlich werden auch die Klassenbücher digital geführt. Selbst Klassenarbeiten werden am Computer geschrieben. Elternbriefe werden nicht mehr per Post verschickt. In der großen Bibliothek haben die Schüler Zugang zu gedruckten und zu digitalen Medien.

 

Stuttgart: Start von Ella bleibt ungewiss

Eigentlich wollte Baden-Württemberg in Sachen Digitalisierung des Unterrichts ganz vorne dabei sein: Im Februar sollte "Ella" an den Start gehen. Auf der elektronischen Lehr- und Lernplattform sollten Schulen und deren Beteiligte miteinander kommunizieren und Unterrichtsmaterial austauschen, Videokonferenzen waren geplant und langfristig auch der Zugriff auf Schulbücher. Doch kurz vor dem Start bescheinigte ein Gutachten dem Prestigeprojekt des Kultusministeriums 129 Mängel. Ministerin Susanne Eisenmann (CDU) zog die Notbremse, seitdem wird diskutiert, wie es weitergehen soll.

Im September hat die Landesregierung die Zusammenarbeit mit dem kommunal getragenen Zweckverband Iteos beendet, der die Plattform entwickeln sollte. Jetzt wird das Projekt erneut europaweit ausgeschrieben. Der Bildungsausschuss hat die Landesbehörde BitBW beauftragt, Vorschläge zur Weiterführung zu machen. Eisenmann hat angekündigt, eine Stabsstelle einzurichten, die das Projekt begleiten soll.

Die Einführung der zentralen Bildungsplattform für rund 1,3 Millionen Schüler und Lehrer im Land verzögert sich nun vermutlich um mehrere Jahre. Wann es soweit ist, bleibt ungewiss. Veranschlagt waren dafür bis 2019 insgesamt 28,7 Millionen Euro. Laut SPD-Fraktionsvize Stefan Fulst-Blei liegt der finanzielle Schaden bei mindestens 6,5 Millionen Euro.