- Artikel
- 0 Kommentare
- Versenden
Eine kleine Nadel, die eine Million Menschen antreibt
Von Lars Müller-Appenzeller
Sportabzeichen - Aus der Stimme von Hildegard Foss ist Verwunderung herauszuhören. "Na klar kommen wir auch wenn es regnen sollte", sagt die 71-Jährige aus Weißbach am Telefon. "Wir sind ja nicht aus Zucker. Also wir werden da sein. Sie doch auch, oder?" Natürlich. Stunden später, an einem Mittwoch gegen 18 Uhr, beeilen sich Kinder, Frauen und Männer auf der Sportanlage des TSV Weißbach, unter ein Vordach zu kommen. Es regnet. Und zwar richtig. Der Kreis wird immer größer, rund 15 Erwachsene stehen in Sportkleidung ungeduldig herum, zwischen ihren Beinen springen die Kleinsten einem Ball hinterher. Es ist ein großes Hallo − klar, wenn die Zeitung kommt.
Alle wissen Bescheid, denn Hildegard Foss hat ein bisschen herumtelefoniert. Wenn sie ruft, dann kommen sie alle. Auch deshalb hat es die Großfamilie Foss/Braun in zwölf Jahren auf zusammen 128 Sportabzeichen gebracht. "Diese Leistung ist schon etwas Besonderes", sagt Frau Foss. "In unserem Heimatort werde ich oft darauf angesprochen." Das Sportabzeichen, diese lange Nadel mit den Buchstaben DOSB wie Deutscher Olympischer Sportbund im verzierten Kopf, das Sportabzeichen, es hält diese Gruppe aus drei Generationen zusammen; an diesem Abend ist der Jüngste sieben Jahre alt, die Älteste 71.
"Man versucht, sich den Mittwochabend frei zu halten. Der Mittwochabend ist Sportabzeichenabend", sagt Michael Merz etwas zappelig, denn er muss gleich 3000 Meter laufen. Der 45 Jahre alte Weißbacher will seine 28. Nadel holen − das Sportabzeichen kann nur ein Mal pro Jahr ausgestellt werden. Diese kleine Nadel, sie treibt in Deutschland jedes Jahr eine Million Menschen an.
Immer da
Michael Merz positioniert sich mit vier Läufern zwischen den Pfützen der Aschenbahn. "Auf die Plätze, fertig, los!" − Achim Wünsch hat die Gruppe auf die siebeneinhalb Umläufe dauernde Rundreise geschickt. Zwei Stoppuhren hängen um den Hals des Rentners. Er ist Prüfer. "Seit 1983", wie Wünsch sagt. Der Weißbacher deutet auf seine jungen Kolleginnen Karin Winkler und Sabrina Pekie − die eine feuert die Läufer an und ruft ihnen Zwischenzeiten zu, die andere kümmert sich um eine Gruppe beim Ballwurf. "Unser Plus ist", sagt Wünsch, "dass wir immer da sind." Damit meint er nicht nur den Mittwochabend auf der Sportanlage in Weißbach, sondern auch den Dienstagabend und den Sonntagmorgen im Freibad in Niedernhall. Dort wird das Schwimmen abgenommen − wer das Sportabzeichen will, der muss schwimmen können. "Wir sind da, bei jedem Wetter, so lange es nicht gerade blitzt und donnert."
Fix und fertig
Es hat aufgehört zu regnen. Achim Wünsch läuft flott quer über den Rasen, um die Zeit der 3000-Meter-Läufer zu nehmen. Der 74-Jährige ist in Form, der Prüfer bastelt schließlich an seinem 32. Sportabzeichen. "Hopp, hopp, hopp", empfängt er Michael Merz im Ziel. "Klasse: 13:02!" Der Läufer ist fix und fertig, japst: "Bin zufrieden. Wollte unter 14 Minuten bleiben." Michael Merz ist ein Läufertyp. Früher hat er Fußball gespielt. Mittlerweile läuft er Marathon, hat sich ruck, zuck erholt und sagt: "Man muss schon für das Sportabzeichen üben. Das geht nicht mal eben so." Stichwort Kugelstoßen. Deshalb treffen sie sich in Weißbach mittwochs zum Üben. Wer möchte, kann seine Zeit nehmen oder die Weite messen lassen. Die fünf Disziplinen, die Vorgaben staffeln sich nach dem Alter, müssen innerhalb eines Kalenderjahres abgehakt sein. Die drei Prüfer sind dabei herzlich, aber genau. 12,6 Sekunden über die 100 Meter sind 12,6 Sekunden, auch wenn der Prüfling 12,4 zum Bestehen bräuchte.
Auch Rudolf Thoma will sich über die 3000 Meter einen Haken abholen. Er ist 70 und muss unter 23 Minuten bleiben. "15:28!", ruft Armin Wünsch, Michael Merz klatscht anerkennend. Rudolf Thoma lächelt still in sich hinein. Alle fünf Jahre will der Niedernhaller wissen, ob er es noch kann. "Es geht um die Frage: Was kann ich im Alter noch leisten?" Und es gehe darum, sich aufzuraffen, rauszugehen und zu trainieren. Es geht rüber zur Weitsprunggrube. Rudolf Thoma braucht mindestens 1,60 Meter im Standweitsprung. Es sind 1,88 Meter im ersten Versuch. Rudolf Thoma sagt: "Das reicht, danke."
Auch Yannik Braun reicht es dicke − er landet bei 4,63 Metern. Dann wird der 16-Jährige von seinem 17 Jahre alten Cousin Kim Foss übertrumpft − 4,79 Meter. Jetzt wird"s sportlich. Yannik sagt: "Ok, dann springe ich doch noch einmal." Er schafft 4,83 Meter. Kim legt nach: 5,18. Yanniks Vater Robert lächelt. Er findet es gut, dass sein Sohn und sein Neffe sich mittwochs beim Sport treffen, sagt: "Es ist toll, beim Sportabzeichen diese Gruppendynamik zu erleben." Die erleben sie immer wieder: Kim und Yannik spielen bei den A-Junioren der SGM Weißbach/Niedernhall, ebenso Cousin Jonas Foss. Und Robert Braun ist der Trainer. "Das ist schon cool, dass wir alle in einer Mannschaft sind", sagt Kim, der wie seine beiden Cousins schon sein elftes Sportabzeichen macht. Warum? "Ich weiß noch, dass ich immer diesen Anstecker haben wollte."
Drei Generationen
Diese Anstecker, dieses Sportabzeichen, sie sind das eine große Thema für die drei Generationen der Großfamilie Foss/Braun. 2003 hat es die sportliche Familie aus dem Kochertal auf 14 Deutsche Sportabzeichen gebracht. Weil die Kleinen diesen Anstecker wollten; weil die Prüfer immer da sind; weil der Mittwochabend in Weißbach Sportabzeichenabend ist; und "weil meine Schwiegermutter den Laden zusammenhält", sagt Robert Braun. An 15 Abzeichen innerhalb eines Jahres denkt Hildegard Foss immer mal wieder. Bisher sagte sie stets: "Dafür müsste ich unseren Enkel Elias überzeugen mitzumachen." Doch der sage immer nur, dass er zuschauen wolle.
Am Ende dieses Mittwochabends haben acht Sportler alle Haken für das Abzeichen beisammen. Ob es Elias dieses Jahr noch schafft? "Oh, das wird wohl vorerst nix", sagt Hildegard Foss. "Es hapert noch am Schwimmen. Aber das wird ja bestimmt noch." Aus ihrer Stimme ist Hoffnung herauszuhören.





