Christliche Leitlinien als Inspiration

Heilbronn  Der Architekt Matthias Müller baut für drei Kirchen das Ökumenische Begegnungszentrum Neckarbogen.

Von unserem Redakteur Kilian Krauth

Christliche Leitlinien als Inspiration
Die Eckbebauung nahe den Treppen, die zum Stadtsee führen, ist für das ökumenische Projekt dreier Heilbronner Kirchen reserviert.Foto: Andreas Veigel

Am Anfang war "ein Wunsch", mit dem sich der evangelische Prälat Harald Stumpf schon 2013 weit aus dem Fenster lehnte: Wenn mitten in Heilbronn ein neuer Stadtteil für 3500 Bewohnern entsteht, "wollen wir nicht außen vor bleiben". Nun werden die evangelische, die katholische und die evangelisch-methodistische Kirche im Neckarbogen Nägel mit Köpfen machen, nicht nur während der rund siebenmonatigen Ausstellung 2019, sondern "nachhaltig", also baulich und inhaltlich.

Ihr Gemeinschaftsprojekt trägt den programmatischen Arbeitstitel Ökumenisches Begegnungszentrum Neckarbogen. Beim Investorenwettbewerb war es als öffentliches und gemeinnütziges Gebäude von vornherein gesetzt.

Dass Kirchen architektonisch auf der Höhe der Zeit sein können, bewiesen sie zuletzt mit dem preisgekrönten Kilianshaus im ehemaligen Café Noller und mit dem Heinrich-Fries-Haus an der Heilbronner Bahnhofstraße.

Wettbewerb drei renommierter Büros

Der Entwurf für das Gebäude im Neckarbogen ging aus einem kleinen Wettbewerb hervor, zu dem die Kirchen drei renommierte einheimische Büros geladen hatten: Bechler Krummlauf Teske, Mattes Riglewski sowie das am Ende erfolgreiche Büro Müller Architekten.

Das von Matthias Müller geleitete Planungsteam versuchte "nicht einfach ein hippes Haus zu bauen", betont der bekennende Christ. "Wir gaben dem Projekt vielmehr einen geistigen Überbau": die in der Charta Oekumenica formulierten Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Sie wurden gleichsam zu den Leitlinien für die Gestaltung des Hauses.

Den Punkt "Die Schöpfung bewahren", der unter dem Begriff Nachhaltigkeit für den gesamten Neckarbogen gelten soll, verkörpert ein großes Kreuz. Es wird bewusst aus Holz, aus einer nachwachsenden Ressource gestaltet, und hebt sich an zentraler Stelle vom weißen Außenputz des Kubus ab. Aus dem christlichen Symbol leitete Müller eine Winkelform ab, die als Fenster- und Türöffnung die Fassade strukturiert.

Christliche Leitlinien als Inspiration

Diese Winkel nehmen aufeinander Bezug und stehen damit für weitere Punkte der Charta: aufeinander zugehen, Völker und Kulturen versöhnen, Dialoge fortsetzen − auch mit anderen Weltanschauungen und Religionen. Deren Symbole − Davidstern, Halbmond oder Rad − bildet Müller nicht ab, sieht sie aber in den Winkeln abstrahiert.

Ruhe im Raum der Stille

Die Kirchen wollen mit dem Begegnungszentrum einladen zu Ruhe, Gebet, Begegnung, Gesprächen, zu Kultur und Kunst, aber auch zu seelsorgerlichen Diensten. So findet sich im Erdgeschoss ein Café mit Außenbewirtschaftung zum Stadtsee hin, aber auch zum Innenhof des Quartiers. Daneben öffnet sich ein separater, trichterartiger Eingang. Er führt zu einem hohen, flexibel bespielbaren Foyer mit dem Raum der Stille.

Im zweiten Stock finden sich Büros, die durch ihr umlaufendes Fensterband nach außen hin eine Trennlinie zu den oberen vier Stockwerken bilden. Dort gibt es 30 Zimmer für flexible Wohngruppen je nach Bedarf: Studenten, Ältere, Behinderte. Das begehbare Dach ist teils begrünt, teils als Terrasse nutzbar: mit Seeblick und mit Verbindung zum Nachbarhaus. Es ist mit einer Photovoltaikanlage bestückt.

Identität Dass das Gebäude als Öko-Haus auf dem neusten Stand der Energietechnik und Bauphysik ist, ist für Müller "selbstverständlich". Durch die unverwechselbare Form, aber auch durch den Inhalt soll das geistige Zentrum wie einst jedes Gotteshaus im Dorf "Identität stiften", so Müller: für die Kirchen und für den neuen Stadtteil.

In einer Serie stellen wir alle Projekte des ersten Bauabschnitts vor.