ADHS wächst mit

Eva Dignös, dpa

ADHS wächst mit

Die Diagnose ADHS ist keine wie Husten oder Windpocken. Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung wird gern mit dem Etikett "Modekrankheit" versehen, auch wenn wissenschaftlich an ihrer Existenz keine Zweifel mehr bestehen. "Es gab früher nicht weniger Betroffene − die öffentliche Aufmerksamkeit für ADHS hat sich aber heute im Vergleich zu früher geändert", sagt Michael Schönenberg, in der ADHS-Forschung tätiger Psychologe an der Universität Tübingen. Bei rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland hat laut einer Studie des Robert Koch-Instituts schon einmal ein Arzt oder Psychologe die Diagnose ADHS gestellt. Von Erwachsenen mit ADHS dagegen spricht kaum jemand.

Leitsymptome

"Die Bedeutung und die Auswirkungen von ADHS bei Erwachsenen werden vollkommen unterschätzt", sagt Astrid Neuy-Bartmann, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie in München. Sie ist auf die Behandlung von ADHS bei Erwachsenen spezialisiert. Denn die Aufmerksamkeitsstörung verschwindet mit den Jahren nicht. Rund 60 Prozent derjenigen, die in jungen Jahren von ADHS betroffen waren, haben auch als Erwachsene noch Symptome. "Die Hälfte von ihnen sind in ihrer Lebensgestaltung erheblich beeinträchtigt", sagt die Ärztin. Drei Leitsymptome, die unterschiedlich stark auftreten können, kennt die Diagnostik bei Kindern: Sie lassen sich leicht ablenken, sind sehr impulsiv und haben ein großes Bedürfnis nach Bewegung. Bei Erwachsenen ist das Bild vielschichtiger. "Ein Erwachsener mit ADHS kann nach außen hin sehr ruhig wirken, trotzdem aber eine große innere Unruhe verspüren", erläutert Christian Mette, Leiter der Forschergruppe ADHS bei Erwachsenen am LVR Klinikum Essen, das eine Spezialsprechstunde eingerichtet hat.

Viele der Ratsuchenden dort forschen nach einer Ursache für die Probleme, mit denen sie im Job oder in der Partnerschaft kämpfen. Beziehungen scheitern an Gefühlsausbrüchen, am Arbeitsplatz gibt es Ärger, weil Projekte nicht fertig werden. ADHS-Patienten haben ein höheres Risiko für Suchterkrankungen, manche verschulden sich, weil sie nicht in der Lage sind, einen Überblick über ihre Finanzen zu behalten. "Viele Patienten haben einen langen Leidensweg hinter sich", sagt der Psychologe.

Ob wirklich ADHS dafür verantwortlich ist, erfordert intensive Untersuchungen. "Wichtig ist eine sorgfältige Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen", sagt Mette. Entscheidende Hinweise liefert die Biografie: "ADHS tritt nicht plötzlich im Erwachsenenalter auf, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben." Auch eine ADHS-Diagnose beim eigenen Kind könnte ein Anlass sein, sich untersuchen zu lassen. "Es gilt als gesichert, dass ADHS zu einem hohen Prozentsatz erblich ist", sagt Medizinerin Neuy-Bartmann. Die Ursachen für ADHS sind noch nicht vollständig erforscht. "Man weiß, dass es zu Abweichungen bei der Informationsverarbeitung im Frontalhirn kommt, das zuständig ist für die Verhaltensregulierung, für Entscheidungen und die Auswertung von Erfahrungen", erläutert Neuy-Bartmann. "Der ADHS-Betroffene ist nicht in der Lage, die Fülle der Informationen sinnvoll zu sortieren und zu nutzen."

Wie stark sich das letztlich im normalen Alltag auswirkt, hängt auch davon ab, wie strukturiert das Leben abläuft. Stress, emotionale Belastungen oder schwierige Familienverhältnisse können ADHS-Symptome verstärken.

Strategien

Umgekehrt gilt aber auch: "Nicht jede ADHS muss behandelt werden", sagt Neuy-Bartmann. Entscheidendes Kriterium ist, ob die Aufmerksamkeitsstörung das Leben maßgeblich beeinträchtigt: "In der richtigen beruflichen Nische sind viele Menschen mit ADHS häufig sehr kreativ, weil sie ständig neue Ideen entwickeln."

Strategien gegen die innere Unruhe, gegen die Ablenkbarkeit zu entwickeln, ist deshalb wichtiger Bestandteil der Therapie, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf die Einnahme von Psychopharmaka reduziert wird. "Manche Betroffene brauchen neben einer Psychotherapie Medikamente, manche nicht, das hängt immer auch von der Lebenssituation und vom Leidensdruck ab", sagt Mette.