Vergessen im Funkloch

Region  Auf dem Mond soll im kommenden Jahr ein LTE-Netz errichtet werden. In der Region ist in manchen Orten nicht einmal das Telefonieren mit dem Handy möglich - von mobilem Surfen ganz zu schweigen. Eine Zustandsanalyse.

Von David Hilzendegen und Christian Gleichauf

Ein Berliner Startup hat bei der Cebit in Hannover für Aufsehen gesorgt. Mithilfe des LTE-Netzes sollen zwei Landrover während einer Mondmission miteinander kommunizieren können. Zudem sollen über das Netz kontinuierlich gestochen scharfe Bilder in Richtung Erde geschickt werden. 

Hält das Startup, was es verspricht, ist der Mond ab 2018 besser vernetzt als so mancher Ort in der Region. Ein Blick auf die Standortdaten der Mobilfunkmasten im Landkreis Heilbronn und dem Hohenlohekreis zeigt: Es gibt noch so einige weiße Flecken. Die Rede ist dabei noch nicht einmal vom schnellsten Netzstandard LTE, sondern überhaupt von der Erreichbarkeit des Mobilfunknetzes.

Die Mobilfunkmasten in der Region (Quelle: Bundesnetzagentur)

 

Mitten im funktechnischen Niemandsland

Einer dieser betroffenen Orte im funktechnischen Niemandsland ist Bittelbronn, ein Teilort von Möckmühl. Dort blickt Isa Bagatur auf sein Handy. "Hier, kein Netz", sagt der 25-Jährige. Kein Wunder, gibt es doch weit und breit keine Sendeantennen. Dabei ist es für Bagatur wichtig, erreichbar zu sein. Als Paketbote wird er von seinem Disponenten kontaktiert, der Aufträge nachmeldet oder Fragen hat.

Derzeit buhlen mit der Telekom, Vodafone und Telefonica drei Konkurrenten um die Gunst der Kunden. Zwar hat die Bundesnetzagentur 2015 bei der Vergabe der Funklizenzen klare Versorgungsauflagen gestellt, Bittelbronn dürfte das aber wenig nutzen. Die Unternehmen sind verpflichtet, bis Ende 2018 deutschlandweit 98 Prozent der Haushalte mindestens mit dem langsamsten GSM-Netz zu versorgen. Zudem müssen in jedem Bundesland mindestens 97 Prozent der Haushalte mobil telefonieren können. Für die schnelleren Netze UMTS und LTE gibt es keine Auflagen.

"Die Firmen sind auf einem guten Weg", sagt ein Sprecher der Bundesnetzagentur. Die weißen Flecken in der Region fallen bei der Bemessung kaum ins Gewicht. Tatsächlich gibt Vodafone an, im Landkreis Heilbronn bereits heute schon 99,9 Prozent aller Haushalte zu erreichen. Über die Qualität des Empfangs macht das Unternehmen keine Angaben.

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Höchstens ein instabiles Pünktchen

Damit gehört Bittelbronn offenbar zu den 0,1 Prozent, die nicht abgedeckt werden. "Wenn ich nach Möckmühl oder Adelsheim komme, sehe ich manchmal fünf oder sechs Anrufe in Abwesenheit", erzählt Paketbote Bagatur, der das Vodafone-Netz nutzt. Mit den anderen Anbietern wäre er kaum besser dran. Ein Test unserer Zeitung zeigt: Auch Handys mit O2/E-Plus- oder Telekom-Sim-Karten zeigen hier entweder "Kein Netz" oder ein instabiles Pünktchen – das bisschen Signal gibt es dann meist nur an der frischen Luft.

Wer im Haus erreichbar sein muss, hat schlechte Karten. "Ich habe unter dem Dach einen Fleck, wo es ganz gut ist", erzählt Mirko Volpp, der hier an einer der zwei Seitenstraßen wohnt. Ansonsten bleibe nur das WLAN. "Und das Festnetztelefon", ergänzt der 20-Jährige. Von den Ansprüchen, die Altersgenossen in den Ballungszentren an mobile Kommunikation stellen, hat er sich weitgehend verabschiedet. "Was will man machen."

Offenbar weiß man hier zu gut, dass sich so kleine Dörfer aus wirtschaftlichen Überlegungen nicht für eine Netzerweiterung anbieten. Wenige Einwohner bedeuten wenig potenzielle Kunden. Und die hügelige Topographie verteuert den Ausbau. "Große Waldgebiete und tief eingeschnittene Flusstäler erschweren die komplette Ausleuchtung mit Mobilfunk", sagt eine Vodafone-Sprecherin. Um so eine Region vollständig zu versorgen, seien nicht nur hohe, sondern auch viele Masten notwendig, ergänzt ein Sprecher der Telekom. Die Masten wiederum müssen an eine Glasfaserleitung angeschlossen sein oder das Signal per Richtfunk weiterleiten. 

60 000 Euro – pro Kilometer

Trotz aller Widrigkeiten gibt es in Bittelbronn Überlegungen, selbst aktiv zu werden. Mustafa Hajrulahi, Maler aus Neudenau, hat vor Kurzem ein Haus in Bittelbronn gekauft. Er will sich nicht mit dem schwachen Netz abfinden. Wenn jeder Einwohner ein paar Euro gäbe und die Stadt Möckmühl den Rest zuschießen würde, müsse doch etwas möglich sein, sinniert Hajrulahi. Die Sprecher der Mobilfunkfirmen klären auf: Ein Mast kostet mindestens 100 000 Euro. Die Glasfaserverbindung kostet 60 000 Euro – pro Kilometer. Die Anwohner dürften das kaum stemmen können.

Dennoch behauptet die Telekom, sie sei offen für solche Vorstöße. Der Konzern hält viele Mietverträge mit Privatpersonen. Voraussetzung dafür ist aber unter anderem, dass der Standort über die funktechnischen Voraussetzungen verfügt und nach geltendem Recht eine Genehmigung erhält, betont der Telekomsprecher – und schränkt sogleich ein: „Wir wollen gemeinsam mit den Kommunen Lösungen finden. Grundsätzlich verschließen wir uns einem Ausbau nicht, müssen jedoch den Einzelfall betrachten und dabei auch wirtschaftlich denken.“

Der Bittelbronner Ortsvorsteher Heiko Gieser hat andere Erfahrungen gemacht. Als vor fünf Jahren in Möckmühl Sendeanlagen für den digitalen Polizeifunk notwendig wurden, hätte das Land den Mobilfunkfirmen ein Plätzchen am Mast überlassen. Die Stadt Möckmühl schrieb alle großen Provider an und erläuterte die Möglichkeiten. "Ich habe keine einzige Rückmeldung erhalten", sagt Gieser.

Alle Mobilfunkmasten in Deutschland. Probleme mit der Versorgung gibt es offensichtlich auch in anderen ländlichen Regionen der Republik. (Quelle: Bundesnetzagentur)

 

Standortnachteil für Familien und Wirtschaft

Dabei wäre es für Bittelbronn damals schon wichtig gewesen, aus dem Funkloch herauszukommen und die Internetverbindung zu verbessern. Beides sind zentrale Standortnachteile, für junge Familien ebenso wie für Selbstständige, die erreichbar sein müssen. "Auch ich als Kriminalbeamter habe immer wieder das Problem, dass Leute mich mobil erreichen wollen", erzählt Gieser. Das Handy funktioniere aber nur in einer Ecke des Hauses, und auch da hänge der Empfang von Wetter und Jahreszeit ab. "Im Sommer ist es immer schlechter, wenn die Bäume voller Laub sind."

Dabei ist derartige Infrastruktur mittelfristig überlebensnotwendig für kleine Kommunen. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) hat 2014 eine Studie in Auftrag gegeben, um die Wanderungsmotive im Ländlichen Raum zu erforschen. 

Das Ergebnis: Zwar gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Menschen wegen schlechter technischer Infrastruktur sich für einen Weg- oder gegen einen Zuzug entscheiden. Allerdings sind Internet und stabile Mobilfunknetze ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Und eine stabile Arbeitsmarktsituation sei Grundlage dafür, "dass sich die Abwanderung aus ländlichen Gebieten nicht weiter verstärkt".

Auch der aktuellen Landesregierung sind die Probleme bewusst. Sie fördere den Ausbau intensiv, so ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Er gehe davon aus, dass der Netzausbau zügig weitergeführt wird und derzeit noch vorhandene Versorgungslücken geschlossen werden. "Wenn das Gesamtpaket Infrastruktur stimmt, werden sicher wieder mehr Menschen aus der Stadt auf das Land ziehen."

Zur Selbsthilfe gegriffen

Bis dahin bleibt nur, sich mit der Situation zu arrangieren oder sich selbst zu helfen. So wie der Ventilatorenhersteller EBM-Papst. "Wir haben uns am Hauptsitz in Mulfingen im Jahr 2013 eine Antenne der Telekom aufs Dach setzten lassen. Damit haben wir eine hervorragende Versorgung im Bereich D1 erreicht, was auch unsere Firmenhandys brauchen", sagt Pressesprecherin Linda Hener. 

Dabei ist die mobile Erreichbarkeit auch auf dem Land kein Luxus-Problem. Das hat der Möckmühler Feuerwehr-Kommandant und Technische Koordinator der Stadt, Uwe Thoma, erst kürzlich erfahren. "Ich wurde Zeuge eines Unfalls bei Bittelbronn und wollte die Polizei informieren. Dazu musste ich aber erst nach Möckmühl fahren." Glücklicherweise sei niemand verletzt gewesen. Sonst wären wertvolle Minuten verstrichen.

 

Die Datengrundlage

Die Bundesnetzagentur hat trotz mehrfacher Nachfragen inklusive Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetzt sowie dem Umweltinformationsgesetz keine Auskünfte zu den Standorten der Mobilfunkmasten gegeben. Allerdings bietet die Behörde eine Datenbank an, in der die Standorte auf eine Karte übermittelt werden. Sie sind jedoch erst ab einer gewissen Zoomstufe - und damit nur ausschnittsweise - betrachtbar.

Die Standortdaten aus diesem Artikel stammen aus der Datenbank. Die Standorte werden in Klartext in einer bestimmten Datei an den Browser übertragen. Die Dateien für die verschiedenen Landstriche der Region haben wir abgegriffen und zusammengefügt. Die Rohdaten finden Sie unter diesem Link. Quelle der Daten ist die Bundesnetzagentur, bei Weiterverwendung bitten wir um Nennung der Heilbronner Stimme.

Weitere Hintergründe zur Datenrecherche finden Sie unter diesem Link.

 

Illustration: Droidworker/Fotolia