Craftbeer: Braucht man das?

Diskussion  Am Wochenende findet in Heilbronn die dritte Artbrau-Messe statt, bei der sich alles um das Thema Craftbeer dreht. Stimme.de hat die Aspekte, die für und solche die gegen Craftbeer sprechen, beleuchtet:

PRO von Agnes Hilger

Der erste Schluck ist ein Wagnis. Garantie, dass er schmeckt, besteht nicht - selbst für gefestigte Bierliebhaber. Und darum geht es auch nicht. Es soll nicht allen schmecken. Menschen sind verschieden, ihre Sinnesorgane auch. So verschieden, dass es auf die Geschmacksfrage zum Bier nicht nur zwei Antworten gibt: "Ich mag Bier - ich mag Bier nicht."

Zugegeben, Craftbeer ist ein Trend wie Bärte und Polaroid. Mancherorts ist es sogar ein Hype. Deshalb allen Craftbeer-Genießern Hipstertum zu unterstellen, ist aber weder fundiert, noch ein Gegenargument. Was kann denn das Bier für seine Trinker? Ihm und seinen Brauern geht es vor allem um eines: den Geschmack.

Craftbeer ist entstanden, weil Brauer in den USA sich über Hopfen, Malz, Hefe und Wasser zu langweilen begannen. Sie wollten Neues ausprobieren, experimentierten mit unkonventionellen Zutaten wie Honig oder Kräutern. Und trotzdem bleibt das Bier Bier. Mehr noch: Hopfen, Malz und Hefe sind im Craftbeer besonders hochwertig. Dafür lohnt es sich auch mal, im Supermarkt für eine Flasche so viel hinzulegen wie sonst in der Kneipe.

Gleichzeitig wäre der Gedanke naiv, dass man mit jeder Flasche eine kleine Hinterhof-Brauerei in der Nähe unterstützt. Längst haben die Großen auf dem Biermarkt reagiert. Beck´s ist die größte Brauerei in Deutschland - auch wenn schon dem herkömmlichen Angebot reihenweise der Bierstatus abgesprochen wird. Seit 2015 bietet es neue Sorten an, die an Craftbeer erinnern, ohne sich so zu nennen. Auch der Gigant Bitburger bedient mit "Craftwerk" den Trend.

Authentischer bleibt freilich das Experimentierbier des jungen Enthusiasten. Letztlich aber liegt der Entscheidung nur ein Aspekt zugrunde: der Geschmack.


CONTRA von Tobias Wieland

kom_wieland

Craftbeer? Das kommt mir nicht ins Glas. Der Grundgedanke mag ja seine Berechtigung haben: Beliebiges Industriebier, das allerorts erhältlich ist, soll durch handwerklich und regional erzeugten Hopfensaft verdrängt werden. Das diene der Vielfalt und es ist kein Wunder, dass die Idee aus den USA kommt, wo die großen Marken im Supermarktregal dominieren. Aber bei uns in Deutschland, dem Land der Biervielfalt und der großen Brauereidichte?

Die hiesige Bierwirtschaft ist nicht frei von Problemen, keine Frage. Der Konsum sinkt und sinkt. Aber der fehlende geschmackliche Variantenreichtum ist sicher keines der Hauptprobleme - auch ohne Craftbeer -, zumindest wenn man genau hinschaut. Hierzulande gibt es mehr als 1400 Braustätten, die mehrere tausend verschiedene Biere herstellen - darunter regionale Spezialitäten wie Rauch-, Bock-, Zwickel- oder Schwarzbier. Es gibt Bier, das von Nonnen gebraut wird und solches, das schmeckt, als würde man gerauchten Schinken trinken. 

Craftbeer dagegen hat mit seiner Grundidee nur noch wenig zu tun und ist längst zu einem Geschäft geworden. So mancher Jungbrauer von Mikrobrauereien ärgert sich bereits über die Begrifflichkeit, so verwässert ist sie inzwischen. Craftbeer ist ein Trend, der vorübergeht, wie Pokémon jagen oder Streetfoodfestivals veranstalten, und dazu noch einer, für den man gerne mal ein paar Euro zu viel verlangen kann. 

Wer sich in Deutschland am Bier langweilt, weil er auf geschmacklich durchschnittliches Fernsehbier setzt, der ist selbst Schuld - und braucht sich nicht am Craftbeer bedienen, um einmal Abwechslung zu erleben. Zwar ist die regionale Bierlandschaft durch die Veränderungen beim Biberacher Kronen Bräu leider weiter geschwächt worden. Doch es gibt sie noch, die kleinen Spezialitätenbrauereien, in Oberfranken sogar in jeder noch so kleinern Ortschaft. Sie haben Schwierigkeiten diese zu finden? Ich helfe Ihnen gerne. 

 

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Weitere Infos zur Messe unter www.artbrau.de