Das Tunnelsystem von Heilbronn

Serie: Noch Fragen?  Was ist dran an den Gerüchten, dass unter Heilbronn ein historisches Tunnelsystem liegt? Um diese Leserfrage zu beantworten, sind wir in Heilbronns Keller und Tunnel gestiegen und haben alte Akten durchforstet. Ein Einblick in die Heilbronner Unterwelt.

Von Janis Dietz und Agnes Hilger

 
Luftschutzstollen Schutzbunker Salzbergwerk Gewölbekeller Eisenbahntunnel

Mit einem Klick auf die Räume auf der Untergrund-Karte gelangen Sie zum jeweiligen Thema.

"Im Zweiten Weltkrieg konnte man in Heilbronn durch ein unterirdisches Kellernetz von Haus zu Haus laufen.“ So oder so ähnlich dürften es viele Heilbronner schon einmal gehört haben. Auch Elke Scholz erfuhr durch ihren Vater und ihren Großvater von dem Tunnelsystem und wurde hellhörig.

Kann das sein? Ist das System noch erhalten und konnte man über mehrere hundert Meter von Stadtviertel zu Stadtviertel gelangen? Diese Frage hat uns Elke Scholz in unserer neue Serie "Noch Fragen?" gestellt, in der wir Ihre Fragen zur Region beantworten. In der ersten Runde von "Noch Fragen?" sind wir der Frage von Elke Scolz nachgegangen und in vier historische Keller gestiegen.

Das Ergebnis unserer Recherche: Es gab große Pläne, die nie Realität wurden und im Laufe der Zeit sind einige Mythen dazugekommen. Aber während der Nazi-Zeit war die Heilbronner Altstadt durch ein Tunnelsystem vernetzt. Und Spuren davon kann man noch heute finden.

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Gewölbekeller - per Wanddurchbruch von Haus zu Haus

Tunnel Zapf
Ein Tunnel verbindet zwei Keller der Weinhandlung Zapf - so oder ähnlich sahen die historischen Kellerverbindungen aus.

In den 1930er Jahren waren weite Teile von Heilbronn unterkellert – zum Teil sogar doppelt. Das machten sich die Nationalsozialisten in ihren Bemühungen um den Luftschutz zunutze. Dokumente des Heilbronner Stadtarchivs belegen, dass sie zwischen den Kellern Wanddurchbrüche schaffen wollten. Diese sollten nur provisorisch zugemauert sein, damit man im Notfall schnell von Haus zu Haus flüchten konnte.

1939 ordnete der Reichsminister der Luftfahrt den Bau von Kellerdurchbrüchen an. 1944 schließlich war „die Innenstadt […] von einem dichten Netz unterirdischer Fluchtwege durchzogen“, wie Wilhelm Steinhilber in seinem Buch „Heilbronn - Die schwersten Stunden der Stadt“ festhält.

Dieses dichte Netz gibt es heute nicht mehr, rekonstruieren lässt es sich auch nicht. Aber wer in einige Keller der Heilbronner Innenstadt steigt, findet Relikte jener Zufluchtsorte. Denn selbst wenn die Häuser darüber zerstört wurden, viele der tiefen Gewölbekeller blieben im Bombenhagel erhalten. Einer davon liegt beim Wollhaus.

Mit einer 360°-Ansicht können Sie sich selbst ein Bild machen, wie es in dem Luftschutzkeller aussah:

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In der Nähe des Wollhauses geht es eine Treppe nach unten, dann noch eine. Dann erstreckt sich in der Dunkelheit ein riesiges Gewölbe. Rund 25 Meter lang und vier Meter breit. Der Keller dürfte in den 30er Jahren zum Luftschutz gebaut oder umgebaut worden sein, schätzt Joachim Hennze, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Heilbronn. Neben dem Keller liegen noch zwei weitere Gewölbe, verbunden durch kleine Gänge.

300-400 Menschen dürften hier während der Bombenangriffe Platz gefunden haben. Vermutlich gab es eine Apotheke zur Versorgung von Verletzten und einen Getränkevorrat. Außerdem mehrere Ausgänge, falls ein Zugang verschüttet wird. „Es gab in den Kellern nie Platz für alle Bewohner der Stadt“, sagt Hennze. Trotzdem habe das System halbwegs funktioniert. Doch dann kam die Katastrophe.

Am 4. Dezember werden die Keller zur Falle

Während das Feuer Heilbronn in der Nacht vom 4. Dezember 1944 fast komplett zerstörte, suchten wieder viele Menschen Zuflucht in privaten und öffentlichen Kellern – und tausende kamen dabei um. In manchen Fällen waren entscheidende Fluchtwege nicht fertiggestellt. Außerdem sorgte der überirdische Feuersturm dafür, dass in den Kellern der Sauerstoff knapp wurde.

Die Kellergewölbe hielten zwar den Bomben stand, wurden aber trotzdem für viele Schutzsuchende zum Grab. Allein im Klosterkeller kamen 611 Menschen durch Kohlenmonoxid-Vergiftung ums Leben. Mittlerweile ist der Keller am Kiliansplatz einem Einkaufszentrum-Neubau gewichen.

Vom vernetzten Tunnelsystem keine Spur

Es sind noch etliche Keller aus dieser Zeit erhalten, die meisten stehen leer. "Der Luftschutzkeller beim Wollhaus sollte mal zur Tanzschule umgebaut werden", erklärt der jetzige Hausmeister, "doch daraus wurde nichts". Auch die Ideen für die Keller der ehemaligen Weinhandlung Zapf in der  Großen Bahngasse liefen ins Leere. Nachdem die Weinhandlung 1986 geschlossen wurde, sollte dort ein Restaurant entstehen.

Jetzt dient der Keller den Hausbewohnern als Abstellraum. Nur ein riesiges Holzfass und einige Literangaben an der Wand erinnern noch an den ursprünglichen Zweck der Räume. Mit dem zweiten Keller war er durch einen Durchgang verbunden. Dieser ist mittlerweile zugemauert. In der Nacht vom 4. Dezember 1944 konnten sich durch ihn an die 200 Menschen retten. 

Ein Tunnelsystem durch das man unterirdisch von Stadtviertel zu Stadtviertel laufen konnte gehörte eventuell ebenfalls zu den größenwahnsinnigen Plänen der Nationalsozialisten. Doch Historiker sind sich sicher, es hat dieses System nie gegeben.

Rundum-Einblick in einen historischen Keller in der Biedermanngasse:

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Luftschutzstollen - verschüttete Geschichte

Gedenktafel
Eine kleine Tafel erinnert heute noch an den größten der Heilbronner Luftschutzstollen an der Lauffener Straße.

Während in der Heilbronner Innenstadt die gut vernetzten Keller als Schutzort dienten, vertraute man in den Stadtteilen im zweiten Weltkrieg auf Luftschutzstollen. 45 solcher Stollen sind auf Listen aus den 60er Jahren verzeichnet. Sechs von ihnen waren öffentlich, der Rest in privater Hand.

„Wenn der Fliegeralarm losging, liefen wir zum Stollen“, erinnert sich ein heute 80-jähriger Alt-Sontheimer. In der Lauffener Straße in Sontheim befand sich die größte der Stollenanlagen. An zwei Eingängen ging es rund 100 Meter in den Hang hinein, beide Gänge waren durch einen Querstollen verbunden. „Im  Stollen gab es auch Notbetten“, erinnert sich der Zeitzeuge.

Auf einem historischen Bauplan sind noch weitere Verstrebungen verzeichnet. Die gesamte Anlage war für bis zu 2000 Menschen konzipiert. Was bis Kriegsende wirklich gebaut wurde, ist unklar. Etliche der in den letzten Kriegsjahren geplanten Luftschutzstollen sind laut Aufzeichnungen nie über die Planungsphase hinausgekommen.

 

 

Aus den lebensrettenden Stollen wird ein Problem

Nach dem Krieg verloren die Stollen nicht nur ihren Nutzen, sondern wurden zur Gefahr. Die schlecht ausgebauten Stollen waren einsturzgefährdet. Trotzdem wurden sie zunächst nicht weiter beachtet. Kinder spielten an den Eingängen, Häuser wurden über den Stollen errichtet und blieben stehen. Nur ab und an meldete ein Hausbesitzer, dass es in seinem Garten einen Einbruch gegeben habe.

Anfang der 60er Jahre schließlich befasste die Stadt sich systematisch mit dem Thema: Sie kontaktierte Hausbesitzer, besichtigte etliche Stollen, sperrte Gelände ab und überprüfte, ob sich die Gruben jemals wieder nutzen ließen.

Heute ist von den Gängen fast nichts mehr zu sehen

Stolleneingang
Im Stadtinnern schützten sich die Menschen vor allem in den Kellern vor den Bomben. Außerhalb gab es auch Stollen. Der Eingang zum Stollen in der Gutenbergstraße lag hinter dieser Mauer an der Oststraße.

Dem Sontheimer Stollen erging es wie vielen der kurzlebigen Lebensretter: Die Stadt stufte ihn als einsturzgefährdet ein und ließ ihn mit Beton ausgepressen. An der Stelle, wo sich einst einer der Eingänge befand, gegenüber der Lauffener Straße 12, hat die Stadt vor wenigen Jahren ein Hinweisschild angebracht.

Von den meisten Luftschutzstollen ist heute nichts mehr zu sehen. In der Oststraße, wo sich einst ein großer Park befand, zeigt ein zubetoniertes Gewölbe, dass hier einer der Eingänge zum Stollen unter der Gutenbergstraße liegt. 

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Dieses Projekt ist im Rahmen der "Noch Fragen?"-Serie entstanden. Für die Serie beantworten wir neugierige Fragen unserer Leser. Schicken Sie uns Ihre Frage zur Region:

 
 

Schutzbunker - gefühlte Sicherheit

Bunker-Bau Kreissparkasse
Der Bunker unter der Kreissparkasse wurde 1957 gebaut.

Im Nachkriegs-Deutschland gab es keine akute Bedrohung durch Luftangriffe mehr. Doch der kalte Krieg und ein möglicher Atomkonflikt stellten eine neue Art der Bedrohung dar. Die Lage forderte neue Schutzmöglichkeiten, auch in Heilbronn. Tausende Mark flossen in den Bau und Ausbau von Bunkern.

Acht Meter unter der Kreissparkasse an der Wollhausstraße liegt noch heute ein großer Würfel aus Beton, in den 300 Personen passen. 1956 wurde er gebaut und war damit der erste öffentliche Luftschutzraum der jungen Bundesrepublik.

Einzigartig gute Ausstattung unter der Erde

Der Bunker war vergleichsweise komfortabel und sicher ausgestattet: Es gab Liegen und Sitze. Sanitäre Anlagen sorgten zumindest für die notwendigste Hygiene und im Vorratsspeicher war Platz für Lebensmittel. Der Brunnen einer ehemaligen Brauerei garantierte außerdem die Versorgung mit frischem Trinkwasser. 

Trotzdem: Ob die 60 Zentimeter starken Betonwände einer Atombombe standgehalten hätten, und man drinnen einen Angriff überlebt hätte, ist schwer zu sagen, denn der Bunker blieb unbenutzt. Heute gehört der Bunker der Kreissparkasse. Ein Besuch sei nicht möglich, so das Unternehmen.

Die Bunker heute: zugeschweißt, voller Wasser, unzugänglich

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Heilbronn außer dem Kreissparkassen-Bunker fünf öffentliche Luftschutzbunker. Im Ernstfall hätten sie gerade einmal vier Prozent der Bevölkerung beherbergen können. Der Bunker in der Theatertiefgarage, in den einst Millionen aus dem Bundeshaushalt geflossen sind, musste dem Einkaufszentrum K3 Platz machen.

Die Tiefbunker unter dem Industrieplatz, der Gustav-Schmoller-Schule und der Werderstraße sind zwar immer noch vorhanden – einsatzfähig oder einfach nur begehbar sind sie nicht mehr. In ihnen steht Wasser oder die Eingänge sind zugeschweißt.

Der bekannteste der Heilbronner Bunker steht auf der Theresienwiese: Der Hochbunker im ehemaligen General-Wever-Turm. Gebraucht wird er genauso wenig wie die unterirdischen Anlagen. Sicherheit und Bunker gehören heute nicht mehr unmittelbar zusammen.

Karte: Tiefbunker in Heilbronn

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Eisenbahntunnel - ein neuer Fahrrad-Schnellweg?

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Der Lerchenbergtunnel ist seit Jahren unbenutzt.

Vor 116 Jahren forderten Unternehmen wie Knorr vehement den Lerchenbergtunnel.  Das ist heute schwer vorstellbar.Das 350 Meter lange Bauwerk, das Südbahnhof und Karlstor verband, ist in Vergessenheit geraten. Seine ursprüngliche Funktion hat der Eisenbahntunnel durch die Stilllegung des Südbahnhofs vor 17 Jahren längst verloren.

Während sich auf dem Gelände des Südbahnhofs seit ein paar Jahren neues Leben entwickelt, wucherte der Tunneleingang jahrelang immer weiter zu. Der Tunnel gehört noch immer der Bahn, auch Gleise liegen hier noch, genutzt wird er aber nicht mehr. Wie auch? Knapp hinter dem Tunnel enden die Gleise im Nichts. Wer mit einer Taschenlampe durch den Lerchenbergtunnel läuft, findet Graffiti und andere Spuren von jugendlichen Mutproben. Das unbefugte Betreten ist eigentlich verboten.

Neue Initiative für unterirdischen Radweg

Im Oktober 2015 prüfte der Gemeinderat, ob man den Tunnel nicht anderweitig nutzen könnte – zum Beispiel als Geh- und Radweg. Doch die Stadt hatte Einwände: Sanierung und Kauf seien zu teuer, der Tunnel ein „Angstraum“.

Einige Bürger blieben hartnäckig und schlossen sich Anfang März 2017 zur „Interessengruppe Lerchenbergstraße“ zusammen. Darunter Stadträte von SPD, Grünen und CDU sowie Kulturschaffende der Stadt. Sie finden, die „fahrradfreundliche Stadt“ Heilbronn könnte eine Verbindung zwischen Süd- und Oststadt gut gebrauchen. Was daraus wird, ist noch völlig offen.

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Salzbergwerk – ein Tunnelsystem mit 600 Kilometern Länge

Salzbergwerke
Das größte Tunnelsystem von Heilbronn liegt 200 Meter unter der Erde: die Salzbergwerke.

Rund 200 Meter unter Heilbronn erstreckt sich ein Tunnelsystem. Es ist so weit verzweigt, dass man stundenlang mit dem Auto darin herumfahren kann. Das „Streckennetz unter Tage" gehört zu den Südwestdeutschen Salzwerken und misst etwa 600 Kilometer.

Seit 1885 wird in Heilbronn Steinsalz gefördert. Jahr für Jahr kommen neue Gänge dazu. Die Höhe der einzelnen Abbaukammern und Verbindungsstrecken variiert zwischen fünf und 15 Metern. Einzelne unterirdische Hallen sind höher als ein mehrstöckiges Gebäude.

250 Bergmänner arbeiten in der Heilbronner Unterwelt

Über die beiden Schächte Konrad und Franken steigen täglich 250 Bergmänner in die Heilbronner Unterwelt. Fünf Millionen Tonnen Salz bringen sie pro Jahr wieder an die Oberfläche. Die Stollen liegen etwa unter den Stadtvierteln Biberach und Kirchhausen.

Die Eingänge zu den Schächten sind im Heilbronner Industriegebiet. Das Heilbronner Bergwerk mit seinen rotierenden Fließbändern und dem überall vorhandenen Salzstaub ist für Besucher tabu. Im Besucherbergwerk in Bad Friedrichshall können Neugierige aber ein Gefühl für die Arbeit unter Tage bekommen.

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Die Fragestellerin:

Elke Scholz
Elke Scholz hat sich an "Noch Fragen?" gewandt, um mehr über das Heilbronner Tunnelsystem des Zweiten Weltkriegs zu erfahren.

Die 53-jährige Elke Scholz wollte im Rahmen unserer "Noch Fragen?"-Serie wissen: Gibt es ein unterirdisches Tunnelsystem unter Heilbronn? Scholz ist gelernte Einzelhandelskauffrau und arbeitet derzeit als Reinigungskraft bei einem Heilbronner Autohaus.

Weil sie als Kind so gerne in den Nachbarkellern in der Heilbronner Zügelstraße unterwegs war, wurde sie von Nachbarn auch "Kellerkind" genannt. Dass es in Heilbronn ein Kellersystem aus dem zweiten Weltkrieg gibt, hat Scholz das erste Mal von ihrem Großvater gehört. „Er hat zwar wenig mitbekommen, weil er während dieser Zeit im Krieg und in Gefangenschaft war, aber er wusste, dass man von Haus zu Haus gehen konnte“.

Ihr Vater hat ihr dann erzählt, dass man unterirdisch von einem Stadtteil zum anderen gelangen kann. Das hat ihre Neugier geweckt. Deshalb hat Elke Scholz ihre Frage bei unserer Serie "Noch Fragen?" eingeschickt. Zusammen mit den "Noch Fragen?"-Reportern war sie in zwei historischen Kellern. Ihr Fazit: „Das hat mich sehr beeindruckt.“

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