Göring-Eckardt im Wahlcheck: Video in voller Länge online

Heilbronn  Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt gibt sich beim Stimme-Wahlcheck unter der Pyramide der Kreissparkasse Heilbronn kämpferisch und schlagfertig.

Von Bianca Zäuner


 

Zuversicht verbreiten gehört zum Wahlkampf. Und das beherrscht Katrin Göring-Eckardt glänzend. Da schwächeln die Grünen seit Monaten in den Umfragen, liegen beim aktuellen Parteienranking im Deutschlandtrend nur noch auf Rang sechs, aber die Spitzenkandidatin der Ökopartei strotzt vor Zuversicht. Es werde eine harte Auseinandersetzung zwischen den Grünen und der FDP um Rang drei geben. Diesel-Skandal, Nitrat im Grundwasser, Läusegift in Eiern: "Ich kann mich an keinen Wahlkampf erinnern, in dem es um so viele grüne Themen ging", sagt sie.

Entspannt wirkt Göring-Eckardt im Gespräch mit Stimme-Chefredakteur Uwe Ralf Heer beim Wahlcheck unserer Zeitung im Forum der Kreissparkasse. Entspannt, sachlich, aufgeräumt, aber auch kämpferisch. So ist sie der personifizierte Gegensatz zu FDP-Chef Christian Lindner, der voller Adrenalin im Wahlkampf-Modus an gleicher Stelle zwei Tage zuvor ebenfalls den dritten Platz für seine Partei als Ziel ausgegeben hatte.

Entscheidend sei, wer hinter Union und SPD am meisten Stimmen bekomme, sagt Göring Eckardt und spitzt zu. "Das wird die Richtungsentscheidung für die Republik."

Grüne Außenpolitik sei werteorientiert. Hier macht sie die FDP zum Lieblingsfeind. Auch mit Blick auf die Einverleibung der Krim durch Russland und die Aussage Lindners, der Konflikt solle eingefroren werden. "Wenn man Völkerrecht wirtschaftlichen Interessen unterordnet, dann sage ich: Das geht mit mir nicht." Im Umgang mit der Türkei sei die Bundesregierung inkonsequent. Sie belasse es bei verbaler Kritik, halte aber weiter am Flüchtlingspakt fest, lasse "ganz locker" Waffenlieferungen und den Bau einer großen Panzerfabrik in der Türkei zu. Es sind die Attacken einer Oppositionspolitikerin.

Trotzdem sagt sie: Den Gesprächsfaden mit Ankara dürfe man nicht ganz abbrechen. "Wenn man wie ich in einer Diktatur aufgewachsen ist, dann weiß man, wie wichtig es ist, dass Leute von außen auch gucken, was da passiert", spielt sie auf ihre Herkunft aus der DDR an.

Katrin Göring-Eckardt verkörpert nicht mehr den aufmüpfigen grünen Politikertyp alten Schlags. Die 51-Jährige gehört dem Realo-Flügel ihrer Partei an, sie ist kirchlich engagiert, trägt modische Kleider statt kratzigem Öko-Schick. Selten werde sie laut, räumt sie ein. Das Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele hatte dem Spitzenduo kürzlich vorgeworfen, es sei zu angepasst, zu wenig rebellisch. Dem entgegnet die Tochter eines Tanzlehrer-Ehepaares: Er "meint immer, dass das, was er früher mal gedacht hat, die Revolution von heute ist". Für ihre Visionen will sie ohne Kampfgebrüll werben. Leidenschaftlich wird sie schon.

Gerade in der Flüchtlingspolitik geht sie hart mit der Politik der Bundesregierung und der EU ins Gericht. Das individuelle Recht auf Asyl im Grundgesetz verteidigen, Fluchtursachen bekämpfen, keine falschen Deals mit Libyen beschließen. Routiniert gibt sie die Standpunkte ihrer Partei wieder. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wirft sie vor, er diffamiere Flüchtlingshelfer im Mittelmeer. Die Schüsse der libyschen Küstenwache auf die Rettungsboote seien "ganz offensichtlich geschehen mindestens mit Duldung der EU und mit Duldung Deutschlands", klagt Göring-Eckardt. "Da dreht es einem das Herz um."

Wegen ihrer Haltung in der Flüchtlingspolitik werde sie häufig angefeindet, erklärt Göring-Eckardt. 65 Millionen Menschen seien weltweit auf der Flucht, aber nur sechs Prozent davon zögen es in Erwägung, nach Europa zu kommen. Es werde viel dramatisiert. Ankunftszentren, reguläre Verfahren und eine gerechte Verteilung in der EU, umreißt sie ihr Konzept. Und natürlich sei der Klimawandel auch eine wichtige Ursache für die weltweiten Flüchtlingskrisen.

Immer wieder kommt sie auf die Erderwärmung zu sprechen. Auch als Jugendliche im Publikum ihr Fragen stellen. Was die Grünen für Jugendliche tun?, will Daria Müller (18) aus Brackenheim wissen. Göring-Eckardt führt die Forderung nach einem Wahlrecht für Jugendliche ab 16 auf, den Einsatz für Gleichberechtigung aber auch den Klimawandel. Diesen zu stoppen, sei entscheidend für die Zukunft. Auch deshalb sei die Bundestagswahl eine Schicksalswahl, betont sie mehrfach: "Wir sind die erste Generation, die etwas vom Klimawandel spürt, und die letzte, die etwas dagegen tun kann." Wer jetzt nichts unternehme, müsse sich später vor seinen Enkeln dafür rechtfertigen.

Ausführlich rügt Göring-Eckardt eine "falsche Förderpolitik" in der Landwirtschaft, umreißt ihre Ziele für eine Energiewende und bekennt sich zum umstrittenen Ziel im Parteiprogramm, ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos neu zuzulassen. Apropos Autoindustrie. Der Dieselskandal müsse ein Weckruf gewesen sein. Sie wünsche sich Möglichkeiten zu Sammelklagen wie in den USA. Generell müsse das Verursacherprinzip gelten. Hardware- statt Software-Updates, auf Kosten der Konzerne: Die Autoindustrie brauche klare Vorgaben. "Ich wünsche mir, dass auch das emissionsfreie Auto in Deutschland hergestellt wird", sagt die Grüne. Bei allen Unterschieden zu den Liberalen: Zwei Tage zuvor hatte auch der FDP-Chef diesen Satz beinahe wortwörtlich so gesagt.

 

Stimme-Wahlchecks

Zum fünften Mal veranstaltet die Heilbronner Stimme die Serie "Wahlcheck − Spitzenpolitiker hautnah". Zum Auftakt der Reihe war am Dienstagabend FDP-Parteichef Christian Lindner zu Gast. >>Hier geht es zum kompletten Video der Veranstaltung.