Heilkraft aus Wurzeln und Beeren

Region  Bevor es kalt wird, muss die Ernte eingefahren werden, auch bei "Kräuterfrau" Ingrid Hagner.

Von Ulrike Plapp-Schirmer

Heilkraft aus Wurzeln und Beeren
Grob reinigt die Kräuterfrau die ausgegrabenen Wurzeln vom Schmutz, bevor sie sie in die Küche trägt.

Die Sonne reißt sich noch einmal am Riemen und schickt ihre letzten kräftigenden Strahlen. Bevor es kalt wird, muss die Ernte eingefahren werden. Kartoffeln, Rüben, Zwiebelgewächse und Sellerie kommen ins Winterquartier. Kräuter für wohltuende Tees wurden bereits im Frauendreißiger, der Zeit zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Namen (12. September), geerntet. Sie hängen nun als trockene Sträuße an der Leine. Der bevorstehende Oktober ist die Zeit der Beeren und Wurzeln.

Bei Ingrid Hagner geht es jetzt darum, letzte Vorräte anzulegen. Sie gräbt noch Wurzeln von Beinwell, Wegwarte und Löwenzahn aus, um daraus Salben, Tinkturen oder Bitterliköre herzustellen. Sie sammelt aber auch Hagebutten, Brombeeren und Weißdorn. Das ganze Jahr über ist Ingrid Hagner als Kräuterfrau unterwegs. Sie sammelt im Januar/Februar Scharbockskraut, um ihrem Salat mit ein paar wenigen Blättern den ersten Kick des Jahres zu verpassen. Sie pflückt Huflattich zur Stärkung der Abwehr oder frische Brennesselblätter zum Entschlacken.

Seit sie in den 60er Jahren zum ersten Mal ein Buch des französischen Pflanzenheilkundlers Maurice Mességué gelesen hat, ist Ingrid Hagner begeistert von der Heilkraft, die in Blüten, Blättern, Wurzeln und Beeren steckt. Diese Begeisterung gibt sie bei Führungen in Heilbronn, Bad Wimpfen, Bad Rappenau oder Gundelsheim weiter. Ab und zu lässt sie sich bei der Zubereitung ihrer Salben, Tinkturen und Liköre aber auch über die Schulter schauen.

Lecker: Bärlauchsamen

Ein Glas ums andere reiht sich auf ihrer Kellertreppe, alle gegen unterschiedliche Beschwerden oder einfach nur für den guten Geschmack. Sie sind beschriftet, "sonst weiß man am Ende nicht mehr, was drin ist". An einem sonnigen Fenster Richtung Westen reifen Ingrid Hagners Ansätze für Beerenlikör, Liebestrank und Kräutertinktur. Die Schraubgläser in ihrem Vorratsschrank enthalten getrocknete und gemahlene Hagebutten fürs Müsli und eigene Kräutermischungen für die Tomatensoße. Pesto aus Brennnesseln und Giersch hat Ingrid Hagner eingefroren, gezuckerte Veilchen in Dosen verwahrt, die Samen des Bärlauchs eingelegt.

Rezept 1: Die Samen, solange sie noch grün sind, abstreifen, waschen, kurz blanchieren, abschrecken, in kleine Schraubgläschen füllen, Knoblauch und Senfkörner nach Belieben zugeben und wie Gurken mit einem Sud aus Essig, Zucker und Salz kochend übergießen. Wie grünen Pfeffer verwenden.

Ihr selbst gemachtes Kräutersalz füllt ein Jumboglas aus der Gastronomie. Zur Erfrischung trinkt sie gerne einen Wiesentrunk aus Rosenblättern und -sirup, Labkraut, Brennnesseln, Giersch und Nachtkerze, mit Mineralwasser aufgefüllt.

Das, was sie jetzt noch für ihre Herbst- und Winterseminare braucht, holt sie aus ihrem eigenen, verwinkelten Kräutergarten in Obereisesheim. "Wurzelgraben ist eine Schinderei", stöhnt sie, als sie die Grabegabel in die trockene Erde stößt. Und irgendwann sagt sie auch, dass sich das Sammeln von Heilkräutern und Wurzeln finanziell ebenso wenig lohnt wie das Kochen von Marmelade. Doch darum geht es gar nicht. "Vieles, was man sammelt, hat vor allem einen kulinarischen Effekt", sagt sie. Die Vielfalt der Natur spiegelt sich in einer guten Kräuterküche wider. "Und es macht Spaß." Oder lindert sogar Ischias und Arthrose, die jeder Gärtner irgendwann einmal bekommt. Bewährt hat sich hier der wuchsfreudige Giersch, von dem diejenigen, die ihn im Garten haben, sowieso viel zu viel haben.

Rezept 2: Giersch samt Wurzeln ausgraben, Grünzeug entfernen, säubern und klein schneiden. Schraubglas locker füllen und Doppelkorn aufgießen. Vier Wochen ziehen lassen. Wichtig: "Man nimmt immer nur so viel, wie man braucht, und lässt für die Natur und für andere auch noch was stehen."

Über industriell gefertigte Lebensmittel, Fertigmischungen, Massentierhaltung oder die Pharmaindustrie muss man mit Ingrid Hagner nicht streiten. Man habe doch die Wahl, sagt sie, während sie die Wurzeln rauszieht. Man könne doch für sich entscheiden, ob man rausgehe und Obst und Kräuter sammele oder ausschließlich im Supermarkt einkaufe.

Auch sie geht nicht jeden Tag raus zum Ernten. Trotzdem kommt bei Ingrid Hagner jeden Tag etwas Selbstgemachtes auf den Tisch. Kuchen mit eigenen, frisch geernteten Äpfeln bekommt der Besuch. Sehr gut.

Der Boden ist an dem Tag, an dem Ingrid Hagner gräbt, steinhart. Das hat den Vorteil, dass die Wurzeln leichter zu reinigen sind. Auf dem Weg in den hintersten Teil ihres zwölf Ar großen Paradieses stößt sie auf eine Pflanze, die wild aufgegangen ist: Hundspetersilie! Hochgiftig!!! "Deshalb wird sie auch der Schierling des Gartens genannt", erklärt Ingrid Hagner. Und: "Wegen dieser Pflanze wurde die glatte Petersilie gezüchtet, damit es zu keinen Verwechslungen mehr kommt." Der Fund zeigt sehr anschaulich, dass man als Anfänger am besten mit einer erfahrenen Kraft und einem guten Bestimmungsbuch in der Hand zum Kräutersammeln geht.

Vitaminreich: Weißdorn

Für das Sammeln von Wurzeln gibt es gute und weniger gute Tage. "Aber daran halte ich mich nicht", sagt Ingrid Hagner hemdsärmelig. Der Grund ist einfach: "Es passt zeitlich nie richtig rein: Ich muss graben, wenn ich Zeit habe und das Wetter stimmt."

Ingrid Hagner ist ein spontaner, begeisterungsfähiger Mensch, auch, wenn sie unterwegs Pflanzen findet, die sie für ihren Garten brauchen kann: Der Weißdorn, der in einer Ecke ihres Gartens gedeiht, war im Klostergarten in Bad Wimpfen im Tal wild aufgegangen. In einer Schale in ihrem Gewächshaus sind Engelwurz-Samen aufgegangen, die von ausrangierten Pflanzen der Landesgartenschau in Öhringen stammen. Die Engelwurz-Stängel kann man kandieren und naschen, die Samen zum Aromatisieren von Likören verwenden. Doch Vorsicht. "Engelwurz darf man nicht in der Sonne ernten. Da kann man Ausschlag bekommen." Auch gut zu wissen.

Die Kirschessigfliege hat den Brombeeren zugesetzt. Der Ertrag ist gering. "Das ist jedes Jahr anders. Und das ist auch das Spannende an der Natur", sagt Ingrid Hagner und geht weiter. Das Wissen um die Heilkraft von Pflanzen ist in ihren Augen ein "Volksgut". Nie hat sie aufgehört, sich damit zu beschäftigen und ihr Wissen weiter zu geben. Jetzt fährt sie vorsichtig mit der Grabegabel an der Pflanzen herunter, um eine möglichst große Wurzel zu erhalten. Der Beinwell, der als letztes geerntet wird, ist prächtig, aber hartnäckig. Er eignet sich besonders gut für eine Salbe.

Rezept 3: Dazu die weiße, klebrige Beinwell-Wurzel so klein wie möglich schneiden, in ein Glas füllen und mit einem guten Olivenöl aufgießen. An einem warmen Ort mehrere Wochen stehen lassen. Das Öl abgießen und zusammen mit Bienenwachspellets aus der Apotheke erwärmen. Wie beim Marmeladekochen ein wenig auf einen Teller geben. Wird es fest, Masse in Tiegel abfüllen.

Den Winterblues vertreibt Ingrid Hagner mit Hilfe der Wegwarte.

Rezept 4: Ein kleines Stück Wegwartewurzel, "nicht zu viel, sonst wird er gallenbitter", mit einem Stück Löwenzahnwurzel, Ingwer, Nelken, Zimt, Sternanis und Kardamon mischen und mit Doppelkorn auffüllen. Den Ansatz vier Wochen stehen lassen, Kandiszucker dazu und mit Korn auffüllen. "Das gibt man Menschen, die ein bisschen griesgrämig sind", rät Ingrid Hagner.

Ihre Faszination für die Natur, ihr regionales Engagement für den Erhalt von Kräutergärten und das Wissen um die Verwertung von Pflanzen treiben die 70 Jahre alte Obereisesheimerin unermüdlich an. "Es ist einfach faszinierend", sagt sie strahlend, und meint damit das große Ganze. Und dann fügt sie kämpferisch an: "Wenn wir etwas behutsamer mit der Natur umgehen würden, könnten unsere Kinder und Kindeskinder das alles auch erleben." Flächenverbrauch und Pestizideinsatz würden viel von dem vernichten, was ihr so viel bedeutet.