Sanfte Hilfe für den kleinen Schreihals

Renate Dilchertlisalucia/Fotolia

Sanfte Hilfe für den kleinen Schreihals
Wenn Babys ständig schreien, liegen die Nerven bei den Eltern schnell blank. Osteopathie kann unter Umständen helfen, das Problem zu lösen.

Manchmal sind junge Eltern komplett hilflos: Wenn das Baby Tag und Nacht schreit, liegen die Nerven schnell blank. Doch aufgeben gilt nicht − ein Besuch beim Osteopathen kann unter Umständen das Problem lösen.

"Ein Kind hat immer einen Grund, warum es schreit", sagt Elisabeth Mende-Geyer, Heilpraktikerin und staatlich anerkannte Osteopathin (WPO-Hessen) aus Oedheim. Vom Geburtstrauma über diverse körperlicher Aspekte bis zur Reizüberflutung im Alltag kämen viele Ursachen infrage. Am Anfang steht deshalb ein ausführliches Gespräch mit den Eltern, bei dem auch alltägliche Abläufe, Still- und Schlafgewohnheiten erörtert werden. Sodann wird der kleine Patient von Kopf bis Fuß untersucht, Reflexe gecheckt, Bewegungen getestet und Strukturen ertastet. Denn sie spielen in der Osteopathie eine ganz besondere Rolle.

"Leben ist Bewegung", lautet der wichtigste Grundsatz der Lehre − Krankheit entsteht demnach dort, wo Bewegung verhindert wird. Ob Knochen, Muskeln und Gelenke, Bindegewebe, Eingeweide oder Nerven: Für die Osteopathie besteht der Organismus aus unzähligen Strukturen, die miteinander direkt oder indirekt zusammenhängen und in Wechselwirkung zu ihrer Funktion stehen. Nur im Zusammenspiel ergeben die Einzelteile ein funktionierendes Ganzes. So können zum Beispiel Zwerchfellverspannungen dazu führen, dass das Kind ständig spuckt. Aber nicht jedes Speikind ist behandlungsbedürftig − das herauszufinden, ist Sache eines kompetenten Osteopathen.

"Wir wollen nicht die Symptome, sondern die Ursachen behandeln", erklärt Mende-Geyer. "Unser Ziel ist, dass sämtliche Strukturen im Körper ihre natürliche Beweglichkeit aufnehmen können." Dabei arbeiten Osteopathen mit den Händen, sanfte Griffe sollen den kindlichen Körper wieder ins Gleichgewicht bringen. Je eher die Therapie beginnt, desto besser − denn dann haben sich die Einschränkungen noch nicht verfestigt. "Babys tut die Behandlung nicht weh", versichert Mende-Geyer, "die meisten schlafen währenddessen sogar ein."

Begleitende Therapie

"Osteopathie ist eine Komplementärtherapie, die ergänzend und begleitend zur Betreuung durch den Kinderarzt stattfinden sollte", betont Mende-Geyer. Eltern sollten sich die Qualifikation des Therapeuten genau anschauen. Die Ausbildung ist bundesweit nicht einheitlich geregelt und reicht vom 30-Monate-Teilzeitkurs bis zum fünfjährigen Vollzeitstudium. Osteopathen müssen, soweit sie weder Arzt noch Heilpraktiker sind, die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde nach dem Heilpraktikergesetz erwerben. Pädiatrische Weiterbildungen sind nach Ansicht der Oedheimerin eine unabdingbare Voraussetzung für die Behandlung des Nachwuchses. Angewandt werden kann die Osteopathie nicht nur bei Spei- oder Schreikindern, sondern bei einer Vielzahl von Beschwerden oder Auffälligkeiten im Säuglingsalter.

"Saughemmung ist ein Riesenthema", sagt Mende-Geyer. Denn wenn ein Baby nicht saugen kann, muss es künstlich ernährt werden. "Dabei liegt oft nur eine winzige Verschiebung im Kehlkopf- oder Gaumenbereich vor." Gute Erfolge kann die Osteopathie auch bei Schädelasymmetrien vorweisen, die sich etwa durch Lagerungsfehler entwickeln können. Auch bei Hüftdysplasien oder Bauchnabelbrüchen könnnen Osteopathen begleitend zur konventionellen Behandlung tätig werden.

"Wir wenden bei Säuglingen niemals chiropraktische Techniken an", erklärt Mende-Geyer. "Einrenken ist tabu." Das gilt auch bei Halsschiefstellungen oder dem sogenannten Kiss-Syndrom. Als Ursache dafür wird eine Fehlstellung des Atlas genannten oberen Halswirbels angenommen. "Bei Säuglingen besteht der Atlas aus drei knorpeligen Anteilen, die mit weichem Gewebe verbunden sind", erklärt Elisabeth Mende-Geyer. "Den kann man gar nicht manipulieren." Stattdessen finden sich häufig Verkürzungen oder Verspannungen in Muskeln oder in den zum Bindegewebe gehörenden Fazien, die oft schnell gelöst werden können.