Eine Baustelle nach der anderen

Pulver, Pillen und Trinkdiät: Was gegen Übergewicht hilft

Von Sophia Weimer, dpa

Eine Baustelle nach der anderen Text Sophia Weimer, dpa     Foto fox17/Fotolia

Es klingt so einfach: Ein paar Pillen schlucken oder Pulver verrühren, und schon schmilzt das Fett. So kennt man es aus der Werbung. Dass es in der Realität nicht so einfach ist, ist vielen klar. Noch schwieriger wird es, wenn man schon viele Diäten hinter sich hat. Aber was hilft wirklich? Sind Abnehmprodukte sinnvoll, rausgeschmissenes Geld − oder sogar gefährlich?

Der wohl größte Markt an Abnehmprodukten gehört den Formula-Produkten − Pulver, die in Wasser oder Milch gerührt werden und eine oder mehrere Mahlzeiten am Tag ersetzen sollen. "Viele haben aber von diesen Trinkdiäten schnell genug", sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Schließlich bleibt der Genuss dabei ziemlich auf der Strecke. "Außerdem sind die Werbeversprechen übertrieben." Eines der Probleme mit den Getränken stellt sich vor allem dann ein, wenn der Abnehm-Willige nur einzelne Mahlzeiten damit ersetzt: Er isst zu den anderen Mahlzeiten oder zwischendurch automatisch mehr. Der Effekt des Drinks geht damit gegen null.

Vor- und Nachteile

Bei stark Übergewichtigen könnten die Formula-Produkte aber eine Starthilfe sein, sagt Schwartau. Der Vorteil: Über solche Getränke können Betroffene eine genau abgemessene Kalorienmenge zu sich nehmen, ergänzt Lars Selig, Diätassistent und Leiter des Ernährungsteams an der Uniklinik Leipzig. Auch alle wichtigen Vitamine seien in den meisten Produkten enthalten. Aber auch er meint: Die Trinkdiäten funktionieren nur, wenn man es ganz exakt macht. "Es funktioniert unter ärztlicher Aufsicht, wenn man nichts isst, sondern nur drei bis fünf Drinks − je nach Sorte − am Tag trinkt. Und das für sieben bis zehn Tage", sagt Selig. Danach isst man zuerst eine Mahlzeit wieder normal und steigert sich langsam.

Das sei beispielsweise hilfreich, wenn Menschen sehr viel abnehmen wollen oder müssen − und nach ersten Erfolgen eine frustrierende Durststrecke kommt. "Das funktioniert kurzfristig, schließlich stellt man die Ernährung komplett um: Dann muss man aber grundsätzlich an seiner Ernährung drehen", sagt Professor Andreas Fritsche vom Lehrstuhl für Ernährungsmedizin und Prävention am Universitätsklinikum Tübingen. "Eigentlich sind alle Diäten, die auf Mangel oder Beschränkungen basieren, abzulehnen oder sogar gefährlich." Wer etwa plötzlich komplett auf Kalorien verzichte, versetze seinen Körper in einen Notstand. "Da herrscht Alarmstimmung, die Stresshormone gehen hoch", sagt Fritsche. Und: Mit jeder Diät, bei der man sich stark einschränkt, sinkt auch der Energiestoffwechsel − der Körper versucht mit aller Macht, die Vorräte zu halten. Das Abnehmen wird doppelt schwierig. Der Körper passt sich sogar an: "Je mehr Diäten man macht, desto weniger wirken die", sagt Lars Selig. Wer beispielsweise schon in der Pubertät mit den Abnehm-Versuchen startet, Jojo-Effekte erlebt und die nächste Diät macht, der hat seinen Stoffwechsel mitunter so sehr in die Knie gezwungen, dass Abnehmen kaum noch möglich ist.

Aber in der Werbung gibt es noch andere Erfolg versprechende Mittel. So sollen spezielle Pillen das Fett aus der Ernährung binden. "Aber auch das kann kaum jemand länger durchhalten, weil man schlimme Fettdurchfälle davon bekommen kann", so Selig. Auch der Erfolg halte sich in Grenzen.

Bei den meisten anderen Mitteln sei die Wirksamkeit nicht nachgewiesen, Hinweise auf der Packung wie "Wirksamkeit bestätigt" beziehen sich teils nicht auf den Abnehm-Effekt. Und wieder andere haben so starke Nebenwirkungen, dass sie zum Abnehmen nicht genommen werden dürfen.

Persönliche Schwächen

Aber was hilft dann wirklich gegen die Pfunde? Klar ist: Wer mehr verbraucht, als er zu sich nimmt, nimmt ab. Aber das ist leichter gesagt als getan. Wichtig ist erst einmal, sich seiner persönlichen Schwächen bewusstzuwerden, empfiehlt Silke Schwartau. Was esse ich den Tag über? Mal am Wochenende ein Stück Kuchen ist sicher nicht das Problem. Aber die allabendlichen Chips? Oder isst man jeden zweiten Tag Pommes, eine große Portion Schoko-Knusper-Flakes oder trinkt regelmäßig Limo? Wer sich nicht sicher ist, wo das Problem liegt, dem empfiehlt Selig, eine Woche ein Ernährungs-Tagebuch zu führen, um so das Hauptproblem auszumachen − und zuerst wirklich nur dieses anzugehen. Denn: Je kleiner die Veränderung, desto einfacher und langfristiger lässt sie sich umsetzen. Beispiel: Wer jeden Tag im Büro die Kekse aus der Schublade isst, ersetzt sie vielleicht durch einen Apfel. Alles andere behält er erst mal bei − nach mehreren Wochen hat sich der Körper daran gewöhnt, und man kann überlegen, ob man eine weitere Ernährungs-Baustelle angehen will. "Nur wer Baustein für Baustein ungünstige kaloriendichte Lebensmittel austauscht, kann seine Lebensgewohnheiten ändern", sagt Fritsche. Was bei ihm wirke, müsse jeder selbst herausfinden. "Es ist auch genetisch bedingt, ob mich eher fettreiche Ernährung oder vielleicht Zucker dick macht."