Anke Stiefel-Bechdolf - Nicht jedermanns Liebling (15.05.2008)

Die Frage nach dem Warum ist ihr oft gestellt worden. Es war für sie „physisch der härteste Fall“ in ihrer Laufbahn. Und doch, sagt Anke Stiefel-Bechdolf, würde sie es wieder tun und Bäcker Alfred B. verteidigen. Weil sie von seiner Verlobten gebeten worden sei, weil jeder Angeklagte Anspruch auf ein rechtsstaatliches Verfahren habe und „man Dinge zu Ende bringt, die man angefangen hat“

Von Carsten Friese


- Anke Stiefel-Bechdolf mit dem angeklagtem Dorfbäcker Alfred B.-

Siegelsbach - Die Frage nach dem Warum ist ihr oft gestellt worden. Es war für sie „physisch der härteste Fall“ in ihrer Laufbahn. Und doch, sagt Anke Stiefel-Bechdolf, würde sie es wieder tun und Bäcker Alfred B. verteidigen. Weil sie von seiner Verlobten gebeten worden sei, weil jeder Angeklagte Anspruch auf ein rechtsstaatliches Verfahren habe und „man Dinge zu Ende bringt, die man angefangen hat“.

Beherrschen

Die 55-Jährige weiß, dass sie polarisiert. Es gibt Menschen, „die für mich durchs Feuer gehen“, sagt sie. Und eben jene, die sie „nicht so mögen“. Sie trägt Schuhe mit extrem hohen Absätzen, schon von Weitem hört man an den Klackgeräuschen, dass sie kommt. Sie fährt einen Porsche, mit dem sie vor dem Gericht parkt, und sie kann Zeugen mit schneidender Stimme befragen. Es mag diese Mischung sein, die ihr Antipathien entgegenbringen. Im Siegelsbach-Prozess ist sie bespuckt und unter anderem als „Schlampe“ beschimpft worden. „Da denkt man einfach nur, beherrsche dich.“ „Widerlich“ nennt sie diese Auswüchse. Es ärgert sie, wenn zwischen Tat, Angeklagtem und Verteidigung nicht mehr unterschieden wird und sie als Verteidigerin „schnell zum Mittäter“ gestempelt werde. In dem Ausmaß wie im Siegelsbach-Fall hat die 55-Jährige dies noch nie erlebt. Einmal hat sie die Beherrschung verloren und lautstarke Zuschauer als „Pöbel“ bezeichnet. Einen Grund, sich in Frage zu stellen, sieht sie deshalb nicht.

Gegen den Wind

„Ich will mich nicht verbiegen“, sagt die erfolgreiche Juristin, die bei vielen großen Fällen an der Seite der Angeklagten sitzt. Für sie ist es „nicht erstrebenswert“, jedermanns Liebling zu sein. Sie läuft nicht gern „als Lemming hinterher“, sondern gestaltet lieber aktiv. So, wie im Fall von Alfred B. Der Freispruch im Heilbronner Prozess war vor allem ihr Erfolg, der Schuldspruch in zweiter Instanz eine Niederlage. Wenn man Anke Stiefel-Bechdolf fragt, ob sie von der Unschuld des Bäckers überzeugt sei, kommt eine interessante Antwort: Sie ist nach wie vor „der Auffassung“, keinen Täter verteidigt zu haben. Das Stuttgarter Urteil ist für die Anwältin „ein Fehlurteil“, weil die Beweismittel nicht ausreichen. Sie ist eine Kämpfernatur. Und wenn sie von etwas überzeugt ist, stellt sie sich „auch mal gegen den Wind“.

Bis Mitternacht hat sie oft über den Akten gesessen, über 40 Beweisanträge vorbereitet. Es half nichts. Ob dieser Fall ihrem Image mehr geschadet oder mehr genutzt hat? Stiefel-Bechdolfs Stimme wird lauter. Die Frage stellt sie sich nicht, weil sie sonst nicht mehr unbefangen arbeiten und ihren Job „gleich an den Haken“ hänge könne. Das Image „interessiert mich nicht“. Viele Kollegen hätten ihr von dem Fall abgeraten. Sie hat ihn angenommen, und wenn sie so etwas tut, dann „mit allem, was erforderlich ist“.

Aus Eppingen stammt die bekannteste Verteidigerin der Region. Sie war eine erfolgreiche Leichtathletin, badische Schülermeisterin über 400, 600 und 800 Meter. Zehn Kilometer läuft sie oft spät abends nach der Arbeit zu Hause auf dem Laufrad. Das ist für sie Entspannung. Sie und ihr Mann haben zwei Töchter großgezogen – beide studieren Jura.

Es gibt eine Grenze, an der Anke Stiefel-Bechdolf Fälle ablehnt. Wenn mit dem Mandanten kein Konsens über die Verteidigungslinie möglich sei, wenn es glasklare Beweise für seine Schuld gebe und er dennoch auf seiner Unschuld beharre. „Dann soll es jemand anderes machen.“