Der lange Weg zurück ins Leben

    Von Angela Groß

    Der lange Weg zurück ins Leben
    „Die Beweglichkeit der Zunge ist schon viel besser geworden“, sagt Logopädin Susanne Bartsch (links) über Carmen Ellinger. „Sie arbeitet sehr hart an sich. Im Sommer habe ich sie manchmal durch das Fenster üben gehört.“Fotos: Eric Schmidt 

    Sie hat nur dieses eine Leben, und ein einziger Morgen hat ihre Pläne zunichte gemacht. Vor gut zwei Jahren hat sich ein Schlaganfall in das Leben von Carmen Ellinger eingemischt, einer jungen Frau aus Beilstein, noch keine 30 Jahre alt. Er ist in ihren Körper eingebrochen wie ein Tornado, hat gewütet und zerstört. Ein Infarkt des Stammhirns, die Ärzte nennen es Basilaris-Thrombose, hat sie um Jahrzehnte zurückgeworfen. Beinahe wäre sie gestorben.

    Kliniken Schmieder, Allensbach, im Spätsommer. Die Krankenakte der 29-jährigen Frau vermerkt Koma, Magensonde, Luftröhrenschnitt, Lähmungen. Wie Carmen Ellinger diesen Schock seelisch verkraftete, hat sie aufgeschrieben: 140 Seiten gibt es schon, eines Tages soll daraus ein Buch werden. An jenem 5. März, es war der dritte und letzte Tag einer kleinen Reise mit ihrem damaligen Freund, lag Carmen Ellinger auf einem Hotelbett in Rom und spürte eine Explosion in ihrem Schädel. Seitdem bietet jeder Tag eine neue Herausforderung. Viele kleine, minikleine Schritte - sie kämpft sich langsam zurück ins Leben.

    Klinikalltag seit 31 Monaten: Lange Tage, die mit einer Morgenvisite anfangen und mit einer Endloskette von Therapien weitergehen. Abgrundtiefe Tage, manchmal heult sie stundenlang. Aber auch gute Tage, in denen jemand vorbeikommt. Manchmal kommt sie sich dann vor wie im Zoo: „Ich soll zeigen, was ich schon alles kann“, nennt sie das. Einerseits. Andererseits treiben sie diese Erfolgserlebnisse an. Die Arbeit mit dem eigenen, fremd gewordenen Körper ist hart und ermüdend.

    Dreimal Frühjahr, Sommer, Herbst und zwei Winter sind seitdem vergangen. Seit elf Monaten lebt Carmen Ellinger im Zimmer 527 am Bodensee. Es ist das einzige im Haus Säntis, mit einem Poster außen an der Tür - dem Titelplakat einer Aufführung von Bizets „Carmen“ an der Staatsoper Stuttgart. Schöne Tage haben einen lieben Besucher im Gepäck: ihre Mutter, Angela, die Schwester, der Vater oder eine Freundin. Ohne ihren Laptop, ihr Handy, die E-Mails und SMS wäre sie aufgeschmissen. Das ist ihr Draht zur Welt. Erst seit kurzem hat sie auf der Station eine Freundin gefunden.

    Der lange Weg zurück ins Leben
    Manchmal wird das Leben zur Hölle. Dann tobt sich die junge Frau mit Pinsel und Farbe aus. 
    Früheres Leben Stationen ihres ersten Lebens. Realschule in Ilsfeld, Wirtschaftsgymnasium in Heilbronn, BWL an der Berufsakademie. Zum Schluss arbeitete sie im Rechnungswesen bei Femira in Pleidelsheim. Fotos von früher können deprimierend sein, sie setzen den Teufelskreislauf des Vergleichens in Gang, erzählen von fröhlichen Tagen in einem Eiscafé und Abenteuern wie dem Ski fahren lernen auf der Zugspitze. Fotos von früher hat Carmen Ellinger von den Wänden verbannt, sie hält das nicht aus. „Was ich alles nicht mehr kann? Ja, das kotzt mich an“: Carmen Ellingers Sprache ist ungeschminkt, direkt und ehrlich. Weil sie nicht spricht, zweifeln andere an ihrem Verstand - „das ist das Schlimmste für mich“.

    Die Reifen des Rollstuhls quietschen penetrant auf dem Klinikboden, wenn die 29-Jährige von ihrem Schreibtisch ins Bad oder zum Aufzug fährt. Es ist eines von den Geräuschen, die ihr auf den Wecker gehen und mit einem stummen Kopfschütteln quittiert werden. Alles ist umständlich. Kostet Kraft. War früher so einfach. Beim Essen sollte jemand dabei sein, falls es Probleme gibt. Die Ärzte sagen, es sei unglaublich, dass sie überhaupt schlucken kann. Wie ein Mal leuchtet die ehemalige Wunde an ihrem Hals, dort wo der Luftröhrenschnitt gemacht werden musste. Sechs Monate wurde die Patientin in einer Göppinger Klinik künstlich durch eine Magensonde ernährt.

    Ihre Stimme ist wieder zurückgekehrt, doch Lippen- und Zungenmotorik erfordern harte Disziplin. Stundenlanges Üben. Also legt sie den Sprachcomputer auf ihre Oberschenkel. Sie tippt, und er spricht. Eine monotone Automaten-Männerstimme baut sich wie eine Mauer vor ihr auf. Buchstabe für Buchstabe erscheint im grünen Display, und es bleibt unklar, ob sie es gut findet, wenn der Satz erraten ist, noch bevor sie zu Ende getippt hat. Ob sie sich gefragt hat, warum das alles passiert ist? „X-mal“, tippt sie. Wie hält sie das alles aus? „Habe ich eine Wahl? Mich hat keiner gefragt, ob ich das will.“

    Es hat viele Monate gedauert, bis Carmen Ellinger begriffen hat, was es bedeutet, einen Schlaganfall zu haben und mit den Folgen leben zu müssen. „Ich hab’s null realisiert“, teilt sie mit, und lächelt über sich selbst. Sie erinnert sich an surreale Träume während ihres Komas. Und daran, wie sie mit dem ADAC-Flugzeug von Rom nach Deutschland gebracht wurde.

    Sprache und Motorik waren vollständig gelähmt, als die junge Frau aus dem Koma erwachte. Ein Block Papier, Farben, Pinsel und Wasser, das ist ihr Erste-Hilfe-Set. Carmen Ellinger hat auch früher schon gemalt, doch seit ihrer schweren Erkrankung ist ihr die Malerei „der Rettungsanker, wenn alles Scheiße ist.“ Es lenkt ab, entspannt und befriedigt sie. Im Sommer 2005 konnte sie nach vier Therapie-Monaten ihre rechte Hand wieder bewegen. Als ihr Freund ihr Block und Farben hinhielt, war sie genervt und kritzelte irgendwas hin. Sonne, Himmel, Erde, das war das erste Bild. Mittlerweile hängt die ganze Wand voll mit ihren ausdrucksstarken Werken, hat sie in diesem Frühjahr eine Ausstellung in der Villa Wart in Altensteig gehabt. Ihre Freunde waren alle da, es war ein toller Erfolg. Sie macht weiter, immer weiter. Am Horizont ein Hoffnungsschimmer. „Malen tut man aus Verzweiflung“, zitiert sie Ernst Ludwig Kirchner. Mittlerweile experimentiert sie an ihrem eigenen Stil.

    Der lange Weg zurück ins Leben
    Der lange Weg zurück ins Leben 
    Erste Schritte Neulich ist sie nach einem Jahr das erste Mal wieder ein paar Schritte gelaufen, an der Hand von zwei Therapeuten. Eines Tages, so hofft Carmen Ellinger, wird sie die Kraft haben, eine Stiftung für junge Schlaganfall-Patienten zu gründen. „Weil ich weiß, dass ich dazu jede Menge Geld brauche, habe ich schon mal angefangen, Bilder zu verkaufen.“ Die Stiftung, das Buch und ihre Bilder sind die Fixpunkte ihrer Zukunft. Wenn alles gut geht, kann sie im Frühjahr nach Tübingen in eine Wohngemeinschaft von Behinderten und Nichtbehinderten ziehen und in ein selbstbestimmteres Leben starten. Dort wird sie Freunde finden, am PC arbeiten. „Lebe dein Leben so, als wäre es dein letzter Tag“: Das steht auf einer Postkarte, die an die Wand gepinnt ist. Ein Spruch wie hundert andere auch? Nicht in ihrer Gegenwart. „Genieße jeden Tag“, gibt Carmen Ellinger mit auf den Weg, verabschiedet sich auf dem Gang und hebt leicht ihre rechte Hand. So gerne würde sie noch einmal nach Rom. Trotz allem. Und Ski fahren.

     Stichwort: Kliniken Schmieder

    Nach dem Arzt Professor Friedrich Schmieder benannt, wurde das Krankenhaus ursprünglich als kleine 20 Betten umfassende Privatklinik gebaut ­ am früheren Naturheilsanatorium „Schloss Rheinburg” in Gailingen. Mittlerweile gibt es sechs neurologische Rehabilitationskliniken in Gailingen, Allensbach, Konstanz, Stuttgart-Gerlingen/Auf der Schillerhöhe und in Heidelberg, 10.000 Menschen werden jährlich behandelt. Im Juli 1991 wurde in Allensbach das erste Frührehabilitationszentrum in Baden-Württemberg gegründet. Schädel-Hirn-Traumata, Schlaganfälle, Hirntumoren, entzündliche Erkrankungen des Nervensystems einschließlich Multiple Sklerose, Parkinson und neurologische Schmerzsyndrome gehören zu den Krankheiten, die behandelt werden.