Ein ganz geheimes Sterne-Restaurant

    Von Uwe Ralf Heer

    Ein ganz geheimes Sterne-Restaurant
    Gourmet-Aussichten aus der Vogelperspektive: Food-Stylist Patrick Lorenz (mit Kochmütze) fügt auf der weißen Glasplatte die Speisen zu einem harmonischen Gesamtbild zusammen.Fotos: Andreas Veigel 

    Neckarsulm - Es duftet herrlich. Wer da keinen Appetit bekommt, ist selbst schuld. Das Kalbsfilet mit gehackten Kräutern wird perfekt zubereitet und ist auf den Punkt gegart, dazu gibt es Calvados-Jus und eine Spinat-Polenta. Kochen auf höchstem Niveau. Dennoch lautet das Motto: Nur schauen, nicht essen. Jammerschade bei so edlen Speisen. Doch diese kulinarischen Genüsse spielen nicht die Hauptrolle auf den Tellern von Restaurantgästen, sondern bei der Werbefotografie für einen neuen Prospekt.

    Vorsichtig richtet Patrick Lorenz das Gericht auf dem Teller an. Einst war er Mitglied der deutschen Nationalmannschaft der Köche. Heute ist Lorenz Fachberater bei Unilever.

    Nichts darf misslingen. Von der Decke herab spürt man die Hitze, die riesige Scheinwerfer erzeugen. Sonnengleiches Licht wird in die Halle gezaubert. "Ruhe, Konzentration", ruft Fotograf Steffen Walter. Jetzt könnte man in dem riesigen Studio im Neckarsulmer Ortsteil Obereisesheim ein Reiskorn auf den Boden fallen hören. Das rosafarbene Kalbsfilet liegt geduldig auf dem Teller − los geht"s.

    Weltweit

    In den Steffen-Walter-Studios gehört gehobene Gastronomie zum Alltag. Auch wenn sie niemand in dem von außen unscheinbar wirkenden Gebäude vermuten würde. Als Dienstleister für Foto- und Filmproduktionen ist Walter mit seinem Team weltweit im Einsatz. Ob Maschinenbau oder Architektur, ob makroskopische Aufnahmen oder kreative Präsentation. Aber vor allem als Fotograf für die Prospekt- und Verpackungsbilder von Exklusivkunde Unilever. Wer immer die vielen unterschiedlichen Knorr- oder Pfanni-Produkte aus Heilbronn in Händen hält und auf die Fotos der Verpackung schaut, der kann sicher sein, dass diese Bilder in Obereisesheim entstanden sind.

    Ein ganz geheimes Sterne-Restaurant
    Der Tag beginnt für Steffen Walter früh. Sehr früh. Um 7 Uhr geht es zum Einkaufen auf den Großmarkt, alle Lebensmittel werden frisch besorgt. Das Kühlhaus im Studio wird bestückt, teilweise mit regional handverlesenen Produkten.

    Jetzt ist es 8 Uhr. Die heiße Phase beginnt, alle Zutaten werden vorbereitet. Auf der modern ausgestatteten Küchenzeile wenige Meter neben der Fotobühne geht es hektisch zu. Kurzer Blick auf die Anrichte: Alles klar zum Kochen? Alles klar.

    Im Untergeschoss laufen parallel dazu die Vorbereitungen für das heutige Fotoshooting. Hier sieht es aus wie in einem gehobenen Haushaltswarenfachgeschäft. Exquisite Teller in Hülle und Fülle, edles Geschirr und teures Besteck. Nicht nur das Fleisch soll im Auge der Kamera glänzen. "Ich suche immer wieder nach neuen Geschirrtrends, das mache ich sogar im Urlaub und kaufe dort ein", sagt Steffen Walter. Die Muscheln für die Deko hat der 42-Jährige Fotografiemeister aus Heilbronn-Horkheim eigens in Formentera besorgt. "Die Kunden wollen eine super Darstellung ihrer Produkte", sagt der Chef. Billig gibt"s nicht.

    Die Anspannung steigt. Um 10 Uhr kommen Mitarbeiter einer Ulmer Agentur, die die Computer-Layouts für die Prospekte mitbringen. Dort, wo jetzt noch weiße Flächen zu sehen sind, wird bald das Foto eines Kalbsfilets eingefügt.

    Vernetzt

    11 Uhr − klick, das erste Foto ist im Kasten. Vier unterschiedliche Teller werden arrangiert und einer nach dem anderen fotografiert. Der Lichtpunkt ist exakt auf das Fleisch gerichtet. Einige Meter über dem kleinen Teller können von einer Galerie aus weitere Aufnahmen geschossen werden.

    Im ersten Stock des Industriegebäudes, das vor 15 Jahren erbaut wurde, sitzt Sönke Willms am PC und macht parallel die Bildbearbeitung. Das Foto, das direkt auf seinen PC einläuft, wird in die Layout-Vorlage des Prospektes eingefügt. Passt es? Muss ein neues geschossen werden? Das Ergebnis wird kritisch beäugt. "Die Fotos werden am Computer nicht falsch geschönt, sondern sie kommen der Kochkunst sehr nahe", erklärt der 34-jährige Photoshop-Experte, der zudem ausgebildeter Fotograf ist.

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    Dennoch: Viele Versuche sind der Crew nicht vergönnt. "Oft hat man nur eine Chance, wenn Fleisch und Beilage zubereitet sind. Dann muss das Bild auf den Punkt genau passen wie das Essen", sagt Walter. Das Filet von oben, von unten, von vorne, von hinten. Zusätzliche Varianten sind erwünscht.

    Angerichtet Heute klappt alles perfekt. Schon bald wird das Filet auf Saucenverpackungen ebenso zu sehen sein wie in Rezeptprospekten oder Angebotsvorlagen für die Großgastronomie in aller Welt. Darin wird den Köchen erklärt, wie sie auf höchstem Niveau die Speisen zubereiten können − von Mini-Knödeln bis zu Engelshaar-Nestern.

    Auf die Inszenierung kommt es an. "Das alles darf nicht zu bunt sein, sondern es muss einfach perfekt aussehen", sagt Walter. Klingt leicht und ist doch harte Knochenarbeit, bis am Abend um 19 Uhr die letzte Aufnahme im Kasten ist. Fehler dürfen nicht passieren, sonst ist erst spät in der Nacht Feierabend. So wie an jenem Tag, als ein Mitarbeiter mit der Saucen-Schüssel in den Aufbau des Fleisches stürzte. Das Essen war zerstört, es musste von Neuem gekocht werden. Stunden gingen verloren.

    "Wir müssen hier sehr ruhig und zielstrebig arbeiten", erklärt der Chef, und seine drei Mitarbeiter handeln danach. Neben Sönke Willms sind noch die Auszubildenden Benjamin Soukup (20) und David Haas (22) Mitarbeiter von Steffen Walter.

    Die Obereisesheimer arbeiten nicht nur für Unilever, sondern unter anderem auch für Bundeswehr-Kantinen oder die Autobahngastronomie. Solche Küchen wollen ebenso optische Anreize für ihre kulinarischen Angebote setzen und lassen daher attraktive Produktbilder in Neckarsulm anfertigen. Das Auge isst mit − im wahrsten Sinne des Wortes.

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    Steffen Walter hat ein Faible für die gute Küche: "Natürlich esse ich sehr gerne, und außerdem bin ich leidenschaftlicher Hobbykoch." Das hilft bei der täglichen Arbeit. "Der Job ist härter geworden. Man muss sich mit Qualität von den Mitbewerbern abheben." Kreative Lösungen mit handwerklichem Können, so lautet seine Erfolgsformel. "Das Bild entsteht vorher im Kopf. Könnte ich zeichnen, dann würde ich es malen", sagt Walter.

    Die Scheinwerfer gehen aus, das Tagwerk ist vollbracht. Nur schauen, nicht essen. Na ja, nicht ganz. Verkommen sollen die köstlichen Speisen denn doch nicht. Feierabend heißt: Genuss pur für die Mitarbeiter, die im ganz geheimen Sterne-Lokal jetzt das essen dürfen, was sie zuvor stundenlang ins rechte Bild gerückt haben.