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Arbeiten, wo andere vorbeirauschen
Von Steffan Maurhoff
Kraichgau - So etwas", sagt Robert Zimmermann und blickt übers Steuer auf den dichter werdenden Verkehr vor sich, "macht man nicht alle Tage." Da spricht er ein großes Wort gelassen aus. Schließlich ist das, wofür er als Projektleiter beim Regierungspräsidium Stuttgart verantwortlich ist: für den Ausbau des neun Kilometer langen Abschnitts der A6 zwischen Bad Rappenau und Sinsheim-Steinsfurt, momentan die wahrscheinlich längste Baustelle der Region. 65 Millionen Euro wird das Vorhaben verschlingen, das Tag für Tag unter den Augen von 77 000 Fahrzeuglenkern über die Bühne geht. Bis voraussichtlich Ende 2011.
Ein solches Projekt in der Hand zu haben, ist in der Tat nicht ganz ohne. Deshalb dokumentiert Robert Zimmermann jeden Schritt − natürlich aus dienstlichen Gründen, aber ein ganz kleines bisschen auch aus privaten. "Das möchte ich mal meinen Töchtern zeigen", sagt der 37-jährige Familienvater. Seine Antonia ist drei, Annalena zwei Jahre alt. Und wer weiß, vielleicht können sie ja mal in der Schule ein Referat über das Thema halten? Sowas hört man ja schließlich nicht alle Tage.
Gefahren am Arbeitsplatz
Was man auch nicht alle Tage mitmacht − das Team von Robert Zimmermann und seinem Oberbauleiter Dirk Rüther hat schon ziemlich viel davon erlebt. Sicherheitstechnisch gesehen zumindest. Deshalb gibt es strenge Vorschriften, denn die A6 ist kein Vorstadtvorgarten, sondern als Arbeitsplatz, durch den mancher unerlaubterweise mit 100 Sachen rast, nicht ungefährlich. Warnwesten gehören zur Pflicht, Sicherheitsschuhe auch. Und die richtige Blickrichtung, wenn man vor Ort ist auf der Baustelle. Hautnah dran, am vorbeibrausenden Verkehr nur getrennt von einer hüfthohen Betonschutzwand.
Dann empfiehlt es sich, den herannahenden Verkehr im Auge zu behalten und der Blechlawine nicht den Rücken zuzukehren. Warum? Das hat sich erst neulich mal wieder gezeigt: "Wir waren mit acht Leuten draußen. Auf einmal überholt uns ein Lkw-Zwillingsreifen." Die Männer waren mit Blickrichtung zum Verkehr gestanden − und konnten sich rechtzeitig vor dem rollenden Geschoss in Sicherheit bringen. "Sowas kommt vor", meint Zimmermann abgebrüht. Obwohl es eigentlich nicht zu fassen ist, dass ein Brummifahrer mit kaum angezogenen Radmuttern auf die Piste geht.
Nerven bewahren muss die ganze Mannschaft bis hin zu jedem einzelnen der Bauarbeiter auf der Autobahn in vielerlei Hinsicht. Vor allem, was den Terminplan angeht. "Nur im Team, also Regierungspräsidium, Ingenieurbüro und ausführende Firmen, kann so ein Projekt erfolgreich umgesetzt werden", weiß Robert Zimmermann.
Zuckerbrot und Peitsche
Wer das Innenleben der Baustelle erkundet, entdeckt ein gigantisches Uhrwerk. Jedes Zahnrad muss präzise ins nächste greifen − und unablässig tickt die Uhr. Denn Zeit ist Geld, auch auf der A-6-Baustelle. Die beauftragten Unternehmen müssen sich an vertraglich vereinbarte Fertigstellungsfristen halten. Werden die überschritten, droht eine Konventionalstrafe. Werden sie unterschritten, gibt"s einen Bonus. Zuckerbrot und Peitsche auf Asphalt.
Gute Erfahrungen hat Zimmermann mit dem Ingenieurbüro Becher und Partner gemacht, besonders auch mit der Bauunternehmung Leonhard Weiss aus Satteldorf bei Crailsheim. "Das ist eine familiengeführte Firma, bei der tatsächlich das Projekt im Vordergrund steht, nicht allein der Profit."
Genaue Planung, präzise Kostenkontrolle, strenge Sicherheitsvorschriften − das alles bestimmt den routinierten Alltag auf der Baustelle. Und Papier. Pläne über Pläne werden benötigt, um das neun Kilometer lange Autobahn-Teilstück von fünf auf künftig sechs Spuren plus Standstreifen aufzuplustern. Neun Pläne, jeder etwa einen Meter Lang, haben Zimmermann, Rüther und ihre Leute alle Tage vor Augen: Im Besprechungscontainer der Autobahnmeisterei bei Fürfeld ziehen sie sich, aneinander gereiht wie zwei Banner, die Wände entlang. Dazwischen die Projektionswand für den nahezu täglich benötigten Beamer. Nur die Fenster sind frei, dahinter fällt der Blick auf meterhohen Betonschutt − Abbruchmaterial von der Autobahn.
Vermieden werden soll bei diesem Autobahnteilstück, was vor drei Jahren vor den Toren Sinsheims mit ätzender Regelmäßigkeit passiert ist: dass der Verkehr in der Baustelle stecken bleibt und sich die Blechlawine, die dem Stau ausweicht, als träge Karawane durch die Dörfer entlang der A6 schleppt und schließlich liegen bleibt.
Massive Provisorien
Das soll sich jetzt, während des sechsspurigen Ausbaus zwischen Bad Rappenau und Steinsfurt nicht mehr so häufig wiederholen. "Wir müssen alles tun, um den Bürgern so wenig wie möglich Behinderungen zuzumuten", gibt Zimmermann vor. Deshalb wurde umgesetzt, was ursprünglich aus Kostengründen vermieden werden sollte. Die A6 wurde eigens provisorisch verbreitert, damit der Verkehr auch während der Bauphase fünfspurig durch die Baustelle geführt werden kann: drei Spuren in Richtung Heilbronn, zwei in Richtung Mannheim. "Das kostet sehr viel Geld", berichtet Zimmermann und steigt in ein Baustellenfahrzeug, um einmal mehr die Reise zu seinem für den Laien gesperrten Arbeitsplatz anzutreten. Und so geht es hinaus auf die für heutige Bedürfnisse viel zu schlank gewordene A6. Über sieben sieben Brücken muss er geh"n, der Weg auf die Megabaustelle. Brücken, die eigens verbreitert, teils neu gebaut werden müssen. Sobald der Endausbau hergestellt ist, werden die vorübergehenden Verbreiterungen übrigens wieder abgerissen.
Messbare Ergebnisse gibt es zwar nicht, aber fühlbare: "Ein Indikator sind die Verkehrsnachrichten im Radio. Die A3 höre ich jeden Tag, die A6 zwei Mal die Woche − wenn es hochkommt." Der Ausbau hat gewaltige Dimensionen. Draußen auf der Baustelle hält Dirk Rüther zwischen Grombach und Kirchardt an, deutet auf die Schneise neben der Autobahn. Zum Teil drei Meter tief musste das Gelände neben der alten Fahrbahn ausgegraben werden für den stabilen Unterbau. Nur zwei Zahlen, um einen Maßstab zu geben: Für den Ausbauabschnitt sind insgesamt 225 000 Kubikmeter Erdreich zu bewegen, allein 30 000 Kubikmeter Oberboden abzutragen. In fünf Bauphasen ist das Großprojekt unterteilt. Zuerst wurden die Anschlussstelle Bad Rappenau provisorisch umgebaut, Mittelstreifenüberfahrten angelegt. Dann wurde die südliche Autobahnhälfte provisorisch nach außen verbreitert. Dazu mussten drei Behelfsbrücken an bestehende Brücken angebaut werden. In dieser Phase wurde der Verkehr mal über die äußeren Spuren geleitet, mal über die inneren. "Aber immer über fünf Spuren", betont Zimmermann.
Hauptbauphase
Das gilt auch für die seit Mitte August laufende erste Hauptbauphase: "Fünf/Null" nennt der Fachmann die derzeit komplett fünfspurige Verkehrsführung auf der Südseite. Diese bleibt 223 Kalendertage lang bestehen, in denen der Ausbau auf der Nordseite in Richtung Mannheim läuft. Dort werden drei Brückenhälften abgerissen und neu aufgebaut, vier Bücken verbreitert und die Lärmschutzwand für Grombach errichtet. Sobald der Norden steht, ist der Süden dran mit dem gleichen Ablauf − und Lärmschutz für Kirchardt. 228 Tage lang.
Wenn die A6 Ende 2011 erweitert sein wird, werden die Parkplätze auf Höhe Kirchardt verschwunden und stattdessen die beiden anderen kurz vor Steinsfurt ausgebaut sein, damit vor allem Brummifahrer eine Übernachtungsmöglichkeit haben. Bis alles fertig ist, sind Planer, Ingenieure und Bauarbeiter Tag für Tag gefordert, nur am Sonntag schweigen Bagger, Dampfwalzen und Hämmer. "Wir sind oft zwölf Stunden lang und länger hier", weiß Oberbauleiter Rüther. Jedem sitzt der Bauzeitenplan im Nacken − und das 21 Monate lang. Alle Tage.
Hintergrund: Verkehrsprognosen
1994 wurde der erste Planungsentwurf für den A-6-Ausbau erstellt. Vor dem Fall der Mauer errechnete man für heute eine Verkehrsbelastung von 85 000 bis 90 000 Fahrzeugen, tatsächlich sind es 77 000. Das langwierige Verfahren sah nie mehr als sechs Spuren vor. Wobei Projektleiter Robert Zimmermann nachdenklich in die Zukunft blickt: Bei rasantem Wirtschaftswachstum könne es sein, dass die für die Zukunft prognostizierte Verkehrsmenge nicht der Wirklichkeit entspreche. „Dann könnte der Ausbau den Verkehr nicht ohne Behinderungen aufnehmen.“





